Die Wiener Festwochen haben das erste von ihnen unter Milo Rau beauftragte Musiktheater zur Uraufführung gebracht. „The Day Before“ von Brigitta Muntendorf erwies sich bei der Premiere als packend intensives Klangerlebnis.
Am Anfang ist Party. Als die Zuhörer ins Odeon eingelassen werden, wird dort schon zu eingängigen Beats getanzt auf der freien Fläche zwischen den stählernen Baugerüsten, die bis zur Decke ragen. Die Baugerüste sind von Technikern und Musikern besiedelt, die den immer intensiver werdenden Klangteppich weben, zu dem auch bald die Besucher tanzen.
Doch der Tanz erweist sich bei „The Day Before“ (Der Tag davor) als einer auf dem Abgrund. Ein Krieg steht bevor in diesem immersiven Musiktheater der deutsch-österreichischen Komponistin Brigitta Muntendorf. Zwei zentrale Darstellerinnen (sehr präsent: Sofia Jernberg und Margaux Marielle-Trehoüart) sprechen, singen und erzählen mitten unter den stehenden Zuschauern vom Krieg. Die Schriften der französischen Philosophin Simone Weill tauchen immer wieder auf und der griechische Mythos llias.
In ihren Texten und Bildern führen Regisseurin Christiane Jatahy und die Autorin Rosa Montero die Mechanismen von Gewalt und Krieg, von Macht und Kränkung vor, von männlichem Narzissmus und weiblicher Ohnmacht. Krieg ist wie Gewalt eine Spirale, lautet die zentrale Analyse, Heldenschaft ist darin männlich codiert. Eine weibliche Perspektive soll das aufbrechen.
Mutiger Mix
Die Klangwelten, die Brigitta Muntendorf dazu baut, sind eine analog-digitale Hybridform. Da wird live gesprochen und gesungen (toll auch: die Mädchen des Landesjugendchors) und am Schlagwerk getrommelt, gerasselt und geklopft. Gleichzeitig entstehen daraus und dazu digitale Schleifen, die verschiedenen Ebenen überlagern einander. Ein mutiger Mix, dem man sich jedoch nicht entziehen kann.
Ob sich hier eine Gruppe auf den nahenden Krieg einstimmt oder wütend dagegen antanzt, ist in der Collage-artigen Dramaturgie nicht immer klar. Doch nach 70 Minuten des Staunens mitten in diesen packenden auf- und abschwellenden Klangwelten kippt die brodelnd düstere Stimmung. Mit der kollektiv gesungenen Flowerpower-Anti-Kriegshymne „Let The Sunshine In“ werden die Besucher zum Finale trommelnd in die große Vorhalle begleitet, wo der Abend wieder tanzend endet. Auch wenn dieser Optimismus etwas unverhofft kommt und auch eine Form der Weltflucht in sich trägt – gute Laune verbreitet er allemal.
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