Bernhard Amann:

„Die Technokraten reißen einfach alles an sich“

Vorarlberg
13.09.2026 08:00

Bernhard Amann (72) über Ängste junger Menschen, Probleme im Gesundheits- und Sozialbereich und eine zu brave Jugendarbeit.

„Krone“: Herr Amann, in einem kürzlich auf Instagram veröffentlichten Video sprechen Sie darüber, dass die Ängste angesichts des aktuellen Weltgeschehens stark zugenommen haben.
Bernhard Amann: Ja, das ist definitiv so, gerade bei vielen jungen Leuten sind die Ängste größer geworden. Man sieht, dass sie sehr in sich gekehrt sind. Sie sind zwar in den Sozialmedien sehr präsent, die direkte Kommunikation ist aber sehr stark zurückgegangen. Und damit auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen und Ängsten. Man muss sehr viel nachgraben, damit man weiß, wo die Ursachen liegen. Und viele ziehen sich in den Konservatismus zurück.

Wie geht es Ihnen persönlich in dieser Zeit?
Relativ gut. Ich konzentriere mich auf meine Sachen: Wertschätzung, Humanität, sich für die gute Sache einsetzen im Sinne der Solidarität mit den Menschen. Ich habe mir von Schlingensief übernommen, dass man nur im Kleinen wirklich was verändern kann. Meine Festungen sind das ProKonTra, das Ex & Hopp, die Stadtratsfunktion, die Wohnungsvergabe. Da kann ich relativ viel bewegen. Ich bin jetzt 72 Jahre alt, könnte schon lange in Pension sein. Aber ich tu das wirklich gern und war eigentlich immer autonom in dem Sinn. Ich habe keinen Chef und kann mehr oder weniger tun, was ich will.

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Die Politik müsste viel mutiger sein. Ist sie aber nicht. Da bewegt sich gar nichts. Und der ganze Populismus und Rassismus schadet nur uns selbst.

Bernhard Amann

Wie sehen sie die politischen Entwicklungen?
Die Politik müsste viel mutiger sein, ist sie aber nicht. Da bewegt sich gar nichts. Und der ganze Populismus und Rassismus schaden nur uns selbst. Wir müssen schauen, dass wir unsere Menschlichkeit beibehalten. Und wir müssen auch schauen, wie es mit dem Kapitalismus weitergeht. Ich bin überzeugt, dass das Ganze irgendwann implodieren wird. Man kann nicht laufend nur wachsen, wachsen, wachsen. Wir verbrauchen auch zu viele Ressourcen: Ich bin kein Grüner, aber so rücksichtslos, wie wir alles verbrauchen, schaden wir schlussendlich nur der jungen Generation.

Bernhard Amann könnte längst in Pension gehen, für ihn wäre es allerdings wohl ein Unruhestand.
Bernhard Amann könnte längst in Pension gehen, für ihn wäre es allerdings wohl ein Unruhestand.(Bild: Harald Küng)

In vielen Bereichen – Gesundheit, Soziales, Kultur, etc. – werden Förderungen massiv gekürzt. Wie nehmen Sie das wahr?
Die Ursache für diese Bredouille sind die Covid-Förderungen der damaligen schwarz-grünen Bundesregierung. Ich glaube 38 Milliarden Euro oder irgendwas – ganz brutal. Das hat uns auf allen Ebenen hineingerissen, nun spüren wir eben die Spätfolgen davon. Viele Vereine und Betriebe haben damals ja voll abkassiert. Und nun krallen sich die großen Organisationen die Fördergeschichten, während das eigentliche Empowerment im Land, die Selbsthilfe, dieses „stürzt die Experten von der Pyramide“ immer mehr untergeht. Das wiederum geht natürlich auf Kosten der Patienten und Klienten.

Stichwort Patienten: Sie haben zuletzt immer wieder die Entwicklungen in Maria Ebene kritisiert. Warum?
Maria Ebene ist ein klassisches Beispiel, wie das Image eines Sozialbereichs in Grund und Boden gefahren wird. Es gab Personalkonflikte, Lukasfeld wurde zugesperrt, und jetzt ist mittlerweile alles da oben: Drogenkranke, Spielsüchtige, Alkoholiker etc. Es heißt, das sei „State of the Art“, aber ich finde das furchtbar, das ist ein völliger Blödsinn. Da wurden Defizite produziert, und nun versucht man, das Ganze durch Umstrukturierungen in den Griff zu bekommen. Da geht wieder viel Geld verloren.

Wie sehen Sie den Suchtbereich in Vorarlberg allgemein aufgestellt?
Da liegt ganz viel im Argen. Jetzt sollen in Bregenz und Bludenz Tageskliniken implementiert werden. Aber wir sprechen hier von eingefahrenen Verhaltensweisen, die teilweise bereits Jahrzehnte andauern. Das kann man nicht mal lässig ambulant machen. Es geht nicht, dass man da täglich mal vorbeischaut, sich zehn Deka Fürsorge und ein paar moralische Tritte abholt und dann geht man wieder heim. Das spielt sich nicht. Aber es geht halt nur noch um Strategien und Selbsterhaltung, nicht mehr um den Menschen persönlich. Und das tut mir schon weh.

