Schneiders Brille

Die Märklin-Bahn über dem Bodensee

Vorarlberg
28.06.2026 17:00
Porträt von Vorarlberg-Krone
Von Vorarlberg-Krone

Eine Party im Zeichen der Neunzigerjahre lässt Robert Schneider über das Altern, vergessene Namen und die Sehnsüchte von damals nachdenken. Doch statt in der Nostalgie hängenzubleiben, zieht es den Autor hinaus in eine magische Nacht – mit einem Liebesgeständnis an seine Heimat.

War zu einem Geburtstag eingeladen. Alles Leute, die in den neunziger Jahren jung gewesen waren. Wie ich auch. Frauen, damals so schön und begehrenswert, für die man barfuß von Wolfurt nach Alberschwende gegangen wäre, hätte man sich wenigstens eine Chance ausrechnen dürfen. Und heute?

Bitte keine bösen Mails!
Halt! Nicht gleich böse Mails an die Redaktion schreiben. Wegen Frauenverachtung und so. Die Männer, mich eingeschlossen, haben mich noch mehr gedauert. Wohlstandsbäuche, unsicher tappende Schritte auf den Treppenstufen, immer die Lesebrille in den Fingern drehend, andauernd die Frage: „Wie hieß die noch gleich? … Moment, ich hab’s … Glaubst du, es würde mir jetzt einfallen? Die war doch mit dem Dings zusammen …“

Da hockte man also vor Kurzgebratenem und Corona-Bier (die Marke hat die Pandemie glatt überlebt, als sei nie dergleichen gewesen) und schwelgte in den Neunzigern. Damals sei das Jungsein viel unkomplizierter gewesen. Was wir uns damals getraut haben, dafür würden wir heute andauernd vor dem Strafrichter stehen …

Ich mag dieses sich an alten Zeiten ergötzen nicht. Kommt hinzu, dass ich keinen Alkohol trinke und auch kein Corona hatte. Musste also ein paar Schritte gehen, um nicht im Chor der Trübseligen zu ersaufen.

Es war hoch über dem Bodensee. Eine herrliche Nacht, mitten im Wald. Tippelte und tappelte also einige Höhenmeter bergauf. Fand einen kleinen Aussichtspunkt mit freiem Blick auf den See. Die Mondsichel ergoss sich in silbern irisierendem Licht über das schwarze Tuch des Sees. Die Lichter in Lindau blinzelten und funkelten rot, grün und gelb wie in einem Bahnhof einer Märklin-Eisenbahn. Mein Gott, dachte ich, ist es schön, in diesem Land zu leben!

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

20° / 26°
Symbol Gewitter
20° / 29°
Symbol einzelne Regenschauer
20° / 28°
Symbol wolkig
21° / 28°
Symbol Gewitter
Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung