Mit Drohung und Gegendrohung ging es in den vergangenen Wochen zwischen der Ukraine und Belarus hin und her. Jetzt hat sich der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko beim ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj entschuldigt. Was hinter der Rhetorik von Wladimir Putins Verbündeten steckt.
Belarus unterstützt die russische Invasion in der Ukraine seit Tag 1 logistisch, aktiv am Krieg teilgenommen haben belarussische Truppen aber noch nicht. Es gab lediglich Drohgebärden, zuletzt bei einer gemeinsamen Nuklearwaffenübung mit Russland im Mai. Der Kommandant der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert „Magyar“ Brovdi, reagierte darauf seinerseits mit einer Drohung. „Die ersten 500 Ziele wurden bereits ermittelt. Ein kostenloser und praktischer Ratschlag: Legen Sie sich nicht mit der Ukraine an“, erklärte er Richtung Belarus.
„Entschuldige mich für diese Worte“
„Wir haben ein sehr wichtiges Ziel mit genauen Koordinaten, und es befindet sich unweit von Belarus“, antwortete Lukaschenko darauf mit einer Drohung gegen die ukrainische Hauptstadt Kiew, die kaum 100 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Jetzt ruderte der 71-Jährige zurück. „Falls Wolodymyr Oleksandrowitsch (Selenskyj, Anm.) sich gekränkt gefühlt hat, entschuldige ich mich bei ihm für diese Worte. Vielleicht hätte ich sie nicht sagen sollen, wenn man bedenkt, dass er sich im Krieg befindet“, so Lukaschenko am Montag im Interview mit dem Sender Al Arabiya (siehe X-Post unten).
Zugleich betonte er, dass von Belarus keine militärische Aktion ausgehen werde. „Die Ukraine hat absolut nichts zu befürchten.“ Noch mehr: Lukaschenko rief in dem TV-Interview Russland und die Ukraine dazu auf, einen „Kompromiss“ zu finden, um den Krieg zu beenden. Denn für beide Seiten sei ein Sieg auf dem Schlachtfeld unrealistisch.
Belarus in verzwickter Lage
Es sind bemerkenswerte Aussagen für den wichtigen Verbündeten des Kreml, der Angriffe auf die Ukraine von seinem Territorium erlaubt und auch russische Atomwaffen dort stationiert hat. Der Osteuropa-Experte Alexander Dubowy erklärt sie mit der verzwickten Lage, in der sich Lukaschenko befindet: „Der Kreml will, dass Belarus in den Krieg gegen die Ukraine eintritt und von Norden aus angreift, um die Front im Osten zu entlasten.“
Lukaschenko will aber unbedingt vermeiden, in den Ukraine-Krieg hineingezogen zu werden. Einerseits, weil Belarus dann verwundbar für ukrainische Drohnen wäre, andererseits weil Krieg in Belarus extrem unbeliebt ist – wegen der horrenden Verluste im Zweiten Weltkrieg. „Ein Eintritt in den Krieg wäre Lukaschenkos Ende“, bringt es Dubowy auf den Punkt. Sein TV-Auftritt sei daher „eine bewusste Geste, um sich von Putins Krieg zu distanzieren und gegenüber Selenskyj zu deeskalieren“, erklärt er gegenüber der „Krone“.
Die Leine, an der Lukaschenko von Moskau gehalten wird, ist manchmal länger und manchmal kürzer.

Politikanalyst und Osteuropa-Experte Alexander Dubowy
Bild: krone.tv
„Die Leine, an der Lukaschenko von Moskau gehalten wird, ist manchmal länger und manchmal kürzer. Jetzt ist sie ganz kurz, doch versucht er, den verbleibenden Bewegungsspielraum zu nutzen“, so Dubowy. Belarus ist wirtschaftlich extrem von Moskau abhängig, vor allem von günstigen Energieimporten.
Blick geht nach Washington
Um zu vermeiden, dass Russland Belarus schluckt, schielt Alexander Lukaschenko, der sich als Garant für die belarussische Souveränität inszeniert, weiter nach Westen. In dem TV-Interview schloss er ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump nicht aus. Mit Washington gab es bereits Deals: Politische Häftlinge wurden im Tausch für Gespräche und gelockerte Sanktionen freigelassen.
Dass eine Annäherung an den Westen von Dauer ist, glaubt Experte Dubowy nicht. Sobald Moskau den Druck weiter erhöhe, werde Lukaschenko rhetorisch wieder umschwenken: „Er hat immer schon versucht, auf allen Stühlen gleichzeitig zu sitzen“.
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