Schneiders Brille

Alles nur Einbildung

Vorarlberg
23.04.2026 17:30

In seiner heutigen Kolumne erzählt Schriftsteller Robert Schneider von einem zufälligen Treffen mit einem alten Freund – und darüber, dass eine gute und lang andauernde Freundschaft vieles aushalten kann.    

Ich traf in Feldkirch zufällig meinen alten Studienkollegen Heinz, der am Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet und im Juni, wie ich, in Pension geht. „Na, Schneider, mein lieber Versager, wie geht es dir?“, fragte er. Man muss wissen, dass Heinz sich immer in Beleidigungen artikuliert. So redet er halt. Er meint es nicht so. Er ist ein wirklich sehr feiner Mensch. Und gescheit! Schon auf der Uni brillierte er mit großartig geschriebenen Proseminararbeiten, wie diese zusammengeschusterten Papiere damals noch hießen.

„Mir geht es gut“, antwortete ich. „Das bildest du dir nur ein“, erwiderte er. „Wenn ich sage, dass es mir gut geht, meine ich es auch so.“ – „Schon, armes, gequältes Schneiderlein. In Wirklichkeit hast du dein Unglück so internalisiert, dass du gar nicht bemerkst, wie dreckig es dir eigentlich geht.“ – „Und wie geht es dir?“, fragte ich. – „Beschissen.“ – „Also gut, wenn ich dich recht interpretiere“, kontere ich. Heinz zog die Augenbrauen hoch und ermahnte mich, ihm nicht das Wort im Mund zu verdrehen. Unter beschissen meine er, unfassbar beschissen.

Wir beschlossen, in ein Café zu gehen und alte Zeiten hochleben zu lassen. „Hat dich eigentlich nie interessiert, wer deine wirkliche Mutter, dein wirklicher Vater war?“, fragte er mich plötzlich. – „Nicht wirklich. Meine Zieheltern waren für mich wie Vater und Mutter.“ – „Du erbärmlicher, kleiner Mensch! Du hast das frühkindliche Trauma so in dir abgespalten, dass du sogar deine biologischen Eltern negierst.“ – „Hätte mich meine Herkunft wirklich beschäftigt, wäre ich schon längst auf die Suche gegangen“, antwortete ich trotzig. – „Das bildest du dir nur ein. Was musst du doch für ein unglückliches Leben gelebt haben!“, rief Heinz beinahe konsterniert aus.

Was ich auch in dieser Begegnung sagte, ich bildete mir laut Heinz alles nur ein. Aber ich lasse nichts über ihn kommen. Er ist ein feiner Kerl.

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