Ersan Mondtag gilt als heißester Regie-Kandidat für den neuen Wiener „Ring des Nibelungen“. Mit Bizets „Die Perlenfischer“ („Les Pêcheurs de perles“) gibt er zu Christi Himmelfahrt sein Debüt an der Staatsoper. Die „Krone“ traf das theatrale Multitalent zum Interview.
„Krone“: Ihre Fischer tauchen im alten Ceylon nicht nach Perlen, sondern färben Stoffe für Luxus-Labels. Wie sehr geht es um inhumane Produktionsbedingungen der Modeindustrie?
Ersan Mondtag: Ich würde nicht sagen, dass wir ausschließlich die Ausbeutung thematisieren, das ist differenzierter zu sehen. Gucci produziert auch nicht in Indien. Es geht mir eher um die Globalisierung und die unterschiedlichen Hierarchien der Globalisierung. Also dass in einem Teil der Welt Stoffe hergestellt werden, die in einem anderen Teil, etwa in Italien, verarbeitet werden und so eine Wertsteigerung von 200 Prozent erfahren. Das ist eine allgemeine Thematisierung von Kapitalismus und Globalisierung. Also ich bin ein sehr modischer Mensch.
In Ihrer Inszenierung werden aus Brahma und Shiva die Luxuslabels Prada und Gucci. Kaufen Sie lieber bei Prada, bei Gucci oder gar bei H&M?
Bei Gucci, ich werde tatsächlich von Gucci für die Premiere eingekleidet.
Gucci muss man sich aber auch leisten können.
Man setzt Prioritäten im Leben. Die einen kaufen Autos und die anderen kaufen Anzüge.
Anzüge machen zumindest weniger Dreck.
Genau.
Sie haben im Interview zur kommenden „Ariadne auf Naxos“ für die Salzburger Festspiele gesagt: „Meine Arbeit schöpft aus der Wahrnehmung der Gegenwart und möchte nicht eskapistisch sein.“ Aber ist nicht gerade die Oper die am meisten eskapistische Kunstform?
Finden Sie?
Ja, ich finde, man kann sich nirgends so gut verlieren wie in der Oper.
Man kann von seinem Alltag entkoppelt werden. Aber es besteht trotzdem ein intellektueller und ästhetischer Anspruch. Es ist auch eine Anstrengung, in der Oper zu sitzen. Eine Wagner-Oper muss man manchmal wirklich aushalten.
Was bedeutet dann Eskapismus für Sie?
Ich verstehe darunter eher, weltfremd zu sein. Und die Oper ist nicht weltfremd. Andererseits, wofür lohnt es sich, so viel zu arbeiten, wenn man am Ende des Tages nicht mehr in die Oper gehen kann? Eine funktionierende Gesellschaft hat ein gutes Kulturprogramm, damit Menschen entscheiden können, ob sie ein Fußballspiel schauen, in die Oper oder tanzen gehen. Insofern hat die Oper über das Intellektuelle hinaus eine gesellschaftstragende Funktion. Das verstehe ich nicht als Eskapismus, sondern ich finde es systemrelevant.
Die Perlenfischer sind eine krude exotische Geschichte: Nadir und Zurga schwören sich zugunsten ihrer Freundschaft auf die von beiden begehrte Leila zu verzichten. Die wird keusche Tempelpriesterin, und muss für das Heil der Perlenfischer beten. Als Nadir zurückkehrt, bricht unter der Liebe der beiden sein Schwur und ihr Gelübde. Wie stellt man das heute auf die Bühne?
Es gibt ein paar Dinge, die muss man annehmen, weil es die Grundarchitektur des Werkes ist. Zum Beispiel, dass eine Frau eingesperrt wird und sich verschleiert, damit die Gesellschaft gesund bleibt. Das zu übersetzen, ist ein bisschen mühselig. Die Liebesgeschichte gehört genauso dazu wie die Männerfreundschaft.
Was man aber machen kann, ist von der Perlenfischerei in die Textilindustrie zu wechseln, oder den echten Tempel in einen Konsumtempel zu verwandeln.
Dadurch lässt sich thematisch eine andere Eingrenzung und ein neuer Bezug zur Gegenwart herstellen. Wir thematisieren den kolonialistischen, exotischen Aspekt, indem wir die Geschichte in einer globalisierten Zweiklassengesellschaft zeigen. Dadurch wird dieses Werk, das aufgrund des schlechten Librettos im Grunde unaufführbar ist, auf vielen Ebenen inhaltlich wieder interessant. Man macht aus einer Not eine Tugend, weil man diese Musik aufführen muss. Aber man wünscht diesem Werk eigentlich ein neues Libretto.
Hätten Sie den Text gerne verändert?
