Ausstellung in Wien

Syrien nach Assads Sturz: Alltag in den Trümmern

Wien
26.06.2026 12:10

Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 befand sich Syrien in einem kollektiven Vakuum. Eineinhalb Jahre lang dokumentierte Fotograf Dominic Nahr die Geburt einer neuen Ordnung aus den Trümmern der Diktatur. Seine Bilder sind jetzt in Wien zu sehen.

Die Fotos der Ausstellung „Echoes of Everyday Syria“ in der Leica Galerie in Wien beleuchten die Spannung zwischen politischer Willkür, militärischer Kontrolle und gelebter Realität im syrischen Bürgerkrieg – und wie sich Kontrolle in Landschaften und Lebensräumen widerspiegelt. Sie entstanden auf mehreren Reisen, die der Schweizer Fotojournalist zwischen Winter 2024 und Frühling 2026 nach Syrien unternahm. 

„Fragile Sehnsucht nach Frieden“
„Ein komplexes Mosaik aus Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen, Drusen und Kurden teilt sich nun denselben Raum, zutiefst gezeichnet von alten Traumata und zugleich getragen von einer fragilen Sehnsucht nach Frieden. Die Bilder fangen diese Suche nach Identität jenseits der großen Schlagzeilen ein“, kommentiert Nahr seine ausgestellten Werke. Sie dokumentieren nicht nur die Freude über den Sturz, sondern auch den Alltag zwischen Trümmern und Verlust und Schmerz angesichts von Folter und Mord.

Spuren des Kriegs im Alltag
„Echoes of Everyday Syria“

Fotograf Dominic Nahr beschreibt, wie seine Bilder entstanden sind.

„Dieses Bild entstand wenige Tage nach dem Sturz von Bashar al-Assad in Damaskus. Überall in der ...
„Dieses Bild entstand wenige Tage nach dem Sturz von Bashar al-Assad in Damaskus. Überall in der Stadt herrschte eine Mischung aus Euphorie, Neugier und Unsicherheit. Menschen kletterten auf verlassene Panzer, machten Selfies und posierten mit Waffen der HTS- Kämpfer. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das kleine Mädchen, das von ihrem Vater auf das Kanonenrohr gesetzt wurde, damit er ein Erinnerungsfoto machen konnte.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Wir waren erst kurz in Damaskus, als plötzlich mehrere Reiter durch den Verkehr ritten. Ich ...
„Wir waren erst kurz in Damaskus, als plötzlich mehrere Reiter durch den Verkehr ritten. Ich sprang aus dem Auto und rannte über die Straße, um dieses Bild zu machen. Der Mann auf dem weiß-grauen Pferd blickt auf sein Telefon, während er die syrische Flagge trägt und die blaue Stunde über die Stadt hereinbricht. Das Bild entstand nur wenige Tage nach dem Sturz Assads und verbindet für mich etwas Zeitloses mit einer sehr modernen Realität.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Ich habe dieses Bild kurz nach Sonnenuntergang in Palmyra aufgenommen. Diese beiden jungen ...
„Ich habe dieses Bild kurz nach Sonnenuntergang in Palmyra aufgenommen. Diese beiden jungen Frauen gingen durch die Anlage, während Einheimische in Autos und auf Motorrädern vorbeifuhren. Palmyra wird fast immer als Symbol für Krieg und Zerstörung dargestellt, doch an diesem Abend fühlte es sich vollkommen anders an. Keine Touristen, keine offizielle Präsenz. Nur Einheimische, die den Ort als Teil ihres ganz normalen Alltags nutzten.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Dies ist der alte Markt von Aleppo, das Herz der Stadt. Während des Krieges wurde er verwüstet. ...
„Dies ist der alte Markt von Aleppo, das Herz der Stadt. Während des Krieges wurde er verwüstet. Als ich zurückkehrte, war es jedoch nicht die Zerstörung, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern wie schnell das normale Leben die Lücken wieder gefüllt hatte. Die Männer im Bild scheinen sich an den Ruinen nicht zu stören. Wenn man die beiden betrachtet, wird man daran erinnert, wie anpassungsfähig Menschen sind.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Auf dem Weg aus Suweida, nahe Damaskus, hielt ich an einer verlassenen Militärbasis. Am Eingang ...
„Auf dem Weg aus Suweida, nahe Damaskus, hielt ich an einer verlassenen Militärbasis. Am Eingang stand ein alter Kampfjet, der zu einem Spielplatz für Plünderer geworden war. Diese Männer lachten, machten Witze und kletterten auf dem Wrack herum. Mir gegenüber waren sie sehr freundlich, fast ausgelassen. Eine Minute später stiegen sie wieder in ihre Lastwagen — nicht, um zu verschwinden, sondern um tiefer in die Basis hineinzufahren und weiter alles auszuschlachten.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Als ich auf dem Feld außerhalb von Suweida ankam, erwartete ich, einen Hinweis darauf zu ...
„Als ich auf dem Feld außerhalb von Suweida ankam, erwartete ich, einen Hinweis darauf zu finden, dass sich hier ein Massengrab befand. Stattdessen war da nur ein Stück frisch aufgeworfene Erde. Fast 150 nicht identifizierte Leichen waren gerade hier begraben worden, und doch wirkte die Landschaft vollkommen gewöhnlich. Der Mann im Bild war gekommen, um zu trauern. Er stand da, blickte auf die dunkle Erde hinab und betrauerte Menschen, die er nicht einmal kannte.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
„Das Sednaya-Gefängnis galt als berüchtigtste Folterstätte des Regimes. Doch mit dem Sturz ...
„Das Sednaya-Gefängnis galt als berüchtigtste Folterstätte des Regimes. Doch mit dem Sturz Assads standen die Tore auf einmal weit offen, und Menschen strömten heraus. Als ich ankam, war die Straße von Familien gesäumt. Andere waren bereits seit dem Sturz hier und suchten verzweifelt nach Antworten über Angehörige, die vor Jahren verschwunden waren. Während Menschen in ganz Syrien feierten, lag hier eine düstere Stimmung von Verlust und Schmerz in der Luft.“(Bild: Dominic Nahr/NZZ)
Dies ist der Markt im Al-Roj-Camp im Osten Syriens. Diese junge Frau gehört zu einer ganzen ...
Dies ist der Markt im Al-Roj-Camp im Osten Syriens. Diese junge Frau gehört zu einer ganzen Generation, die hinter Stacheldraht und Wachtürmen aufwächst. In dem Camp leben rund 10.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, die nach dem Fall des Kalifats hier gelandet sind. Diese Kinder und Frauen stecken voll und ganz in einem rechtlichen Niemandsland fest. Ihre Väter sind tot oder inhaftiert, und ihre Herkunftsländer weigern sich, sie zurückzunehmen.(Bild: Dominic Nahr/NZZ)

„Risse im Fundament“
„Die Ausstellung zeigt die Risse im Fundament, vor allem aber die leisen Echos eines Alltags, in dem das Weiterleben und das Prinzip Hoffnung untrennbar miteinander verwoben sind“, so der vielfach preisgekrönte Fotograf. Nahr fotografiert heute hauptberuflich für die Neue Zürcher Zeitung. Für Publikationen wie „Time Magazine“ oder „National Geograhpic“ dokumentiert er seit 20 Jahren Krisenherde in aller Welt.

Die Ausstellung „Echoes of Everday Syria“ kann noch bis 12. September 2026 bei freiem Eintritt in der Leica Galerie in der Wiener Innenstadt besichtigt werden.

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