Nach dem Wetterdrama am Freitag ging der Abschluss des Frequency-Festivals am Samstag ohne negative Ereignisse über die Bühne. Ikkimel, Ski Aggu und Senkrechtstarter Baran Kok waren die größten Aufreger. In vier Tagen bilanziert man bei gesamt 140.000 Fans – die ersten Acts für 2027 stehen bereits.
Mit dem großzügigen Angebot der Veranstalter war die bittere Absage der Headliner-Acts Paul Kalkbrenner, Sido und Tom Odell bzw. SSIO auf der Green Stage wegen Windböen und Unwetter Freitagabend leichter zu verkraften. Tageskartenbesitzer vom Freitag durften mit ihren Tickets auch am Abschlusstag aufs Gelände, dazu wurden insgesamt 5000 Getränke, vornehmlich Bier, verschenkt. Eine gute halbe Stunde nach dem offiziellen Einlass um 13 Uhr war das Angebot auch schon wieder aufgebraucht. Bei angenehmen 22 Grad Celsius mit leichtem Wind kann es zumindest nicht an der Hitze gelegen haben. Ob die Sicherheitsmaßnahmen am Vorabend berechtigt oder übertrieben waren wird bei Sonnenschein diskutiert, der Zeltplatz schaut jedenfalls ärger mitgenommen aus, was zumindest dieses Mal aber nicht an etwaigen Disziplinlosigkeiten der Anwesenden liegt.
Zeit für eine zweite Karriere
Bei all den Wetterquerelen ging das dargebotene Freitagsprogramm unverdienterweise unter. So verzauberte die Britin Natasha Bedingfield vor einer bis nach hinten vollgefüllten Space Stage die Anwesenden mit einer kräftigen Dosis Nostalgie. Ihr Song „Unwritten“ wurde durch einen Film aufgrund eines TikTok-Hypes wieder an die Chartspitze gespült und die Sängerin ist seit geraumer Zeit erstmals seit mehr als einer Dekade wieder sichtbarer im Rampenlicht. Ganz in Schwarz gewandet dirigierte sie die Massen mit einem eher lauen Portishead-Cover und Eigenkompositionen. „Unwritten“, der Top-Hit aus 2004, war der vielleicht am stärksten und am inbrünstigsten mitgesungene Song des Festivals und sorgte für Gänsehautatmosphäre. Mit ihrer Single „Dot Dot Dot“ steuert sie neue musikalische Ufer an, wie sie der „Krone“ vor dem Auftritt im Gespräch mitteilt.
„Ich bin eigentlich jemand, der sehr gut mit Trip-Hop und Rocksounds kann. Popmusik und die Erfolge drumherum sind mir damals eher passiert, aber es war nicht in meinem Plan.“ Vom wiedererstarten Hype nach knapp zwei Jahrzehnten zehren ihre alte und neue Karriere. Sie lässt die Popularität gerne geschehen und genießt das Bad in der derzeit großen Menge. „Es ist wie ein Geschenk“, bekräftigt sie, „plötzlich hört eine ganz andere Generation meine Musik und meine Lieder und kann sich damit identifizieren. Ich finde auch den Lifestyle der jungen Menschen toll. Sie geben so viel von sich preis, zeigen sich verletzlich und wirken damit wie Vorbilder auf andere. Ich komme aus einer Zeit, wo alles so perfekt und ideal wie möglich sein musste. Das ist heute nicht mehr so.“ Doch nicht alles von der jüngeren Generation ist ihr geheuer. „Mich in schlechten Momenten beim Weinen zu filmen, da ist noch nicht so ganz meins.“
Das vielseitige Programm nicht angenommen
Die aus dem K-Pop-Segment bekannte Audrey Nuna musste sich bei leicht einsetzendem Regen mit für sie sicher ungewohnt wenig Publikum zufrieden, was vornehmlich am rappenden Slacker Makko lag, der auf der Green Stage mit markanter Zahnlücke und „Fuck-Off-Attitüde“ für Furore sorgte. Quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit war dort früher am Nachmittag Noga Erez im Einsatz. Die israelische Künstlerin verknüpft Singer/Songwritertum mit Folkloristik, leichten Jazz-Anleihen und etwas Elektronik. In Baggy-Short und mit Krawatte wirbelte sie über sie spärlich besetzte Bühne, eine kundige Band und eine wuchtige Videowall taten das Ihre, um dem Ganzen zusätzlich Kraft zu verleihen. Einen Tag davor war sie noch in einem Wiener Kino, um für ihre eigenen Filmdokumentation „Noga“ zu werben, der sogar noch ein bisschen auf einen Auslands-Oscar hofft. Musikalisch sollte es demnächst vielleicht wieder das Porgy & Bess werden.
