Seit 2011 begeistert die Band Deine Freunde mit ihrer Mischung aus Hip-Hop, Pop und Familien-Entertainment kleine wie große Fans. Vor wenigen Tagen erschien ihr achtes Album „Die Kinder spielen verrückt“, mit dem sie am 31. Mai auch in der Wiener Arena Halt machen. Mit der „Krone“ spricht Florian Sump, einer der drei Freunde, über den Auftritt in Wien, wilde Kinder, emotionale Songs und den Druck, der heute auf Familien lastet.
„Ringedingdong, ich bimmle an deiner Tür, mach mal auf, der Bestimmer ist hier“ – Wer bei dieser Zeile an einen harten Rapsong denkt, liegt ziemlich daneben. Denn Deine Freunde sind keine Rapper, die von Autos, Geld und Villen erzählen. Ihr Kosmos ist ein anderer: Kinderzimmer statt Club, Familienchaos statt Gangsterpose, Alltagswahnsinn statt Statussymbol.
Seit 2011 holen Flo Sump, Lukas Nimscheck und Markus Pauli Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren genau dort ab, wo ihr Leben spielt: zwischen Schulranzen, Wackelzähnen, Elternsätzen, Süßigkeiten, Trotzphasen und großen Gefühlen. Das alte „Aram sam sam“ ist längst Schnee von gestern. Die drei Hamburger haben gezeigt, dass Kindermusik nicht nach pädagogischem Zeigefinger klingen muss – sondern nach Hip-Hop, Pop, Beats und jeder Menge Humor. Und dass ein Genre, das viele längst abgeschrieben hatten, Hallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz füllen kann.
Ihr erster großer Hit „Schokolade“ zählt mittlerweile mehr als zehn Millionen Aufrufe. Doch das vielleicht Besondere an Deine Freunde ist: Nicht nur Kinder feiern diese Musik. Auch viele Eltern merken irgendwann, dass sie nicht nur Begleitpersonen sind, sondern selbst mitsingen.
Vor wenigen Tagen erschien nun das achte Studioalbum der Band: „Die Kinder spielen verrückt“. Ein Titel, der ziemlich gut beschreibt, worum es bei Deine Freunde seit jeher geht: um den ganz normalen Ausnahmezustand Familie. Um Kinder, die laut denken. Um Eltern, die nicht immer weiterwissen. Und um Songs, die beides zusammenbringen. Als wir Flo Sump im Zoom-Interview treffen, sitzt er zunächst noch nicht ganz dort, wo er eigentlich hinwill. Mit Capi auf dem Kopf begrüßt er uns freundlich und sagt: „Hi, ich nehme dich mal kurz mit runter – in einen Raum, wo wir uns in Ruhe unterhalten können.“ Ein Satz, der fast schon wie eine kleine Szene aus dem Deine-Freunde-Universum klingt. Nach kurzem Smalltalk darüber, dass er sich auf die vielen Gespräche zum neuen Album freut, geht es auch schon los.
„Krone“: Euer neues Album heißt „Die Kinder spielen verrückt“. Wann hast du bei deinen eigenen Kindern zuletzt gedacht: Okay, jetzt wird es wirklich verrückt?
Flo Sump: Täglich. Wir in der Band nennen das „die blaue Stunde“. Das kennen wir Erwachsenen ja auch: Wenn man merkt, jetzt fängt es an, richtig wild zu werden (lacht). Das ist meistens der Punkt, an dem man sich nicht mehr gut konzentrieren kann oder schon ein bisschen drüber ist. Dann öffnet sich gefühlt ein Tor zu einer etwas wahnsinnigen Welt. Oft sind es leider genau die Momente, in denen man selbst eigentlich Ruhe bräuchte. So wie wir es im Song auch sagen: „Lass uns doch hinsetzen, lass uns ein Brettspiel spielen“. Aber die Kinder machen einem einen Strich durch die Rechnung. Entweder man geht mit oder man kommt unter die Räder. Kinder haben da meistens den längeren Atem (lacht).
Nach acht Studioalben: Was reizt euch heute noch daran, Musik für Groß und Klein zu machen?
