Eine Umfrage der Caritas unter Menschen, die sich für den Beruf der Pflege und Sozialbetreuung entschieden haben, sollte die Politik zum Nachdenken bringen: Denn wer glaubt, dass der Personalmangel in diesem Feld von der schweren Arbeit und anderswo besserem Verdienst kommt, ist auf dem Holzweg.
Zur Pflegemisere und den noch bedrohlicheren Prognosen für die Zukunft einer alternden Gesellschaft sagen viele etwas: Experten, Volkswirte, und Politiker sonder Zahl. Selten hört man dazu aber etwas von denen, die aus tagtäglicher Erfahrung wissen, wovon sie reden – Menschen im Pflegeberuf selbst. Die Caritas hat das nun mit einer Umfrage unter 575 Auszubildenden an ihren hauseigenen Schulen für Pflege und Sozialbetreuung geändert.
Wer in die Pflege will, ist „Überzeugungstäter“
Geht es nach den Antworten, ist die Debatte um Personalmangel und hohe Berufsaussteiger-Raten in Pflege und Sozialbetreuung bisher offenbar zu einem Gutteil an den wirklichen Problemen vorbeigelaufen. Das beginnt damit, dass 89,4 Prozent aller Menschen, die sich für diesen Beruf entscheiden, dauerhaft in diesem Beruf bleiben wollen. Bemerkenswert: Nach den ersten Praktika im Pflegealltag steigt die Entschlossenheit sogar.
In dem Beruf bekommt man viel mehr zurück als man gibt. Mich ärgert, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man sich im Alter Ruhe und Würde verdient hat.

Sandra Koch-Castañeda, 52, ehemalige Versicherungsangestellte
Bild: Zwefo
Wenn man mit einem Demenzkranken, der seit Wochen nicht mehr sprechen kann, immer wieder gemeinsam Melodien singt, und der dann plötzlich „Danke“ sagt, dann wiegt das jeden Aufwand auf.

Bernhard Novak, 41, ehemals im Verkauf tätig
Bild: Zwefo
In der Ausbildung wurden so ziemlich alle meine Annahmen auf den Kopf gestellt: Das, was man sich schwer vorgestellt hat, ist gar nicht so schwer, anderes dafür überraschend herausfordernd.

Kertin Mayrhofer, 51, studierte Kunstgeschichtlerin
Bild: Zwefo
Die überragende Motivation für die Berufswahl oder den Umstieg ist die „Arbeit mit Menschen“ und der „Beitrag für die Gesellschaft“. Das ändert sich auch im Lauf der Ausbildung nicht: „Zu sehen, dass ich etwas bewirken kann“ ist für die Auszubildenden etwa fast doppelt so wichtig wie Jobsicherheit. Die Unzufriedenheit ist aber genau so präsent – und vor allem ein Spiegelbild mangelnder Anerkennung.
„Völlig unnötige Einweisungen ins Spital“
Ein Viertel aller Befragten fordert mehr Personal, aber nicht wegen der eigenen Arbeitslast: Die wurde separat abgefragt und belastet deutlich weniger. Den Befragten geht es vielmehr darum, sich ihrem Gegenüber mit gebührend viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen zu können. Für viele ist zwar auch die Bezahlung ein Thema. Gemeint ist damit aber nicht „mehr Geld“, sondern ebenfalls ein Mangel an Anerkennung: Der Großteil aller ausgebildeten Sozialbetreuer bekommt nur Verträge als Pflegeassistenten.
Genau mit dieser mangelnden Anerkennung der Sozialbetreuungen schneiden sich die jeweiligen Landesregierungen, in deren Bereich die Pflege fällt, ins eigene Fleisch, finden Caritas-Direktorin Nora Tödtling-Musenbichler und Ernst Sandriesser, für die Caritas-Ausbildungsstätten verantwortlich. Dass der Pflegeberuf unnötig „medizinalisiert“ werde, sei angesichts teurer, oft „völlig unnötiger Einweisungen ins Spital“ nicht zuletzt auch volkswirtschaftlich unklug.
Es brauche für prognostizierte 750.000 Pflegegeld-Beziehende im Jahr 2050 eine „passende Mischung aus medizinischer Betreuung und Betreuung im Alltag“, fordert Tödtling-Musenbichler. Sandriesser greift zu einem Vergleich: „Wir brauchen in zwei Lebensphasen Unterstützung: zum Beginn des Lebens im Alter. Und niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen, Kinder müssen nur gefüttert werden und hin und wieder die Windel gewechselt bekommen, und sonst nichts. Warum soll das im Alter anders sein?“
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.