Über das gesamte Festivalwochenende hinweg sind auch der Kreativität der Besucher wieder keine Grenzen gesetzt. Besonders beliebt sind in diesem Jahr Fußballdressen. Hauptsächlich von Nationalteams aus Österreich, Deutschland, Spanien oder Argentinien, aber man trägt auch gerne den Lieblingsverein vor sich her spazieren. Das kann sein der AC Milan, Chelsea oder Real Madrid, aber auch in kleinerem Rahmen wird in T-Shirt-Form Flagge gezeigt. Dressen des niederösterreichischen Regionalligisten 1.Fortuna Wiener Neustädter SC oder des steirischen Oberligisten USV Kainbach-Hönigtal werden ebenfalls gesichtet – Regionalität wird in der niederösterreichischen Landeshauptstadt mit viel Stolz zelebriert. Dazu gibt es noch weitere Spezialitäten wie eine Schlangenhaube, eine im vorderen Wavebreaker emporgehobene Babypuppe oder einen aufgeblasenen T-Rex, der sich in Insiderkreisen zu einem Festivalhighlight entwickelt. Im Campingbereich an der Traisen wird ein Plüschwal im Fluss bestattet – bei höchstmöglichem Aufwand. Ein letzter alpenländischer Salut an Timmy? Wird wohl so sein.
Mittelfinger auf Deutschland-Flagge
Musikalisch steht der dritte und letzte Festivaltag ganz im Zeichen des Rap unterschiedlichster Sub-Couleur. Dass die heimische Durchstarterin Ness, die auf beachtliche Streamingzahlen und volle Konzerthallen kommt, bleibt der etwas unverständliche Part des Tages-Openers auf der Space Stage. Wohl auch dem noch leicht vorhandenen Freibier sei Dank ist die Stimmung mehr als passabel. Top-Stimmung dafür schon ganz früh auf der Green Stage. Nach einem gefeierten Auftritt im Wiener WUK gibt Baran Kok sein österreichische Festival-Premiere. Der aus Istanbul stammende Musiker kokettiert gerne mit dem „erster schwuler Rapper“-Image und hat sein Konterfei samt gezücktem Mittelfinger auf einer Deutschland-Flagge verewigt. „#Freebarankok“, „Hey Alexa“ und „AMG Kanake“ sind bereits gern gehörte und gehypte Nummern, die dem Publikum bei angenehmen Temperaturen runtergehen wie Öl.
Der Künstler kokettiert mit seinem Image und reizt es aufs volle auf. „Ich singe gerne Lieder über Schwänze, Penisse und Cocks“, schmunzelt er, während auf den LED-Leinwänden die „I Love Kok“-Botschaften prangen. Das Ikkimel-Cover „Eier legen“ hat den stärksten Beat des Sets, nebenbei sucht er sich von der Bühne aus so etwas wie „Situationship-Beischlafpartner“ - ein Wiener namens Steph meldet sich, wird aber nicht erwählt. Ein erster Triumphzug ist Kok an diesem noch jungen Tag aber definitiv gelungen. Die feine Klinge wird am Samstag jedenfalls nicht gewetzt. Sexuelle Anspielungen, direkte Ansagen und unmissverständliche Botschaften schallen über die Bühnen. Ob Summer Cem, Culcha Candela oder das Frankfurter Asi-Duo Mehnersmoos – vor allem auf der Green Stage wird die Niveaulatte mit Fortdauer des Abends in Richtung unterirdisch verlegt.
Der Schmäh ist abgenutzt
Da werden in Songtexten wie dem Quasi-Wolfgang Petry-Cover „Wahnsinn“ Pimmel als Arschlochwünschelruten präsentiert, ein als Bühnenbild eigens gebauter Kiosk bzw. Späti wird nach jahrelangem Einsatz nach dem Frequency-Gig pensioniert und mittels feurigem Techno-Beat fliegt die „Nachteule“ über das sonnendurchflutete Gelände. Einer der beiden lässt mit Eyehategod-T-Shirt die gemeinsame Metal-Liebe durchklingen, der andere wäre wohl nicht nur optisch am liebsten selbst Wolfgang Petry. Was hängenbleibt, neben simpelsten Texten ist die Tatsache, dass man musikalisch zumindest zum Teil bei allem stiehlt, was nicht niet- und nagelfest ist, dass man wahrscheinlich bei den einfachsten Furzwitzen Lachkrämpfe bekommt und man den eigenen, ur-deutschen Humor besonders lustig findet. Wenige Nummern zünden, bei den meisten ist der Witz abgenutzt. Die in den Interviews gerne propagierte Sozialkritik auf textlicher Metaebene ist, gelinde gesagt, nicht einmal ein schlechter Scherz, sondern schlichtweg nicht sicht- oder hörbar.
