Das eigene Zuhause als Ort der Geborgenheit? Für viele Jugendliche ist es genau das Gegenteil. Seit fünf Jahren bietet die Jugendnotschlafstelle „anker“ in Dornbirn jungen Menschen Schutz und Orientierung. Leiterin Tatjana Tschabrun spricht über Gewalt, psychische Belastungen und Zukunftsängste.
Wer spätabends an die Tür der Jugendnotschlafstelle „anker“ in Dornbirn klopft, hat meist einen langen Weg hinter sich. Konflikte zu Hause sind eskaliert, Gewalt, Vernachlässigung oder psychische Belastungen haben den Alltag unerträglich gemacht. Wer zum „anker“ kommt, ist oft seit Längerem ohne festen Wohnsitz – die Jugendlichen schlafen mal da, mal dort. Andere wissen schlicht nicht, wo sie die kommende Nacht verbringen sollen. „Viele Jugendliche kommen zu uns, weil sie keine andere Lösung sehen“, sagt Leiterin Tatjana Tschabrun.
Dann gehe es zunächst nicht um große Lebensentscheidungen, sondern um grundlegende Dinge: Sicherheit, Ruhe – und jemanden, der zuhört. „Manchmal braucht es zunächst gar keine große Lösung, sondern nur einen sicheren Ort, eine Nacht Ruhe, ein Gespräch und das Gefühl: Da ist jemand, der mich ernst nimmt.“
Die Jugendnotschlafstelle „anker“ besteht nun seit fünf Jahren. Seit der Eröffnung im Jahr 2021 haben 643 Jugendliche dort Schutz gefunden. Mehr als 4000 Nächtigungen und knapp 1500 Basisversorgungen zeigen, wie wichtig das Angebot mittlerweile geworden ist.
Krisen junger Menschen werden komplexer
Die Geschichten der Jugendlichen gleichen sich selten. Doch eines haben sie gemeinsam: In der Regel ist es nicht ein einzelnes Ereignis, das zur Krise führt. „Oft geht es nicht um einen einzelnen Streit, sondern um Situationen, die über längere Zeit eskalieren.“ Trennungen der Eltern, psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Gewalt in der Familie würden sich häufig mit anderen Problemen vermischen. Hinzu kämen Leistungsdruck, finanzielle Sorgen, Schulabbrüche oder soziale Isolation.
Besonders alarmierend sei die Entwicklung im Hinblick auf die psychische Gesundheit. Angststörungen, Depressionen, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken würden deutlich häufiger auftreten als noch vor wenigen Jahren. Die Folgen der Corona-Pandemie, Zukunftsängste, der Einfluss der sozialen Medien und wirtschaftliche Unsicherheit hätten ihre Spuren hinterlassen. „Wer nicht weiß, wo er in der nächsten Nacht schlafen kann, steht dauerhaft unter Stress“, erklärt Tschabrun. Ohne Stabilität und verlässliche Beziehungen verschlechtere sich die psychische Verfassung oft sehr schnell.
Wohnungslosigkeit beginnt oft verdeckt
Nicht alle Jugendlichen schlafen bereits auf der Straße, wenn sie Hilfe suchen. Viele erleben zunächst eine Phase der sogenannten verdeckten Wohnungslosigkeit. Sie übernachten bei Freunden, Bekannten oder Partnern und versuchen, irgendwie durchzukommen. „Wer dringend einen Schlafplatz braucht, ist eher bereit, Beziehungen oder Abhängigkeiten einzugehen, die eigentlich nicht gut oder sicher sind“, warnt Tschabrun. Gerade deshalb sei schnelle und niederschwellige Hilfe entscheidend, bevor junge Menschen in gefährliche Abhängigkeiten geraten.
Wer dringend einen Schlafplatz braucht, ist eher bereit, Beziehungen oder Abhängigkeiten einzugehen, die eigentlich nicht gut oder sicher sind.
Tatjana Tschabrun
Der Bedarf nach einem sicheren Platz steigt: Nach Angaben des „ankers“ wurde im vergangenen Jahr mit 909 Nächtigungen ein neuer Höchststand verzeichnet. Auch heuer deutet alles auf einen weiteren Anstieg hin.
Ein Bett zum Schlafen reicht nicht aus
Ein Bett allein löse keine Krise, betont Tschabrun. Entscheidend seien Menschen, die verlässlich begleiten, zuhören und gemeinsam mit den betroffenen Jugendlichen Perspektiven entwickeln. Erfolg bedeute deshalb nicht nur, dass Jugendliche wieder eine Wohnung finden. Manchmal sei bereits viel gewonnen, wenn sie wieder Vertrauen fassen, Hilfe annehmen oder den nächsten Schritt in Richtung Schule, Ausbildung oder betreutes Wohnen schaffen.
Es fehlt an intensiven Betreuungsangeboten
Doch genau in diesen Punkten sieht sie derzeit große Lücken. Es fehle an leistbarem Wohnraum, betreuten Wohnplätzen und rasch verfügbaren Therapieangeboten. „Gerade Jugendliche mit komplexen psychischen Belastungen brauchen oft eine intensivere und flexiblere Unterstützung, als sie derzeit angeboten wird. Es fehlt außerdem an niederschwelligen Angeboten, die schnell erreichbar sind, bevor eine Situation völlig eskaliert. Je länger Jugendliche warten müssen, desto schwieriger wird es, sie wieder zu stabilisieren“, warnt Tschabrun.
Trotz aller Herausforderungen bleiben die positiven Entwicklungen für das „anker“-Team die größte Motivation. Jugendliche, die nach schweren Krisen wieder eine Ausbildung beginnen, selbstständig wohnen oder ihr Leben Schritt für Schritt neu aufbauen, zeigen, warum sich der Aufwand lohnt – und warum derartige Angebote gefördert werden sollten.
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