Es ist nach wie vor ein unglaubliches Glück für uns, dass wir dieser Arbeit so nachgehen dürfen. Uns gehen die Lieder nicht aus, uns gehen die Themen nicht aus. Auch wenn unser Job viele Aspekte hat, die wirklich Arbeit sind, verstehen wir als Teil von Deine Freunde, dass es zu unserem Beruf gehört, nicht aufzuhören zu spielen. Wir dürfen uns solche Lieder ausdenken, uns in die eigene Kindheit zurückkatapultieren und fragen: Was hat mich damals beschäftigt? Was hat mir Sorgen gemacht, was hat mich glücklich gemacht? Dann schauen wir, wo es Schnittmengen mit dem gibt, was Kinder heute beschäftigt. Das macht wahnsinnig Spaß und sorgt dafür, dass wir im Austausch mit jungen Menschen bleiben.
Würdet ihr sagen, dass ihr euch über die Jahre mehr verändert habt – oder euer Publikum?
Diese Frage stellen wir uns öfter. Natürlich verändert sich die Welt um uns herum manchmal in rasender Geschwindigkeit. Unser Publikum ist aber irgendwie gleich geblieben. Damit meine ich: Es begleitet uns immer ein paar Jahre, dann verabschiedet es sich in die Pubertät, wo es nicht mehr das Coolste ist, Deine Freunde zu hören – gleichzeitig kommen neue Kinder nach. Wir machen das ganze jetzt schon 15 Jahre (lacht).
Der Titelsong „Die Kinder spielen verrrückt“ ist sehr energiegeladen und hat auch Elektro-Elemente. Wie entsteht so ein Sound bei euch?
Wenn man uns von außen bei der Arbeit beobachten würde, hätte man wahrscheinlich das Gefühl, dass alles ein heilloses Chaos ist. Aber für uns ist es nach so vielen Jahren ein sehr kontrolliertes Chaos. Es ist immer unterschiedlich. Manchmal haben wir zuerst ein Thema oder nur eine bestimmte Zeile. Bei einem älteren Song war das zum Beispiel: „Mein lieber Freund, ich zähle bis drei.“ Als diese Zeile im Raum stand, hatten wir das fertige Lied eigentlich schon vor Augen. Wir wussten genau, wie wir dieses Gefühl und diese oft leere Drohung einfangen wollen.
Wie viel von eurer eigenen Kindheit steckt generell im neuen Album?
Wir tauschen uns zu dritt relativ viel über unsere Kindheit aus. Die interessantesten Themen sind für uns immer die, die uns damals beschäftigt haben und von denen wir heute sehen, dass sie immer noch aktuell sind.
Die Welt hat sich krass verändert, seit wir Kinder waren. Aber es gibt immer noch viele Dynamiken innerhalb der Familie. Jeder spielt irgendwo seine Rolle und muss seinen Platz finden – im Leben und in der eigenen Familie. Wir versuchen, die Schnittmenge zu finden: Was hat uns damals umgetrieben und was ist heute immer noch aktuell?
Auf dem neuen Album gibt es Songs wie „Zieh dich bitte warm an!“, der typische Elternsätze aufgreift. Welche Sätze hast du als Kind am meisten gehasst?
Was als Erwachsener manchmal schwierig auszuhalten ist, verstehen Kinder oft erst später. Ich war ein sehr hibbeliges Kind, an vielen Stellen sehr unruhig. Ich habe meine Eltern, speziell meine Mama, bestimmt öfter dazu gebracht, mich leicht genervt anzuschauen und zu sagen: „Schatz, ich unterhalte mich gerade.“ Darüber haben wir auch einen Song gemacht, der genau so heißt. Er fängt einen typischen Eltern-Kind-Moment ein: Man ist gerade am Telefon oder möchte sich fünf Minuten in Ruhe unterhalten, und die Kinder nehmen darauf wenig Rücksicht. Dann rufen sie so lange „Mama“ oder „Papa“, bis man reagiert (lacht). Ich glaube, es ist immer gut, vor der absoluten Genervtheit zu reagieren. Wenn man erst sagt: „Kann ich mich jetzt einmal kurz in Ruhe zu Ende unterhalten?“, ist es eigentlich schon zu spät.