Da ist der amerikanische Rapper Denzel Curry schon eine ganz andere Liga – das partyfreudige Publikum dankt es ihm aber nicht in ansprechender Art und Weise, sehr viel Raum auf allen Seiten vor der Bühne bleibt leer, doch die vorhandenen Fans kriegen ein Best-Of-Set mit einem bestens gelaunten und im positiven Sinne aggressiven Künstler geliefert. Mit Songs der Marke „Hit The Floor“, „Threatz“ oder „Still In The Paint“ rappt sich der 30-Jährige in die Herzen seiner Fans. Mit jedem Song strömen neue dazu, es werden üppige Moshpits im Wavebreaker-Bereich gestartet und der anfangs noch ganz leicht zurückgezogene Künstler lebt so richtig auf. Von seinem brandneuen Kollabo-Album „II“, das erst am Freitag das Licht der Welt erblickte, wird an diesem Tag aber keine Nummer verschwendet. Curry hat großartige Visuals, einen fähigen DJ und allerbeste Stimmung. Mit dem Rage Against The Machine-Cover „Bulls On Parade“ holt man auch die älteren Rockfans zu sich ins Boot.
„Mama Ikki“ zieht das Gelände in ihren Bann
Nach dem qualitativen Highlight des Tages folgt das quantitative. Die Berlinerin Ikkimel hat es innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre geschafft, zur Hauptfeindin des deutschsprachigen Patriarchats zu werden. Ihre Taten: sich den jahrzehntelang exerzierten sexistischen Männer-Deutschrap zu eigen zu machen, den Spieß umzudrehen und das nur vermeintlich starke Geschlecht zum schwachen zu degradieren. Damit verstörte sie unlängst sogar im ZDF-Frühstücksfernsehen. Ikkimel polarisiert und wo polarisiert wird, dort treffen sich gerne auch die Massen. Neben emanzipatorischen Ansagen, einem Feature mit Baran Kok und ganz viel Radikalfeminismus überzeugt auch das Bühnenbild mit gemaltem Obstgarten. Lieder wie „Bikini Grell“, „Kein Kokain“, „Unisexklo“ oder „Keta und Krawall“ können die Fans mittlerweile auswendig. Die Massen türmen sich bis nach hinten zum Riesenrad. In mehreren Songteilen wird mit Fan Larissa auf der Bühne eine Geburt nachgespielt. „Sie hat eine kleine Fotze geboren“ – die Menge johlt. Das Patriarchat ächzt. Mission gelungen.
Den größten Publikumszustrom des gesamten Wochenendes hat direkt danach Ski Aggu. Eine unwiderstehliche Kombination, die für das österreichische Partypublikum wie aus einem feuchten Traum geritzt scheint: fette, simple Beats, ein Jüngling mit (Apés)Ski-Brille und platte Juchee-Texte. Dazu ein überdimensionales Abbild des Sängers als Bühnendeko, Laser-Effekte und „Mutter Ikki“, also Ikkimel, als Feature-Gast, die ordentlich Feuer in die Show bringt. Wer hier Tiefgang sucht, findet ihn genausowenig wie zwei Stunden davor bei Mehnersmoos und auch wenn der Berliner zuweilen versucht, mit emotionalen Einsprengseln oder Texten über seine nicht immer friktionsfrei verlaufende Jugend zu brillieren, in Erinnerung bleiben aber nur die Ballermann-Einlagen, die in einigen Jahren vielleicht Party-Kulturgut sind, vielleicht aber auch völlig out of date sind. Ski Aggu können solche Gedankenspiele freilich egal sein. Er lebt im Moment und der Moment gehört ihm.
Herbstlicher Abschluss
Nach einer düsteren und verkürzten Show des US-Rappers Ken Carson machten sich die Twenty One Pilots ans Werk, das Frequency 2026 zu einem Ende zu bringen. Tyler Joseph und Josh Dun haben sich über die Jahre ihre ganz eigene audiovisuelle Welt aufgebaut, mit der sie seit geraumer Zeit zu absoluten Superstars wurden. Auch ihr letztes Album „Breach“ aus dem Vorjahr wurde zum Top-Seller und sichert ihnen die größten Festivalbühnen Europas. Die Show wird seit Jahren nur noch in Nuancen verändert, steckt aber voller Highlights. Joseph startet programmatisch mit Haube und Sprung in die Show, geht immer wieder ins Publikum und sucht dort das Bad in der Menge. Wie kam anderswo schaffen es die Twenty One Pilots zu zweit eine Soundwelle zu erzeugen, die rundum nachhallt. Songs wie „Heathens“, „Jumpsuit“, „Heavydirtysoul“ oder der Top-Hit „Stressed Out“ sind längst schon in den Popkultur-Kanon übergegangen. Feuer, Explosionen, Rhythmuswechsel, Hits – ein glänzender Abschluss bei herbstlichen Temperaturen. Auf dass das Frequency 2027 mehr Wetterglück hat.
Das Frequency 2027
Von 19. bis 21. August 2027 geht das nächste Frequency Festival im St. Pöltner Green Park über die Bühne. Als erste Acts wurden u.a. AnnenMayKantereit, Bibiza, Tokio Hotel und Rapper Cro angekündigt. Unter www.oeticket.com gibt es bereits Karten für die Fortsetzung der traditionellen spätsommerlichen Party.
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