Soziales Pulverfass
Proteste & Gewalt in Ceuta eskalieren nach Ansturm
Einen Monat ist der Massenansturm von bis zu 80.000 afrikanischen Migranten her – doch die spanische Exklave kommt nicht zur Ruhe. Soziale Spannungen spitzen sich dramatisch zu, noch immer befinden sich 8000 Migranten in der Kleinstadt. Bei Einwohnern wächst ein Gefühl der Unsicherheit, es gibt Proteste.
Zwar kehrten die meisten der hauptsächlich jungen Marokkaner nach dem Massenansturm bereits 24 Stunden später wieder in ihre Heimat zurück, doch der Unmut über den Umgang mit der jüngsten Migrationskrise seitens der Regierung in Madrid wächst unter der Bevölkerung.
Einwohner sprechen von einem Gefühl zunehmender Unsicherheit. Die Strände, öffentlichen Plätze und Parkanlagen seien verschmutzt und von den im Freien schlafenden Migranten praktisch besetzt. Die Bürger erwägen die Bildung von „Selbstverteidigungsgruppen“, Nachbarschaftspatrouillen und organisieren gleichzeitig Demonstrationen in WhatsApp-Gruppen, um die Ausweisung der Marokkaner zu fordern.
Einwohner zerstören Behausungen
Im Laufe dieser Woche fanden bereits täglich Protestmärsche mit mehreren Hundert Menschen statt. Sie forderten schnellere Rückführungen von Migranten ohne Aufenthaltsrecht und mehr Sicherheit in den Straßen. Am Donnerstag nahmen bis zu 2000 besorgte Einwohner an den Protesten teil. Im Anschluss zerstörten mehrere Dutzend Protestmarschteilnehmer am Strand von El Trampolín die hier provisorisch von Migranten aus Sperrmüll, Palmwedeln und Plastikplanen aufgebauten Behausungen.
Es handelt sich hauptsächlich um Migranten aus Subsahara-Afrika, die zumindest ein Recht auf ein Asylverfahren haben und nicht einfach wie die Marokkaner abgeschoben werden dürfen. Bevor es zu handfesten Konflikten mit den afrikanischen Migranten kam, konnte die Polizei die Lage aber wieder beruhigen.
Frustrierte Migranten attackieren Militärwagen
Aber nicht nur die Nerven der Ceutíes liegen derzeit blank. Auch unter den zunehmend von ihrer Lage frustrierten Migranten kommt es immer häufiger zu Konflikten. Am Mittwoch musste die spanische Polizei sogar mit Schlagstöcken und Tränengas vorgehen, nachdem es zwischen mehreren Dutzend Migranten am Strand von El Trampolín bei der Lebensmittelvergabe durch das Rote Kreuz zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam.
Am Donnerstagabend blockierten Dutzende Ceutíes kurzzeitig die Zugangsstraße zum Strand, um einen Lkw des Roten Kreuzes mit Lebensmitteln für die Migranten an der Weiterfahrt zu hindern, bis die Polizei die Straßenblockade auflöste. In der Nacht auf Donnerstag kam es sogar zu Angriffen auf vier spanische Soldaten. Eine Gruppe von 30 bis 40 jungen Marokkaner, die sich weigern, Ceuta zu verlassen, griffen im Stadtteil Benzú den Militärwagen mit Steinen und Stöcken an. Die Soldaten wurden leicht verletzt und mussten zu Fuß fliehen.
Oppositionsparteien profitieren vom Unmut der Bevölkerung
Für Spaniens rechtskonservative Oppositionsparteien ist die Lage in Ceuta und der wachsende Unmut der Bevölkerung ein gefundenes Fressen. Die rechtspopulistische Partei Vox ruft derzeit über ihre Social-Media-Kanäle die Bürgerinnen und Bürger im ganzen Land auf, sich am 2. September um 20:00 Uhr vor den Rathäusern ihrer Gemeinden und Städte zu versammeln, um ihre Solidarität mit Ceuta zu bekunden. „Nein zur Invasion! Verteidigt Ceuta, verteidigt Spanien!“, lautet das Motto.
Die Unzufriedenheit der Ceutíes schreibt sich auch die konservative Volkspartei auf die Fahnen. Spaniens ehemaliger konservativer Ministerpräsident José María Aznar besucht die an der marokkanischen Mittelmeerküste liegende Exklave und erklärte, die „nationale Hoheit und territoriale Integrität Spanien haben keinen Urlaub“. Damit spielte Aznar auf die Kritik gegen Regierungschef Sánchez an, der bereits eine Woche nach der Migrationskrise seinen Sommerurlaub antrat.
Sánchez wird vor Parlament Stellung nehmen
Nächste Woche Donnerstag wird nun Spaniens sozialistischer Ministerpräsident vor dem Parlament zu den schweren Vorfällen a in Ceuta und der aktuellen Lage Stellung nehmen. Sánchez will und muss sein Krisenmanagement und seine Migrationspolitik verteidigen. „Die Instrumentalisierung der Migrationsdebatte geht für die Rechtskonservativen wie für die Rechtspopulisten strategisch auf und gibt ihnen politischen Rückenwind“, versichert Politikexperte Pablo Simón mit Blick auf neuste Wahlumfrageprognosen.
Rassismus in Spanien nimmt zu
Während das Migrationschaos in Ceuta auch einen Monat später noch politisch für parteipolitische Graben- und Machtkämpfe benutzt wird, nehmen rassistische Anfeindungen in den sozialen Medien in Spanien zu. Die spanische Beobachtungsstelle gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (OBERAXE) registrierte allein in den 48 Stunden nach dem Migrantenansturm auf Ceuta in sozialen Medien wie TikTok, Instagram und WhatsApp 9.590 Hassbotschaften gegen Migranten.

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