Veteran geht viral

Folter in eigenen Reihen setzt Moskau unter Druck

Ausland
26.06.2026 21:30
Porträt von krone.at
Von krone.at

Der Kreml hat vermehrt mit demoralisierten Truppen zu kämpfen. Ein Veteran erhob nun schwere Foltervorwürfe und erreichte damit innerhalb kürzester Zeit Millionen Russen. Sogar von einem möglichen Aufstand gegen die politische Führung war die Rede.

Der Kreml will ein im Internet verbreitetes Video eines russischen Kriegsveteranen prüfen, in dem dieser Kommandanten Folter und Mord an eigenen Soldaten vorwirft.

In der bemerkenswerten Aufnahme beschuldigt der Veteran Alexander Lunin die russische Militärführung, Soldaten in Gruben festzuhalten, zu foltern und zu töten, wenn sie sich weigerten, „selbstmörderische Befehle“ auszuführen oder Geld an ihre Vorgesetzten zu zahlen.

Veteran warnt vor einem Aufstand
Lunin drohte zudem damit, die Armee werde ihre Waffen gegen den Kreml richten, sollte er nicht bald eine persönliche, live im Fernsehen übertragene Audienz bei Putin erhalten. Der Veteran betonte, lediglich „eine Nachricht“ zu überbringen und sehe sich selbst als „Messenger“.

Lunin untertitelte sein Video mit: „Botschaft an Wladimir Putin. Die Folgen werden schwerwiegend ...
Lunin untertitelte sein Video mit: „Botschaft an Wladimir Putin. Die Folgen werden schwerwiegend sein.“(Bild: OSINT)

Lunin, der in der Aufnahme im Kampfanzug und mit zahlreichen Orden zu sehen ist, behauptete in einem weiteren Video, Tausende Videobeweise von systematischer Folter „zugesendet bekommen“ zu haben. Definitive Belege für seine Anschuldigungen legte er jedoch nicht vor. Namen von Opfern und Tätern wurden ebenfalls nicht genannt. 

Millionen Aufrufe für Veteranen
Das Video des in der russischen Region Woronesch lebenden Veteranen verzeichnete innerhalb von 24 Stunden mehr als zwölf Millionen Aufrufe. Soziale Netzwerke sind in Russland gesperrt und können von den Nutzern in der Regel ausschließlich über virtuelle private Netzwerke (VPN) aufgerufen werden.

Seit Lunins Aufruf tauchten auch Videos von vermummten Soldaten auf, die von Putin eine Aufklärung der Missstände forderten. „Wir verlangen einen direkten Gesprächskanal für Alexander zu Putin, wir bestehen auf die Wahrheit.“ Ansonsten würden sie die Waffen gegen jene erheben, die die eigenen Truppen „terrorisieren“. 

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Freitag, er habe den auf Instagram veröffentlichten Appell an Präsident Wladimir Putin noch nicht gesehen. Peskow sprach jedoch von einer ihm bekannten „seltsamen Formulierung“ in dem Clip. Putins Sprachrohr betonte, man werde sich die Aufzeichnung zunächst ansehen, bevor man sich inhaltlich dazu äußere.

„Kannibalen“ sollen entfernt werden
In einer späteren Aufnahme erklärte Lunin zudem, dass seine Aussagen explizit nicht gegen Putin gerichtet seien. Er wolle lediglich vermitteln, was an der Front passiere. Dabei berichtete der Veteran erneut von Gräueltaten, die seine Kameraden durchleben müssten. „Wir werden eine Initiative gründen und diese Kannibalen fertig machen.“

Foltervorwürfe innerhalb der russischen Truppen sind nicht neu und werden regelmäßig hervorgebracht. Die Anschuldigungen reichen hierbei von Erniedrigungen bis hin zu Verstümmelungen und brutalen Hinrichtungen – zur „Stärkung der Moral“. Derartige Vorfälle werden häufig gefilmt und sind Experten zufolge authentisch. 

Ein neuer Druckpunkt für Putin
Der neue Skandal kommt für Putin zur Unzeit. Die Rekrutierung Freiwilliger für seinen Krieg läuft schleppend – Gerüchte einer neuen Generalmobilmachung machen bereits die Runde. Berichte von Zwangsrekrutierungen mehren sich, obwohl Putin versprochen hatte, keine Reservisten mehr einzuziehen. 

Die Karte zeigt den Frontverlauf im Ukraine-Krieg im Dezember 2025. Eroberte und umkämpfte Gebiete liegen im Osten und Süden der Ukraine. Vor der Invasion 2022 kontrollierte Russland bereits die Krim und Teile der Regionen Donezk und Luhansk. Mehrere Orte wie Charkiw und Pokrowsk sind stark umkämpft. Quelle: ISW.

Zudem sorgte zuletzt die ukrainische Drohnenoffensive, die von Moskau bis nach Sibirien neuralgische Punkte der Energieinfrastruktur vernichtete, für eine massive Versorgungskrise im Land. Auf der besetzten Halbinsel Krim wurde sogar der Ausnahmezustand verhängt.

Einige nationalistische Kommentatoren fordern mittlerweile offen den Einsatz von Atomwaffen von Putin. Lunins Schilderungen werden wohl kaum zur Beruhigung der russischen Öffentlichkeit beitragen.

Putin selbst zeigte sich von seiner aktuellen Strategie aber weiterhin überzeugt. Vor Absolventen von Militärakademien erklärte er am Dienstag, die russischen Truppen stünden kurz vor der Einnahme der ostukrainischen Stadt Kostjantyniwka im Donbas. Zudem setze er darauf, dass in Europa politische Kräfte an Einfluss gewinnen, die die Beziehungen zu Russland normalisieren wollen. Am Ende werde sich alles fügen.

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