Im Osten Österreichs beginnen heute für eine halbe Million Schüler die Sommerferien. Einmal mehr fragen sich viele, ob neun Wochen schulfreie Zeit noch zeitgemäß oder schlichtweg zu lang sind. Über diese und weitere brennende Fragen im Schulsystem spricht die „Krone“ mit Bildungsexperte Andreas Salcher.
„Krone“: Sind neun Wochen Sommerferien zu lang?
Andreas Salcher: Wir reden immer über die neun Wochen Sommerferien. Aber wenn wir uns das ganze Jahr anschauen, haben wir eigentlich 14 Wochen Ferien. Es kommen die Herbstferien, es kommen die Weihnachtsferien, es kommen die Osterferien, es kommen die Landesfeiertage und schulautonome Tage. Das ist nicht nur für Eltern eine riesige Herausforderung, es kommt zu gewaltigen Lernverlusten, und zwar vor allem bei den sogenannten bildungsfernen Schichten.
Während in den Bildungsschichten die Eltern mit den Kindern in Museen gehen oder ins Ausland fahren, die Kinder Fußballcamps, Reitcamps, Sprachferien und dergleichen besuchen, werden Kinder mit Migrationshintergrund in ihre Herkunftsländer geschickt und sprechen wochenlang kein Deutsch.
Wiener Elternvertreter fordern eine Verkürzung der Sommerferien. Hitze ist auch ein Thema, weshalb man überlegt, die Ferien zu kürzen – im Sommer zumindest –, weil es in vielen Schulen nicht klimatisiert ist. Was halten Sie davon?
14 Wochen im Jahr sind vielen Eltern nicht zumutbar. Ich halte die Herbstferien wirklich für ein Problem. Da sind die Kinder kaum wieder in der Schule, wird schon wieder unterbrochen. Dann kommen gleich wieder die Weihnachtsferien. Diese Unterbrechung des Lernrhythmus ist ein riesiges Problem. Und ganz ehrlich gesagt, wir haben keinen Mangel an Ferien.
Wie würden Sie es gliedern? Wie könnte man das am besten verteilen aufs Jahr gesehen?
Ich würde die Sommerferien kürzen. Zum Beispiel die letzten beiden Wochen für die bildungsfernen Schichten. Ganz wichtig ist, dass in der Sommerschule etwas anderes passiert als im normalen Unterrichtsalltag. Es sollte dort nicht wieder von 8 Uhr in der Früh bis 13 Uhr klassisch Frontalunterricht gemacht werden. In den zwei Wochen sollte es darum gehen, dass die Kinder ein Projekt realisieren. Das kann ein Kunstprojekt sein, das kann ein Musikprojekt sein, das kann ein Sportprojekt sein, irgendetwas, was den Kindern Freude macht und wo sie sozusagen indirekt die Sprache lernen. Es ist leichter, wenn man die Sprache indirekt aufgrund des Sozialkontaktes lernt, als wenn man stur Deutschunterricht macht.
Die Sommerschule gibt es schon seit 2020, aber erstmals verpflichtend seit heuer für 16.000 außerordentliche Schüler. 2027 ist die Sommerschule dann überhaupt schon für 49.000 außerordentliche Schüler in Österreich verbindlich. Wird sich das bezahlt machen?
Das ist völlig richtig. Aber man hätte die Verpflichtung schon viel früher machen müssen. Das ist einmal der erste Punkt. Und das Zweite muss man in aller Klarheit sagen: Die Erfahrungen bisher zeigen, dass gerade diejenigen, die es am dringendsten brauchen, sich zwar vielleicht zur Sommerschule anmelden, aber schlicht und einfach nicht hingehen. Und das können wir nicht akzeptieren.
Was kann man dagegen machen?
Viele Experten fordern schon lange, dass man dasselbe tut wie beim Eltern-Kind-Pass, dass man nämlich Sozialhilfe ganz klar an die Mitwirkungspflicht knüpft. Es gibt viele Angebote, die das Schulsystem macht, aber es gibt auch eine gewisse Holschuld von Eltern.
Sollen Noten abgeschafft werden?
Ich bin sehr wohl für Noten. Menschen brauchen Beurteilungen und Feedback, um besser werden zu können. Und die meisten Schüler wollen das auch. Aber sie wollen gerecht beurteilt werden. Wenn eine Leistung nicht erbracht wird, muss ein Fünfer auch ein Fünfer sein. Vor allem in Wien wird immer öfter Leistungen positiv beurteilt, die eindeutig negativ sind. Damit tut man den Schülern nichts Gutes. Viele Unternehmen machen mittlerweile Aufnahmetests und finden Defizite heraus. Das heißt, die Prüfungsnoten, die Noten überhaupt müssen wieder der Realität angepasst werden. Ein Fünfer muss wieder ein Fünfer sein.
Sie fordern, dass Lehrpläne maximal 20 statt mehrere 1000 Seiten haben. Was kann man denn da alles weglassen?
Ich bin kein Freund von zentralen Lehrplänen. Ich bin dafür, dass man bestimmte große Lernfelder schafft, wie das zum Beispiel die Amerikaner oder die Engländer machen. Man würde zum Beispiel Naturwissenschaften zusammenführen. Die Zukunft sind individuelle Lernpfade für jeden einzelnen Schüler. Das ist möglich. Ich kenne genug Schulen, die das erfolgreich machen.
Brennpunktschulen sind ein riesiges Thema. Lehrer berichten von Schülern, die sich am Boden wälzen oder mit dem Zirkel auch selbst verletzen. Sind manche Mittelschulen überhaupt noch zu retten?
Ja, mit der richtigen Pädagogik und mit dem richtigen Einsatz würde das sehr wohl möglich sein. Man muss allerdings einen Schritt zurückgehen. Der Schlüssel ist Wertschätzung, aber auch klare Konsequenzen. Wir müssen diese große Herausforderung in der Elementarpädagogik, sprich in den Volksschulen schaffen, weil dort kann man die Kinder noch massiv beeinflussen. Dort kann man ihnen auch beibringen, dass jede Aktion, die sie setzen, jede positive, aber auch jede negativ eine entsprechende Konsequenz hat. In der Mittelschule ist es meist zu spät.
Wie sieht die Schule der Zukunft aus?
Es sollte nicht darum gehen, ob die Schule den Ländern oder dem Bund gehört. Meine Lösung ist einfacher. Das gehört weder zum Bund noch zu den Ländern. Das gehört an die Schulen. Autonomie heißt: Macht abgeben. Die Macht eines Direktors, über ein Budget zu verfügen, und zwar über ein wirkliches pädagogisches Budget, sich seine Lehrer aussuchen zu können, sich auch von ungeeigneten Lehrern trennen zu können all das gehört an die Schule. Das wird ja seit vielen Jahren gefordert. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben ein riesiges Bildungsministerium und wir haben zusätzlich noch neun riesige Bildungsdirektionen.
Werfen wir einen Blick auf ein anderes Thema, das im Klassenzimmer für eine kleine oder größere Revolution sorgt, nämlich die künstliche Intelligenz. KI-Tools haben ja schon Einzug genommen, ob man möchte oder nicht. Wie schaut es da aus in den Schulen aus Ihrer Sicht? Kommt man da aktuell noch mit den Entwicklungen?
Künstliche Intelligenz revolutioniert ja nicht nur die Arbeitswelt, die Arbeit von Journalisten, von Buchautoren, sondern auch massiv die Schule. Mit dem großen Unterschied, dass die Unternehmen sehr wohl schon auf KI vorbereitet sind und damit arbeiten und die Schule überhaupt nicht. Dabei wird sie von Schülern sehr intensiv genutzt. In den letzten beiden Jahren hat der Anteil der Schüler von zwölf bis 18 Jahren, die KI täglich nutzen, von 32 auf 84 Prozent zugenommen. Schüler – vor allem in der Oberstufe – schreiben ihre gesamten Hausübungen mit KI, bereiten sich auf Prüfungen mit KI vor. Das kann positiv sein. Aber es besteht auch die Gefahr, dass man quasi das Denken und das Lernen abschafft.
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