„Auszeit“ statt Frauenhaus: Steirisches Pilotprojekt möchte niederschwellige Hilfe bei häuslicher Gewalt ermöglichen. Kooperationspartner sind die Jufa-Hotels, die Betroffenen einen kostenlosen und anonymen Aufenthalt zur Minderung des akuten Eskalationsrisikos bieten.
„Wir wissen aus unserer 45-jährigen Erfahrung, dass wir gewisse Zielgruppen nicht erreichen“, hält Michaela Gosch, Leiterin der Frauenhäuser Steiermark, fest. Das soll sich nun aber ändern: Am Donnerstag wurde in Graz ein neues, österreichweit einmaliges Projekt im Bereich des Gewaltschutzes vorgestellt. Es soll den Zugang zu Hilfsangeboten in der Steiermark für betroffene Frauen noch weiter erleichtern und Hemmschwellen, die durch Angst und Scham entstehen, abbauen.
Funktionieren soll das mit Hilfe der neuen Seite www.beziehungs-check.at. Auf dieser Homepage finden Frauen und auch Männer eine anonyme Chat-Beratung, bei der man eine erste Einschätzung zu diversen Problemen in Beziehungen bekommt. „Das Wort Opfer kommt hier nicht vor, es ist tatsächlich ein Beziehungs-Check. Das Ganze ist absolut vertraulich und anonym“, erklärt Gosch.
In einem weiteren Schritt kann das steirische Beziehungstelefon kontaktiert werden. Ab diesem persönlichen Gespräch kommt dann eine neue Möglichkeit ins Spiel: ein „Check-in“.
Kostenloser Aufenthalt soll Eskalation vorbeugen
„Die Hemmschwelle, ein Frauenhaus zu kontaktieren, ist sehr groß. Unser Ziel mit Check-in ist es, diese Barriere abzubauen. Das Hotel-Szenario bietet eine sozial akzeptierte, vollkommen unverdächtige Auszeit“, erklärt die Expertin. Betroffene haben also die Möglichkeit, völlig anonym und kostenlos für zwei bis vier Tage in einem von neun Jufa-Hotels in der Steiermark einzuchecken.
Diese Auszeit erfordert keine heimliche Flucht, minimiert den Erklärungsdruck gegenüber dem Partner und reduziert das akute Eskalationsrisiko. So gewinne man Zeit für direkte persönliche Beratungen in einem geschützten Raum, Sicherheits-Checks, Clearing und das Entwickeln weiterer Schritte. Für High-Risk-Fälle stehen außerdem sieben weitere Jufa-Hotels im Rest Österreichs zur Verfügung. „Als steirisches Unternehmen ist es uns ein großes Anliegen, unseren Teil beizutragen und als Infrastrukturpartner Menschen in akuten Krisensituationen schnell, diskret und unbürokratisch zu helfen“, sagt Martin Seger-Omann, Pressesprecher der Jufa-Hotels.
Ein „Check-in“ ist kein Schritt, der nicht wieder umgekehrt werden kann.

Michaela Gosch, Leiterin der Frauenhäuser Steiermark
Bild: Sepp Pail
Der Ansatz des Projekts ist es, ein Angebot zu schaffen, für das es keine Hürden gibt: „Ich muss mir weder selbst noch jemand anderem eingestehen, dass ich Gewalt erlebe. Meiner Familie, meinen Kindern muss ich nicht sagen, dass wir in eine Schutzeinrichtung oder ein Frauenhaus gehen. Das ist noch kein Schritt, der nicht mehr umgekehrt werden kann“, betont Gosch.
Männerberatung und Soziallandesrat unterstützen
Auch die Arbeit mit der Gegenseite spielt bei „Check-in“ eine große Rolle: „Täterarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zum Opferschutz. Damit Krisen erst gar nicht in Gewalt münden, bieten wir steiermarkweit Männerberatung an – ganz im Sinn des Projekts“, erklärt Christian Scambor von der Männerberatung Steiermark.
Die Pilotphase läuft ab sofort für sechs Monate und wird vom Land Steiermark mit rund 73.000 Euro unterstützt. „Beim Schutz vor Gewalt und bei wirkungsvoller Prävention werden wir unserer Verantwortung gerecht“, betont Soziallandesrat Hannes Amesbauer (FPÖ).
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.