Wie würde für Sie ein gängiges Konzept aussehen?
Ich bin im Sozialbereich für eine völlige Dezentralisierung. Ich habe einst bei Franco Basaglia (Anm. d. Red.: ein italienischer Psychiater) praktiziert. Er hat alle Klapsmühlen in Italien aufgemacht. Das wäre auch mein Ding: eine gänzlich dezentralisierte Psychiatrie. Wichtig ist einfach, dass der Mensch im Vordergrund steht. Dezentral bedeutet für mich deshalb auch, dass ich Betroffene teilweise in den Entscheidungsprozess mit hineinnehme. Psychiatrie ist mir auch ein großes Anliegen. Und da fault es. Es fehlt das Personal. Die Fluktuation im Sozialbereich fußt aber eben auch auf den rigiden Strukturen. Der Träger gibt etwas vor und fertig, aus, Amen. Doch kleinere Organisationen, Selbstverwaltung, Selbstorganisation, das war alles einmal sehr wichtig. Auch als ich die Jugendhäuser und Kulturzentren aufgebaut habe. Aber es hat sich alles verändert. Nicht nur im Sozial- oder Gesundheitsbereich, auch in der offenen Jugendarbeit.

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Ich bin im Sozialbereich für eine völlige Dezentralisierung. Das bedeutet auch, dass ich Betroffene teilweise in den Entscheidungsprozess mit hineinnehme.

Bernhard Amann

Inwiefern unterscheidet sich die Jugendarbeit von damals von jener von heute?
Ich war 25 Jahre lang Bundesobmann der offenen Jugendarbeit. Viele Zentren waren völlig autonom und verschieden. Wir hatten anfangs elf unterschiedliche Initiativen vom hintersten Bregenzerwald bis nach Schruns. Das war super. Dann wurden Konzepte entwickelt, es folgten uniforme Förderrichtlinien, die Sozialarbeit kam dazu. Verstehe ich, alles klar. Aber heute ist die Jugendarbeit glatt gebügelt und hat nicht mehr diese Bewegungsfreiheit. Es bräuchte für Jugendkultur einen neuen Bereich, wo man das, was wir früher umgesetzt haben – all die Konzerte und kreativen Prozesse, etc. – machen und auch wieder was riskieren kann.

Wie kam es Ihrer Meinung nach zu diesem Wandel?
Es war eine andere Zeit, eine andere Gesellschaft. Früher waren in der Jugendarbeit wirklich kritische und kreative Leute. Wir haben damals immer den gesamtgesellschaftlichen Diskurs gemacht und gefordert, sei es in der Drogenpolitik, der Schulpolitik, weiß Gott was. Wir haben gesagt, wir wollen nicht nur Pflaster picken, sondern wir wollen politisch was verändern – in der Schule, Arbeit, Familie, Freizeit. Ich habe nichts gegen konservative Menschen, aber ich habe ein Problem damit, wenn man das eigene konservative Lebenskonzept anderen aufoktroyieren will. Und die Politik hat mitgemacht, hat diesen Diskurs mit uns geführt. Auch wenn sie noch so konservativ war.

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Ich habe nichts gegen konservative Menschen, aber ich habe ein Problem damit, wenn man das eigene konservative Lebenskonzept anderen aufoktroyieren will.

Bernhard Amann

Die Entwicklung geht aber mancherorts bereits in eine andere Richtung. In Lustenau und Feldkirch ist die Jugendarbeit ja seit einigen Jahren in Gemeindehand.
Das stimmt. Und diese Verstaatlichung der Jugendarbeit geht völlig an der Realität vorbei. Da sind derzeit überall Technokraten am Werk, die alles an sich raffen, vom Sozial- über den Gesundheits- und Pflegebereich bis zur Jugendarbeit. Aber wenn ich eine offene und freie Jugendarbeit will, dann brauche ich auch offene und freie Träger. Und wenn man als Entscheider die Betroffenen, in diesem Fall die Jugendlichen, einbindet, kriegt man als Gesellschaft am meisten zurück. Jugendarbeit soll kein „Überbravungsprojekt“ werden. Es braucht sie vor allem für die Alleingelassenen, deren Eltern zuhause völlig überfordert sind. Aber anstatt ein entsprechendes Umfeld und eine entsprechende Förderung zu schaffen, meint man, man müsse sich anpassen. Es müsste meiner Meinung nach aber auch mehr vom Dachverband, der Koje, kommen. Die sind ja alle so brav dort, da kommen mir die Tränen. 

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