Vom Verschwinden der Spontaneität: In seiner aktuellen Kolumne wirft der Vorarlberger Autor Robert Schneider einen Blick auf eine verloren gegangene Alltagskultur. Er hinterfragt, warum der unangekündigte Kurzbesuch – das traditionelle „V’rbiegluaga“ – heute fast als Tabu gilt und wie durchgetaktet unsere sozialen Kontakte inzwischen sein müssen.
Wann haben Sie zum letzten Mal einen Bekannten ohne Voranmeldung besucht? Einfach an der Tür geklopft oder geklingelt, weil es gerade auf dem Weg lag, sich ergab? Oafach v’rbiegluagat. Ist jemand da, ist es schön. Ist er oder sie nicht da, auch kein Problem.
Ich habe das schon zwanzig Jahre nicht mehr getan und weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Heute muss man einen Besuch ankündigen, mindestens drei Termine vorschlagen und dann geduldig warten, bis eine Antwort kommt. Sogar Telefonate sollten – will man höflich sein – am besten über WhatsApp fixiert werden. Ich rufe dich am Abend an. Diese vage Androhung ist ein absolutes No-Go. Nicht die ungefähre, sondern bitteschön die exakte Zeit des Anrufs mitteilen. Verspätet man sich zweieinhalb Minuten, gilt man als unzuverlässig, als Risikofaktor.
Wieso eigentlich? Anders gefragt: Warum galt es früher nicht als Todsünde, mit der Tür ins Haus zu fallen? Ich erinnere mich: Bei uns daheim stand die Tür sommers sperrangelweit offen. Die Leute kamen vorbei oder auch nicht. Meiner Mutter waren bestimmt nicht alle willkommen – „Der hat mir grad noch gefehlt!“ -, aber sie nahm sich auch für die Unwillkommenen Zeit.
Und wie lange man so in fremden Häusern sitzen geblieben ist! Der Dialekt weiß es genauer: „Bis zuma ewiga Toasch“. Um elf Uhr nachts noch an der Tür zu schellen, das kam zwar selten vor, aber es kam vor. Selbst dann hat meine Mutter noch einen Nachbarn hereingelassen und Schnaps aufgetragen.
Hatten wir damals mehr Zeit füreinander? Waren wir empathischer? Oder war uns einfach stinklangweilig. Ich weiß es nicht. Jedenfalls mag ich nicht, wenn jemand unangemeldet an meiner Tür klingelt.
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