Versuchst du das bei deinen eigenen Kindern umzusetzen?
Ja, ich versuche es. Es klappt mal besser und mal schlechter. Ich merke sowieso, dass die Art, wie man mit seinen Kindern umgehen möchte, sehr davon abhängt, in welcher Tagesform man selbst ist. Es gibt Tage, da klopft man sich am Ende auf die Schulter und sagt: Heute war ich ein guter Vater. Und dann gibt es andere Tage, an denen man mit einem leichten schlechten Gewissen ins Bett geht, weil man denkt: Da hatte ich vielleicht nicht genug Kraft, um es richtig zu machen.
Wie viele kreative Ausreden hattest du persönlich eigentlich? Denn der Song „Schieb es auf die Kinder“ klingt nach einer guten Alltagsausrede ...
Ich gehöre zu den Menschen, die üben müssen, es okay zu finden, einfach mal zu sagen: Ich habe keine Lust. Bereits verabredete Treffen wieder abzusagen, weil man sich nicht gut fühlt – da war ich, wie wahrscheinlich viele andere, jemand, der sich lieber etwas einfallen lassen hat, anstatt ehrlich zu sagen: Ich kann mich heute nicht treffen. Es gehört Mut dazu, zu sagen: Ich merke gerade, ich bin heute nicht in der Verfassung. Ich habe keine Lust, ich fühle mich nicht so. Das fällt uns Menschen wahnsinnig schwer, weil wir unser Gegenüber nicht vor den Kopf stoßen wollen.
Ihr seid seit vielen Jahren im Musikbusiness und euer Publikum besteht oft aus Kindern. Wie sehr hat sich Kindsein aus eurer Sicht verändert?
Früher war tatsächlich vieles anders. Ich erinnere mich an ein sehr kindliches, naives Gefühl beim Aufwachsen: Ich dachte, der normale Lauf der Welt sei, dass sie stetig besser wird. Ich war froh, im Jetzt zu leben, weil ich dachte: Geil, ich bin in eine Zeit geboren, in der alles immer besser wird. Das war natürlich ein sehr naiver Gedanke. Vielleicht läuft es im besten Fall wellenförmig, aber es geht eben auch wieder abwärts. Heute wachsen Kinder bestimmt nicht mit derselben kindlichen Zuversicht auf, die meine Generation vielleicht noch hatte. Es gab natürlich schon immer schlimme Dinge auf der Welt. Aber ich durfte ein etwas befreiteres Aufwachsen genießen. Social Media war bei uns noch überhaupt kein Thema. Heute wird viel darüber gesprochen, ob Kinder gut damit umgehen können. Eigentlich müssten wir Erwachsenen uns vorher fragen, wie gut wir selbst damit umgehen. Denn Kinder machen uns in vielen Bereichen einfach nach, was wir ihnen vorleben.
Hättest du dir als Kind eine Band wie Deine Freunde gewünscht?
Wenn es uns in meiner Kindheit schon gegeben hätte, hätte ich uns wahrscheinlich sehr gut gefunden. Was uns Kinder und ganze Familien oft rückmelden, ist, dass sie sich durch unsere Musik gesehen fühlen. Das ist natürlich ein tolles Kompliment. Wir versuchen, ein anderes Familienbild zu vermitteln als viele Werbespots aus der Zeit, als wir aufgewachsen sind. Da wurden Familien oft als durchgehend harmonisch und heil dargestellt. Wir versuchen, lebensnäher zu sein. Das rechnen uns Kinder und Eltern hoch an.
Gibt es einen Song auf dem Album, der euch emotional mehr getroffen hat als gedacht?
Ja, es gibt zwei Songs, die uns im Nachhinein emotionaler gemacht haben, als wir dachten. Der eine heißt „Du musst nicht“. Darin geht es um Erwartungsdruck, der schon sehr früh in Kinder hineinprojiziert wird. Wir wollen Kindern damit sagen: Du musst gar nicht immer so funktionieren, wie Erwachsene das von dir erwarten. Du darfst auch Nein sagen.
