„Krone“-Interview

Filiah: „Ich mag mich eigentlich ganz gerne“

Musik
04.06.2026 05:00

Nach jahrelangen Unsicherheiten und dem ständigen Hinterfragen der eigenen Kunst kehrt die Niederösterreicherin Filiah aka Nina Schwarzott mit einem der besten heimischen Alben des Jahres zurück. Im „Krone“-Talk erklärt sie, worum es auf „A Deep Breath Out“ geht, weshalb sie in Schreibblockade verfiel und was sie aus der Abwärtsspirale rausholte.

kmm

Eigentlich ist der Albumtitel eine perfekte Anleitung für eine beruhigende Verhaltensweise. „A Deep Breath Out“ (also tiefes, befreiendes Ausatmen) würde vielen Menschen innerhalb und außerhalb gängiger Kommentarspalten in Social-Media-Foren oder hitzigen Diskussionsrunden mehr als guttun. Sich auf sich zu besinnen, innezuhalten, ruhig zu bleiben und vielleicht lieber einmal öfter als einmal zu wenig nachzudenken. Hinter einem der besten und atmosphärischsten Indie-Alben aus heimischen Landen steckt Nina Schwarzott aka Filiah. Drei Jahre lang hat sie vor den ersten Single-Auskoppelungen zu diesem Album nichts mehr veröffentlicht. „Ich hatte zwischendurch ein Burn-Out und war mir gar nicht mehr sicher, ob ich noch Musik machen soll oder nicht“, erzählt sie im offenen und sympathischen „Krone“-Gespräch, „es geht so viel um dich als Person und weniger um die Musik. Das war mir zu viel. Ich musste meine eigene Blase finden, damit es wieder vorangeht.“

Endlich nicht mehr verloren fühlen
War das Debütalbum „For Someone“ noch von einer gewissen Zartheit durchzogen, schlägt die sanfte Musikerin auf „A Deep Breath Out“ auch andere, durchaus selbstbewusste Töne an. In drei Jahren hat Filiah nicht nur die Lust am Musikmachen wiedergefunden, sondern auch an Reife und Stärke dazugewonnen. „Ich spiele heute Konzerte allein oder mit Band – in unterschiedlichen Besetzungen. Ich weiß, dass sich alles ausgeht und das alles möglich ist. Eine Zeit lang habe ich mich in der Wiener Musikblase verloren gefühlt, aber jetzt habe ich wieder die richtigen Menschen um mich herum und habe dabei meine Schreibblockade überwunden.“ In den schlimmsten Phasen war das bloße Notieren von Notizen eine Qual – und ein ungewohntes Erlebnis für die Niederösterreicherin, die aufgrund von Erfahrungen und Beobachtungen für gewöhnlich vor Inspirationen übersprudelt.

„Als dann auch noch der Vertrag mit dem Label zustande kam, hat es gepasst“, ergänzt sie, „es war an der Zeit, die Ideen, die ich wieder hatte, sichtbar zu machen.“ Besonders wichtig: Filiah konnte sich vom Druck von außen befreien. Sie begann wieder selbst das Tempo zu diktieren und nicht, es sich diktieren zu lassen. „Ich höre oft, dass sich Leute mit meinen Liedern identifizieren können, was ich sehr schön finde. Wenn man sich verletzlich macht, dann nimmt man gleichzeitig viel Angriffsfläche weg und öffnet Bereiche, in denen Menschen Dinge diskutieren können, die sie sich bis dorthin vielleicht nicht zugetraut hätten.“ Musik und Texte gehen bei Filiah Hand in Hand. „Manchmal folge ich einer Textidee, dann wieder dem Sound. Und manchmal habe ich schon ganz genau im Kopf, wohin die Reise gehen soll. Bei ,Sad Girl With A Punchline‘ hatte ich die Synthie-Spur vor mir und mir war sofort klar, was passieren muss.“

Gegen Ohnmacht und Wut
„Sad Girl With A Punchline“ war die bereits vorab veröffentlichte EP, von der es noch drei Songs auf das neue Album schafften, weil Filiah es zu schade fand, sie nicht noch einmal einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren zu können. Die Liebe zur Musik bekam sie bereits von ihrer Mama mit, deren Klavierspiel sie über alle Maßen schätzt. „Sie hat eine tolle Begeisterung für gute Musik und Platten. Damals hat sie von ihren Ex-Freunden immer gebrannte CDs bekommen, die wir dann auch abgespielt haben“, erinnert sie sich zurück, „das hat mich musikalisch auf jeden Fall stark geprägt.“ Das Resultat aus der jahrelangen Schreibblockade und dem wiedergefundenen Vertrauen in die Musik und die eigenen Schreibfertigkeiten ist somit ein ungemein persönliches, zuweilen intimes und intensives Album. So dreht sich der Opener „This Not Fun“ um unterdrückte Wut. „Und die Ohnmacht, die man fühlt, wenn man die Wut nicht zulässt. Ich bin als Frau aufgewachsen, die immer möglichst nett sein und nicken sollte. Wenn man sich ständig kleinmacht, bricht es aber irgendwann aus einem raus.“

Mit Mustern brechen, Verhaltensweisen ändern, dazulernen, sich entwickeln. In gewisser Weise ist „A Deep Breath Out“ auch ein Coming-Of-Age-Album. „Es ist wie ein erleichterndes Ausatmen. Etwa, wenn man ein klärendes Gespräch hatte und einem viel Last von der Seele gefallen ist. Als hätte man einen schweren Rucksack abgelegt.“ Manche Songs sind schon alt und stammen noch aus der „ersten“ Karrierephase Filiahs. „People Just Change“ hat etwa schon ganz sieben Jahre auf dem Buckel. „Es hat lange gedauert, den Song so zu gestalten und zu verpacken, dass er für mich auch Sinn macht.“ Für Filiah ist das Album auch gleichbedeutend mit dem Finden eines neuen Ichs. „Ich bin heute um einiges ruhiger und wesentlich weniger ängstlich. Mir ist mittlerweile egal, wie mich die Leute sehen, denn eigentlich mag ich mich ganz gern. Ich bin nicht mehr das traurige Indie-Songwriter-Girl des ersten Albums und das ist auch gut so.“

Hinterfragen ist wichtig und notwendig
War Filiah früher auch von Interviews gestresst, scheint sie heute in Gesprächen aufzublühen. „Es waren so viele Selbstzweifel im Spiel. Bin ich cool genug? Kann ich mich als Künstlerin bezeichnen? Wer bin ich überhaupt? Ich habe viel über diese Zweifel geschrieben und es bedeutet nicht, dass sie verschwunden sind, aber es ist zumindest nicht mehr jede Überlegung gleich ein Weltuntergang.“ Filiah geht mit ihrem famosen neuen Album „all in“, der einzige Schutz bietet ihr noch die englische Sprache, die sich bei ihren Texten aber ohnehin wie eine Muttersprache anfühlt. „Ich weiß mittlerweile, dass ich Dinge hinterfragen und mich immer wieder weiterbilden und verändern kann. Ich kann mich neu kennenlernen und aus alten Schuhen rauswachsen.“ Anders gesagt – die Zeiten des „People Pleasing“ sind vorbei – und diese Selbstsicherheit steht Filiah und ihrer Musik mehr als gut.

Release-Show in Wien
Morgen, am 5. Juni, gibt es übrigens den Hattrick für die Künstlerin. Sie feiert ihren 28. Geburtstag, veröffentlicht das Album und stellt es auch live im Wiener Porgy & Bess (www.porgy.at) vor. Schauen Sie vorbei, es zahlt sich aus.

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