Folge 2: Wieso große PS-Konzerne nach Salzburg kamen. Die historischen Wurzeln von den Brüdern Pappas bis zu Porsche und ein ideologischer Kampf der Grünen um jeden Zentimeter Straße. Die „Krone“- Serie von Hans Peter Hasenöhrl zeigt auf, wieso Salzburg den Titel „Stau-Hauptstadt“ trägt.
PIONIERE
Zwei findige Brüder mit griechischen Wurzeln, geboren nahe der Grenze in Györ und Hegyeshalom, bleiben in den Jahren nach dem Krieg in Salzburg hängen. Georg und Dimitri Pappas gelingt es, eine Holding für Mercedes aufzubauen, die heute 2.800 Mitarbeiter beschäftigt. Ferdinand Porsche, der kluge Sohn eines böhmischen Spenglers, gilt schon in Jugendjahren als Genie: 1899 konstruiert er das erste Elektro-Auto, wird Generaldirektor von Austro Daimler und wirkt für die k&k-Armee im Ersten Weltkrieg als Rüstungsingenieur.
Das nationalsozialistische Deutschland ermöglicht ihm den Bau des Volkswagens („Kraft durch Freude“). Wegen dieser Nähe zum Regime muss er 22 Monate in Haft. Danach wählt er Zell am See zu seinem Wohnsitz. Heute dirigiert die Porsche Holding von Salzburg aus 36.917 Mitarbeiter in aller Welt. Zwei Schicksale, zwei Unternehmen: Sie sind Grund dafür, warum Salzburg sich Auto-Zentrale von Österreich nennen kann, denn alle PS-Konzerne verlegten ihren Sitz an die Salzach, von BMW über Subaru bis Suzuki.
PARADIES
Von 1945 bis 1955 ist unser Land in zwei Welten geteilt, Kommunismus und Freiheit. Im Osten Österreichs verschleppen und vergewaltigen sowjetische Soldaten Frauen, im Westen verwöhnt die freundliche US-Army Kinder mit Kaugummi und Micky Maus. Die ersten Straßenkreuzer brausen dann durch die Straßen der Altstadt, geparkt wird rings um das Mozart-Denkmal und in Reih und Glied vor der Tomaselli-Terrasse.
Die rasante Motorisierung setzt sich in Jahrzehnten fort, wie die aktuelle Statistik zeigt: Mit April 2026 sind in der Stadt Salzburg 103.326 Kraftfahrzeuge gemeldet, im ganzen Land 464.594. Wer stellt sein Vehikel näher am Grünmarkt ab und holt von dort bequem sein sündteures Gemüse fürs Wochenende? Dieser skurrile Wettbewerb steigert sich beim Tratsch der Hausfrauen zum zentralen Thema.
Die Wende kommt ausgerechnet durch die unstillbare Gier stadtbekannter Bau-Löwen. Sie schmieden verheerende Pläne, die den gesamten Süden der Stadt zu einem Ghetto verwandelt hätten, etwa wie die muffige Wiener Großfeldsiedlung oder den kriminell angehauchten Rennbahnweg.
UMSTURZ
Tatsächlich entsteht das irre Vorhaben, links und rechts der Hellbrunner Allee der einzigartigen Weltlandschaft eine Trabanten-Stadt für 12.000 Einwohner zu implantieren. Bäckermeister Richard Hörl und Schauspieler Herbert Fux durchkreuzen die Pläne, sie gründen die grüne Bürgerliste und sie verhindern den geplanten Wahnsinn in Freisaal. Doch der mit einem knorrigen Krimi-Gesicht ausgestattete Darsteller will nur die Fäden ziehen: So überlässt Fux dem Versicherungsvertreter Johannes Voggenhuber die politische Bühne. Die Auto-Lobby kündigt ihm sofort alle Verträge.
Der verbitterte Grüne – je nach Ansicht -„Ayatollah“ oder „Messias“ genannt, regiert von 1982 bis 1987 als mächtiger Planungs- und Verkehrsstadtrat mit Brachialgewalt. Sein politischer Kompagnon wird der blaue Bau-Ressortchef Dietrich Masopust. Der pflanzt in den Straßen die Parkautomaten und stellt die kantigen Tröge aus Waschbeton auf, die Karosserie-Werkstätten erleben einen Boom. Dann lässt er Symbole für die von Voggenhuber verordneten Tempo 30-Zonen und die verhassten Fahrverbote auf den heißen Asphalt malen. Bei der Gemeinde-Wahl im Herbst 1987 jagen die Salzburger das Duo mit dem Stimmzettel davon. Jörg Haider feuert Masopust aus der FPÖ. Eine seltsame Autofahrer-Partei mit einem Rentner als Obmann erringt zwei Mandate.
RADIKAL
Doch ab 1992 entwickelt sich die grüne Bewegung noch fundamentalistischer: Der Elektroingenieur Johann Padutsch kehrt von seiner Tätigkeit beim Bau der U-Bahn in Taiwan nach Salzburg zurück und wird Verkehrs- und Planungsstadtrat. Jetzt ragen versenkbare Poller rings um die Altstadt aus dem Boden, sie sollen die Fußgängerzone halbwegs autofrei machen, als Draufgabe gibt es jede Menge Bus-Spuren und die Radler erhalten absoluten Vorrang. Allein der Verteilungskampf um die Fahrbahn der Imbergstraße gestaltet sich wie eine griechische Tragödie.
Die Präsidentin der Wirtschaftskammer Helga Rabl-Stadler beschwört den Untergang der City-Geschäfte, der dann auch ziemlich rasch eintritt: Bürger und Unternehmer verlassen auf der Flucht vor den massenhaft einströmenden Billig-Tages-Touristen die Altstadt. Die Kunden wählen den klimatisierten Europark in Taxham mit seinen 4000 Gratis-Parkplätzen zu ihrem Lieblingsziel. Der Stau aber wird immer länger, ganz logisch, dass auch die O-Busse im Chaos hängen bleiben.
MASSENFLUCHT
Ein offenes Geheimnis stellt die Verteilung der beliebten Ausnahme-Genehmigungen dar: Beim Kaffee auf der Bazar-Terrasse erhören gefällige Politiker das Begehren einflussreicher Bürger. Die Fußgängerzone entwickelt sich so zum größten inoffiziellen Parkplatz der Stadt. In den Außenbezirken breiten sich die Kurzparkzonen aus, der ungeliebte Wachdienst straft gnadenlos ab. Gleichzeitig führt ausgerechnet die rege Bautätigkeit zum Schwund der Stadt-Bevölkerung: Denn immer weniger Menschen können sich die entstehenden teuren Luxuswohnungen leisten.
Seltsames ereignet sich bei geheimnisvollen „Planungsvisiten“: An Ort und Stelle entscheidet ein Senatsrat, ob eine alte Villa abgerissen und an der Stelle scheußliche Appartements betoniert werden können. Die Vororte verlieren so ihr Gesicht und die Menschen siedeln zumeist ins Umland, viele bis nach Oberösterreich.
Der Autobestand in Salzburg-Umgebung klettert auf 148.074. Die Pendler sind darauf angewiesen: Es gibt keine leistungsfähigen Öffis und die großteils eingleisige Lokalbahn verspätet sich immer mehr. So kommt es zum Verkehrsinfarkt. Eine Jury hängt Salzburg den Titel Stau-Hauptstadt Österreichs um. Nirgendwo sonst stehen die Autos länger in der Kolonne. Aktuelle Zahlen aus der Statistik: 60.000 pendeln täglich in die Stadt, 18.600 ins Umland, 61.400 fahren dienstlich innerhalb der Stadtgrenzen.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.