Und der letzte Song des Albums: „So jung“. Da blicken wir auf fast 15 Jahre Bandgeschichte zurück und auf diesen tollen Moment der Verbindung, wenn wir gemeinsam mit unserem Publikum Lieder singen. Das hat sich nach all den Jahren zu null Prozent abgenutzt. Es rührt uns jedes Mal wieder, dass wir das erleben dürfen und für so viele Kinder das erste Konzert überhaupt sein dürfen.
Wie schaffst du denn den Spagat zwischen Album, Tour, Musikerleben und Papa sein?
Das müssen wir immer wieder neu austarieren. Es ist nicht leicht, aber wir bekommen das in meiner Familie ganz gut hin. Für mich ist wichtig: Ich kann nicht der Rapper der selbsternannten coolsten Kinderband der Welt sein und zu Hause kein präsenter Vater. Mein Herz braucht es sehr, zu wissen, dass meine Kinder mich als Papa in ihrem Leben haben. Wenn dieses Gleichgewicht gefährdet wird, würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um es wiederherzustellen. Für meine Kinder ist es mittlerweile relativ normal, dass ich in Tourzeiten ein paar Tage am Stück weg bin. Das muss dann meine Frau auffangen, weil wir vor allem am Wochenende unterwegs sind. Dafür gibt es andere Zeiten, in denen ich unter der Woche sehr viel zu Hause bin. Es ist ein Tanz zwischen den Welten.
Ihr spielt am 31. Mai in Wien. Was macht eure Live-Shows besonders?
Bei Deine Freunde haben die Kinder einen eigenen Bereich vor der Bühne. Dort dürfen sie mit Armbändern hinein, auf denen die Telefonnummer der Eltern steht, falls doch einmal etwas passiert. Wir haben eigenes Personal, das nur darauf achtet, ob es allen gut geht. Besonders ist auch, dass bei uns zwar Kindermusik läuft, aber die Eltern mindestens genauso mitfeiern wie die Kinder. Obwohl sie körperlich voneinander getrennt sind, feiern alle zusammen. Wir wollen, dass man das nie wieder vergisst, wenn man bei uns war.
Gibt es einen Moment bei euren Shows, der euch immer wieder überrascht?
Es ist weniger ein bestimmter Moment, sondern eher der komplette Zustand. Uns überrascht immer wieder, wie textsicher die Kinder sind. Wenn wir ihnen während der Songs ins Gesicht schauen, ist es unglaublich, wie lippensynchron sie jedes Wort mitsingen.
Worauf freut ihr euch in Wien besonders?
Wir sind ja nicht zum ersten Mal in Wien. Lukas, unser Sänger, können wir immer nur mit Ach und Krach davon abhalten, nach Wien zu ziehen (lacht). Er sagt, das sei die schönste Stadt der Welt. Wir finden Wien auch sehr schön, wollen aber nicht, dass er dorthin zieht – das würde unsere Arbeit komplizierter machen. Wien hat uns schon aufgenommen, als wir noch klein und unbekannt waren, und empfängt uns immer noch herzlich, jetzt, wo wir größere Hallen füllen dürfen. Jede Stadt, die uns so herzlich willkommen heißt, hat natürlich einen Platz in unserem Herzen.
Letzte Frage, was ratet ihr den jungen Musikern, die gerade am Anfang stehen? Das ist gar nicht so leicht. Wenn man sich die Entwicklung der Musikbranche anschaut, fällt es schwer, da wirklich zuversichtliche Worte zu finden. Ich würde jungen Musikern raten: Bewahrt euch die Freude daran, kreativ Musik erschaffen zu dürfen.
Am 31. Mai spielen Deine Freunde in der Wiener Arena ein Open-Air-Konzert. Tickets gibts bei www.oeticket.com – also: Kinder einpacken, vorbeikommen und gemeinsam einen unvergesslichen Konzerttag erleben.
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