Bevor am Donnerstagabend in Tulln der Auftakt seiner Österreich-Tour über die Bühne geht, ist Bundeskanzler Christian Stocker vor allem eines wichtig: Der Eindruck, dass hier nichts inszeniert ist. Im Hintergrundgespräch betonte der ÖVP-Chef immer wieder, dass er weder die Fragen noch die Teilnehmer kenne. Dass der Steuerzahler die Tour bezahlt, verteidigt er ebenfalls.
Eine schlichte Bühne, der Hintergrund schwarz gehalten und nicht in Türkis getaucht, am Podium nur der Kanzler und Vera Russwurm. Sie moderiert den ersten Auftritt von Christian Stocker auf der Sommertour. 200 Menschen sitzen an diesem Donnerstag im „Haus der Digitalisierung“, sie sollen einen Querschnitt der Bevölkerung darstellen.
„Richtig angefressen“
Es geht schnell zur Sache. Das Publikum löchert den Kanzler mit Fragen – mit sachlichen, aber auch mit emotionalen. „Richtig angefressen“ war etwa ein Pensionist, der auf seine private Pension noch einmal zusätzlich Steuern zahlen muss. Oder eine Mutter eines beeinträchtigten Kindes, die durch alle Sozialnetze rutscht, weil sie knapp mehr als die starren Einkommensgrenzen verdient. Aber auch Pensionseinschnitte, Steuerlast, Probleme im Bildungsbereich, die Legalisierung von Cannabis, Migration, Teuerung, Klima – es werden viele Herzen ausgeschüttet.
Stocker ist in seiner von ihm wenig geliebten Rolle des Buddha angekommen. Er wirkt auf der Bühne souverän, sorgt für Lacher, es gibt auch Applaus. Stocker notiert sich Anliegen und Vorschläge, auch harte Kritik bringt ihn nicht aus der Ruhe. Auch nicht ein vereinzelter Buhruf, als er über die Gesundheitsreform sagt: „Den Menschen ist es egal, wer zuständig ist.“
Kanzler: „Demokratie muss uns das wert sein“
„Es hat keine Vorauswahl durch mich oder mein Umfeld gegeben. Ich kenne weder die Fragen noch weiß ich, wer kommen wird“, beschwört Bundeskanzler Christian Stocker. Im Vorfeld seiner groß angekündigten Sommertour durch Österreich, bei der er „mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen und ihnen die Regierungsarbeit erklären will“, hatte der ÖVP-Chef auch einiges an Kritik einstecken müssen.
Man müsse „Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen“, sagt er. „Was wir machen, machen wir für Sie, das mache ich nicht für mich. Ich müsste es nicht mehr machen, ich bin im Pensionsalter. Aber ich mache das mit Leidenschaft.“
„Keine parteipolitische Veranstaltung“
Etwa deshalb, weil nicht die Partei, sondern das Bundeskanzleramt und damit der Steuerzahler für die neun anstehenden Events aufkommt. „Das ist keine parteipolitische Veranstaltung. Ich sehe es als meine Aufgabe, unsere Regierungspolitik den Menschen zu erklären, ich glaube, das ist legitim“, so der Kanzler. „Und das muss uns unsere Demokratie ja wohl bitte noch wert sein“. Die genauen Kosten sind allerdings noch nicht bekannt.
Warum tourt Regierungsspitze nicht gemeinsam durch Österreich?
Dass nur er selbst und nicht etwa auch Vizekanzler Andreas Babler und NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger dabei sind, liege ausschließlich am Organisatorischen: „Wir haben uns sogar überlegt, ob die ganze Regierungsspitze teilnimmt. Vielleicht wird das in Zukunft passieren.“ Aktuell habe es an den Sommer-Terminkalendern gelegen.
Kanzler ist Gegenwind aus Medien gewohnt
Zur Kritik der Freiheitlichen rund um die Sicherheitsüberprüfungen der Teilnehmer, sagt der Kanzler: „Das habe nicht ich entschieden, sondern ist unter diesen Umständen State of the art.“ Vor weiterem Gegenwind, etwa aus dem Publikum, fürchtet er sich nicht. Den sei er bereits aus den Medien gewöhnt.
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