Millionen Chinesen halten sich mit kleinen, meist schlecht bezahlten Aufträgen über Wasser – liefern Packerl, Essen oder sind als Fahrerinnen oder Fahrer tätig. Mit der Bezeichnung dieser weit verbreiteten sogenannten Gig-Arbeit als eine Form von „Wohlfahrt“ hat eine prominente Wirtschaftsprofessorin in China nun einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.
Aus arbeitsökonomischer Sicht sei „Flexibilität an sich eine Form von Wohlfahrt“, argumentierte Zhang Dandan, Professorin und Vizedekanin an der renommierten Peking-Universität, in einer populären Finanzsendung. Während Festangestellte ihre zeitliche Flexibilität gegen Pensionsansprüche und andere Sozialleistungen eintauschten, genössen flexible Arbeitskräfte eine größere Kontrolle über ihre Zeit – allerdings auf Kosten einer schwächeren sozialen Absicherung.
Welle der Empörung in Zeiten schwächelnder Konjunktur
Die Kommentare zogen eine Welle der Empörung im Internet nach sich. Nutzer sozialer Medien warfen Zhang vor, die harte Realität der Gig-Ökonomie zu ignorieren. Zhang selbst reagierte nicht auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters nach einer Stellungnahme.
Die Äußerungen treffen in China einen wunden Punkt, da eine sich abkühlende Konjunktur feste Vollzeitstellen immer seltener werden lässt. Dem Forschungsinstitut China New Employment Forms zufolge wird die Zahl der flexibel Beschäftigten in diesem Jahr auf 320 Millionen steigen – das wären etwa 44 Prozent der städtischen Arbeitskräfte des Landes. Diese Zahl entspricht in etwa der gesamten Bevölkerung der USA. Branchenexperten warnen zudem, dass die Verbreitung von Jobs, bei denen Arbeitgeber keine Sozialversicherungsbeiträge leisten müssen, die ohnehin angespannten Sozial- und Rentensysteme Chinas langfristig zusätzlich gefährdet.
Der einflussreiche Kommentator Hu Xijin, früherer Chefredakteur der staatlich unterstützten Zeitung „Global Times“, nannte Zhangs Äußerungen „schockierend“ und „inakzeptabel“. Gleichwohl wiesen einige Nutzer darauf hin, dass sich Zhangs akademische Karriere bisher schwerpunktmäßig mit den Problemen von Gig-Arbeitern und der Forderung nach deren sozialer Absicherung befasst habe. Dennoch wurde ihre Bewertung von „Flexibilität“ als Vorteil weithin als unsensibel empfunden.
„Solche Kommentare von Experten sind nichts anderes als Salz in die Wunden derjenigen ohne Arbeitsplatzsicherheit zu streuen“, schrieb ein Nutzer auf der Plattform Weibo. Ein anderer verwies auf den unerbittlichen Druck auf Essenslieferanten und Kuriere: „Jeden Tag kämpfen sie verbissen gegen den Algorithmus der Plattform, ohne Pause. Flexible Arbeit ist in Wahrheit keine freie Entscheidung, sondern eine unausweichliche Notwendigkeit.“
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