Kies unter Schraube

So kämpft ein Binnenschiffer gegen Niedrigwasser

Ausland
17.08.2026 16:58
Porträt von krone.at
Von krone.at

Für Patrick Mnich ist derzeit jede Fahrt auf dem Rhein eine Gratwanderung. Mit seinem 80 Meter langen Schiff kämpft sich der deutsche Binnenschiffer durch das Niedrigwasser – stellenweise bleiben zwischen Schiffsboden und Flussgrund nur 30 bis 40 Zentimeter. Viel Ladung kann er deshalb nicht mitnehmen, und selbst beim Tempo muss er vorsichtig sein.

Mnich sitzt im roten Steuerhaus der „GMS Kallisto“ und steuert über den Oberrhein. „Ich möchte gerne Gas geben und es geht nicht, weil, es ist kein Wasser da“, beschreibt der 33-Jährige die schwierige Situation.

Konsequenz: Schiffe müssen langsamer werden
Seine Schiffsschraube benötigt ausreichend Wasser unter und neben dem Schiff, um Tempo machen zu können. Doch das ist derzeit vielerorts knapp. Stellenweise liegen laut Mnich nur 30 bis 40 Zentimeter zwischen dem Flussgrund und seinem Schiff. Dann wirbelt die Schraube bereits Kies auf.

Die Konsequenz: Mnich muss langsamer werden. Andernfalls könnte das Schiff im schlimmsten Fall aufsetzen und liegen bleiben. „Ich kann Gas geben und werde langsamer, weil ich mich dann am Grund festsauge“, sagt der Schiffsführer.

Der Rhein führt vielerorts kaum noch Wasser – immer mehr Boote liegen auf Grund.
Der Rhein führt vielerorts kaum noch Wasser – immer mehr Boote liegen auf Grund.(Bild: EPA/CHRISTOPHER NEUNDORF)

Fehlendes Schmelzwasser, kaum Regen
Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein (WSA) sind die Pegelstände am Oberrhein seit Anfang Juni vergleichsweise niedrig. Als Gründe werden fehlendes Schmelzwasser aus den Bergen und ausbleibender Regen genannt. Eine kurzfristige Besserung sei nicht in Sicht.

Mnich ist derzeit rheinaufwärts nach Kehl unterwegs. An Bord hat er Maschinenteile für Windkraftanlagen, die er vor mehr als einer Woche in Magdeburg geladen hat. Am Morgen startete er in Mannheim. In Kehl soll die Ladung am nächsten Morgen gelöscht werden.

Die Strecke kostet ihn allerdings viel Zeit. Besonders der Abschnitt hinter Mannheim sei schwierig gewesen. Stellenweise kommt die „GMS Kallisto“ nur langsam voran. „Da sind wir leider auch über einen Kieshaufen gerutscht“, erzählt Mnich. Für die Fahrt bis Kehl rechnet er insgesamt mit rund 14 Stunden.

Statt 1570 nur 150 Tonnen an Bord
Besonders deutlich wird das Problem bei der Ladung. Eigentlich könnte die „GMS Kallisto“ 1570 Tonnen transportieren. Derzeit hat Mnich jedoch lediglich 150 Tonnen an Bord – rund zehn Prozent der möglichen Kapazität.

„Das sollten sechs Teile sein, jetzt habe ich drei drin“, sagt er über die Maschinenteile. Mehr Ladung würde das Schiff bei dem niedrigen Wasserstand zu tief eintauchen lassen. Je sieben Tonnen Ladung sinkt die „GMS Kallisto“ um einen Zentimeter tiefer ins Wasser.

Das Liniendiagramm zeigt den Pegelstand des Rheins bei Kaub im Jahresverlauf in Zentimetern. Der Wert für 2026 liegt zeitweise deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt und erreicht im August ein Rekordtief von 15 Zentimetern. Der Schwankungsbereich zwischen Minimum und Maximum von 2000 bis 2025 ist grafisch hervorgehoben. Quelle: dpa/Pegelonline/WSV.

Auch das baden-württembergische Verkehrsministerium spricht von erheblichen Einschränkungen. Grundsätzlich könnten derzeit nahezu alle Transporte in Deutschland nur mit reduzierter Ladung durchgeführt werden. Die maximale Auslastung der Binnenschiffe liege aktuell bei 20 Prozent.

Manche Schiffe sitzen bereits fest
Mnich kann mit seinem Schiff noch fahren. Die „GMS Kallisto“ sei vergleichsweise leicht und liege flach genug im Wasser. Anders sehe es bei größeren Schiffen aus.

Sein Bruder ist ebenfalls Binnenschiffer und sitzt laut Mnich derzeit im Duisburger Hafen fest. Sein Schiff könne wegen seines Tiefgangs nicht weiterfahren.

Eine verbindliche Wasserstandsgrenze, ab der Schiffe nicht mehr fahren dürfen, gibt es nach Angaben der deutschen Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt nicht. Die Entscheidung, ob ein Schiff fährt und wie viel es lädt, liegt beim Schiffsführer.

Da die Pegelstände weiter sinken sollen, könnte die Situation noch schwieriger werden. Mnich vermutet, dass manche Schiffsführer deshalb womöglich mehr riskieren könnten, „um noch mal ein bisschen mehr zu verdienen“.

Niedrigwasser wird zum Geschäftsrisko
Für die Unternehmen wird der Transport auf dem Wasser zunehmend zum Problem. Nach Angaben des WSA Oberrhein wird eine Fahrt mit zu geringer Fracht irgendwann unwirtschaftlich. Gleichzeitig müsse die Produktion bei den Unternehmen weiterlaufen.

Das baden-württembergische Verkehrsministerium erklärt deshalb, Unternehmen im Südwesten müssten auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder Waren einlagern. Um die Folgen des Niedrigwassers abzufedern, wurde in Baden-Württemberg inzwischen auch das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen aufgehoben.

Mnich selbst hat weiterhin Aufträge und kann noch fahren. Doch die Folgen spürt auch er bereits. Einen Auftrag für die kommende Woche habe ein Kunde storniert, weil ihm die Situation zu unsicher gewesen sei.

Sorge um die Kunden
Noch stärker als um seine eigene Fahrt sorgt sich Mnich deshalb um die Auswirkungen der Niedrigwasser-Berichterstattung auf seine Kunden. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) hatte Anfang der Woche erklärt, der Rhein sei wegen der niedrigen Pegelstände im Prinzip nicht mehr durchgängig befahrbar.

Diese Aussage sieht Mnich kritisch. „Das ist halt meiner Meinung nach nicht gut, sowas zu sagen, weil es hört sich halt einfach sehr radikal an“, sagt er.

Wie lange er mit der „GMS Kallisto“ noch fahren kann, weiß auch Mnich nicht. Einen bestimmten Wasserstand, bei dem er definitiv aufgeben müsste, habe er noch nie erlebt. „Erfahrung macht klug, ne?“, sagt der 33-Jährige.

Prognosen entscheiden, wie viel noch geht
Nach dem aktuellen Auftrag soll er Tierfutter im elsässischen Beinheim am Rhein abholen. Wie viel er davon laden kann, will er kurzfristig anhand der Prognosen entscheiden.

Sein Wunsch für die kommenden Tage ist deshalb schlicht: „Also, wenn wir einen halben Meter mehr Wasser hätten, wäre ich schon sehr dankbar.“ Dabei gehe es ihm nicht nur um sich selbst – sondern vor allem darum, dass die Kunden wieder Vertrauen in den Transport auf dem Wasser fassen.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung