Neuer Tatvorwurf

Erster Nord-Stream-Verdächtiger angeklagt

Ausland
01.07.2026 18:16
Porträt von krone.at
Von krone.at

Die Bundesanwaltschaft hat in Hamburg Anklage einen ersten Tatverdächtigen der Nord-Stream-Anschläge im September 2022 angeklagt. Serhij K. soll der mutmaßliche Drahtzieher sein, ihm wird ein Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Knapp vier Jahre nach den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines hat die deutsche Bundesanwaltschaft Medienberichten zufolge einen ersten Tatverdächtigen angeklagt. Es soll sich um den mutmaßlichen Drahtzieher handeln, wie mehrere deutsche Medien berichteten. Bei der Sabotageaktion im September 2022 waren die Leitungen, die für den Transport von russischem Gas nach Deutschland gebaut worden waren, durch Sprengsätze schwer beschädigt worden.

Der Ukrainer Serhij K. soll die Aktion koordiniert haben, wie die Bundesanwaltschaft erklärte. Den Berichten zufolge wirft ihm die Bundesanwaltschaft Angriffe auf zivile Energieinfrastruktur, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vor.

Der Hintergrund

  • Nord-Stream 1 und Nord-Stream 2 sind zwei Gas-Pipelines, die durch die Ostsee von Russland nach Deutschland verlaufen.
  • Die Pipelines wurden gebaut, um russisches Gas nach Deutschland zu transportieren.
  • Ende September 2022 waren nach Explosionen in der Nähe der Ostsee-Insel Bornholm vier Lecks an den Pipelines entdeckt worden.
  • Die Pipelines waren zum Zeitpunkt der Explosionen nicht in Betrieb, enthielten aber Gas.

Der Vorwurf lautet aber nicht mehr „verfassungsfeindliche Sabotage“, sondern Kriegsverbrechen, wie der „Spiegel“ berichtet. Die Sprengung der Pipelines sei ein Angriff auf ein ziviles Ziel gewesen. Ein solcher Angriff ist durch das humanitäre Völkerrecht geschützt. Die Sabotage der Gasleitungen wird von den Ermittlern damit als Teil des Ukraine-Kriegs angesehen.

Seit Monaten in Untersuchungshaft
Bisher wurde für die Anschläge niemand zur Rechenschaft gezogen. Ende August 2025 konnte dann der mutmaßliche Drahtzieher auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls an der Adria-Küste im Urlaub mit seiner Familie gefasst werden. Über Monate wehrte Serhij K. sich gegen seine Auslieferung nach Deutschland. Er ging zwischenzeitlich in den Hungerstreik, weil er sich schlecht behandelt fühlte. Seit November sitzt es aber in deutscher Untersuchungshaft.

Mit gecharterter Jacht Sprengstoff platziert
In dem damaligen Beschluss des obersten deutschen Strafgerichts ist auch beschrieben, wie die folgenreiche Operation in der Ostsee abgelaufen sein könnte. Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass ein ukrainisches Kommando aus Tauchern und Soldaten die Tat verübte. Die Gruppe soll mit einer gecharterten Segeljacht aufs Meer hinausgefahren sein, um die Sprengsätze an den Gasleitungen zu platzieren.

Die Gruppe soll nahe Bornholm bei Tauchgängen in bis zu 80 Metern Tiefe am Meeresboden vier mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den Gaspipelines befestigt haben. Es handelte sich dabei den Angaben nach um im Militärbereich verwendete Hochleistungssprengstoffe. Diese haben eine massive Zerstörungskraft und sind auch in großen Wassertiefen explosionsfähig. Die Sprengsätze detonierten am 26. September 2022.

Serhij K. soll damals Offizier einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte gewesen sein. Sein italienischer Anwalt hatte schon vor der Auslieferung nach Deutschland infrage gestellt, ob er daher für die mutmaßliche Sabotage überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden könne. Auch die deutschen Behörden gehen davon aus, dass die Sabotage im Auftrag eines fremden Staates ausgeführt wurde. Ihrer Ansicht nach steht das einem Verfahren in Deutschland aber nicht entgegen.

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