Nein. Das Werk ist das Werk und man muss es in seiner Integrität bewahren. Es hat auch eine Werkgeschichte. Eine Bearbeitung würde ich nicht machen. Aber ich kann es durch die Inszenierungskonzeption mit der Gegenwart in Deckung bringen. Ich will jetzt nicht demütig klingen. Natürlich hat man eigene Interessen. Aber der Fokus lag darauf, diese Musik zuzulassen.
Was meinen Sie mit den eigenen Interessen?
Das, was einen selbst beschäftigt, thematisch durchzusetzen. Und das Publikum mit bestimmten Ansichten der Welt konfrontieren. Dabei darf gerne ein bisschen Reibung entstehen. Oper soll nicht bieder sein. Gleichzeitig stellt man sich als Künstler die Frage, wieviel man dem Publikum zumuten kann. Damit es nicht nur doofe Provokation wird.
Sie provozieren also gerne?
Provokation an sich finde ich uninteressant. Aber ich verfolge natürlich das Ziel, dem Publikum etwas mitzugeben, worüber es reflektieren kann, etwas, das vielleicht nicht so bequem ist. Oder es formal herauszufordern, damit es eine andere Offenheit für neue künstlerische Ansätze entwickelt. Es ist grundsätzlich die Aufgabe von Künstlern, ein bisschen die Schrauben anzudrehen, damit eine Entwicklung beim Publikum stattfindet. Es muss sich ja mitentwickeln.
Wie weit darf sich das Staatsopernpublikum bei den „Perlenfischern“ weiterentwickeln?
Für meine Verhältnisse ist das eine sehr konventionelle Arbeit. Ich finde die Inszenierung sehr werktreu. Das Publikum wird das sicher anders sehen, aber ich bin schon einiges gewöhnt.
Haben Sie da Beratung gehabt, wie das Wiener Publikum reagieren könnte? Das erzählt einem doch jeder unaufgefordert. Ich habe viel Spaß, die Geschichten zu hören. Anscheinend ist etwas los im Zuschauerraum in Wien, das ist ein gutes Zeichen.
Sie entwerfen selbst das Bühnenbild und die Kostüme. Wie entwickeln Sie eine Operninszenierung? Über die Musik, über Bilder, sie sind ja auch sehr kunstaffin?
Ich höre die Oper einige Male, es entstehen Fantasien. Dann arbeite ich mit meinem Dramaturgen zusammen, Till Briegleb, der Konzeptionsansätze entwickelt, wie man das heute neu rezipieren könnte. Danach sprechen wir darüber, wie wäre es etwa, wenn wir das Stück in der Textilindustrie spielen lassen, in einem Dorf, in dem sich eine Färberei befindet.
Auf dieser Basis entwickle ich ein Bühnenbild, erschaffe diese Welt und entwerfe die Kostüme. Das ist ein sehr organischer Prozess.
Sie machen neben derzeit viel Oper auch Theater, nächste Saison etwa Dürrenmatts „Physiker“ an der Burg. Sie sind als bildender Künstler aktiv, haben etwa 2024 den deutschen Pavillon auf der Biennale Arte in Venedig erfolgreich bespielt. Wo nehmen Sie die Zeit her für das alles?
Das Jahr hat 365 Tage und jeder Tag hat 24 Stunden. Man hat viel mehr Zeit, als man denkt, wenn man aus diesem Acht-Stunden-Rhythmus rauskommt. Und es macht mir Spaß. Es entlastet mich, unterschiedliche Dinge zu unternehmen, weil ich mich nicht langweile. Würde ich nur Opern inszenieren, ich würde irgendwann durchdrehen. Einen Tinnitus bekommen (lacht).
Woher kommt Ihre Affinität zur Oper?
Ich mag Livemusik sehr. Ich finde dieses Ritual ganz toll, diesen Aufwand, der betrieben wird. Dieses Gebäude finde ich schön, es ist einfach ein toller Arbeitsplatz. Es ist ein Privileg, dass man hier die besten Weltstars bei der Probe um sich hat, die für einen singen, während man sie arrangiert.
Was war Ihre erste Oper?
Der „Schmied von Gent“ von Franz Schreker. Vor sechs Jahren, in Antwerpen.
Sie geben jetzt ihr Debüt an der Staatsoper, im Sommer kommt mit der „Ariadne“ ihre erste Regie in Salzburg, im Dezember ihre zweite an der Burg.
Ja, ich habe heuer drei Produktionen in Österreich. Das ist schon einzigartig.
Aber es geht ja weiter. Sie inszenieren doch auch den neuen „Ring des Nibelungen“ unter Christian Thielemann an der Staatsoper?
Das habe ich auch schon gelesen. Wenn ich es machen würde, dürfte ich es aber nicht kommentieren.
Würden Sie den „Ring“ gerne inszenieren?
Ja. Ist das nicht das Ziel von jedem Regisseur? Es ist das größte Opernwerk der Romantik. 16 Stunden! Das interessiert mich natürlich.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.