Jury weg, keine Feier

Kurz vor Start: Biennale rutscht ins totale Chaos

Kultur
01.05.2026 13:48
Porträt von krone.at
Von krone.at

Kurz vor dem Start der Kunstbiennale in Venedig spitzt sich die Lage dramatisch zu. Nach dem geschlossenen Rücktritt der internationalen Jury ist die traditionsreiche Ausstellung in eine Krise geraten, die es seit ihrer Gründung 1895 noch nie gegeben hat. Die große Eröffnungsfeier wurde gestrichen, die Vergabe der Goldenen Löwen verschoben – und erstmals soll nun das Publikum über die wichtigsten Preise entscheiden.

Die Biennale, die neben der documenta in Kassel zu den bedeutendsten Schauplätzen zeitgenössischer Kunst zählt, steht damit vor einem beispiellosen Umbruch. Die 61. Ausgabe, die kommende Woche zunächst für die Fachwelt öffnet, wird von politischen Konflikten überschattet. Auslöser ist vor allem die umstrittene Teilnahme Russlands trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine sowie die Entscheidung der Jury, Russland und Israel von der Preisvergabe auszuschließen.

Eröffnungsfeier abgesagt, Preise vertagt
Nach dem Rücktritt der Jury kündigte die Biennale-Leitung weitreichende Änderungen an: Die Goldenen Löwen werden nicht wie üblich zu Beginn verliehen, sondern erst am letzten Ausstellungstag im November. Zudem soll es statt klassischer Juryentscheidungen nur zwei „Leoni dei Visitatori“ geben – Preise, die durch eine Publikumsabstimmung vergeben werden. Dabei stehen auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl. Die ursprünglich geplante Eröffnungsfeier fällt komplett aus.

„Biennale im Chaos“
Der Rücktritt der Jury unter Vorsitz der brasilianischen Kunsthistorikerin Oliveira Farks sorgt international für Schlagzeilen. Die fünf Mitglieder veröffentlichten ihre Entscheidung gemeinsam, ohne eine detaillierte Begründung zu liefern. Laut Medienberichten soll der Rücktritt nicht ganz freiwillig erfolgt sein – offiziell bestätigt wurde das jedoch nicht. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ sprach von einer „Biennale im Chaos“.

Politischer Druck und internationale Kritik
Der Konflikt steht offensichtlich im Zusammenhang mit der Beteiligung Russlands und Israels. Während Russland nach vier Jahren Pause wieder vertreten ist – mit Künstlern, die Verbindungen zur Regierung nachgesagt werden -, sorgte auch Israels Teilnahme für Kontroversen. Die Jury hatte beide Länder vergangene Woche von der Preisvergabe ausgeschlossen, was den Streit weiter anheizte.

Die italienische Regierung reagierte mit der Entsendung von Inspektoren nach Venedig. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erklärte dazu, sie habe „den Überblick etwas verloren“, ob der Jury-Rücktritt damit zusammenhänge. Sowohl sie als auch Kulturminister Alessandro Giuli wollen der Eröffnung fernbleiben.

Auch auf europäischer Ebene wächst der Druck: Die EU droht mit der Streichung von Fördermitteln in Millionenhöhe wegen der russischen Beteiligung.

Reaktionen aus Israel und Russland
Israel begrüßte den Rücktritt der Jury. Außenminister Gideon Saar erklärte, dies sende die Botschaft, dass in der Kulturwelt kein Platz für Politik oder Boykotte sei.

Russland wiederum wertet seine Rückkehr zur Biennale als Ende der kulturellen Isolation im Westen. Während 2022 russische Künstler aus Protest gegen den Krieg ihre Teilnahme verweigerten und 2024 der Pavillon an Bolivien überlassen wurde, tritt Russland nun wieder offensiv auf.

Kunst im Schatten des Krieges
Kritiker sehen darin Teil einer gezielten kulturellen Strategie Moskaus. Der Direktor der Eremitage in St. Petersburg hatte internationale Ausstellungen einmal als „eine Art der Spezialoperation“ bezeichnet – ein Begriff, den Russland auch für den Krieg gegen die Ukraine verwendet.

Vor Ort dürfte sich der Konflikt weiter zuspitzen: Für die kommenden Tage sind Demonstrationen angekündigt – am Freitag gegen Israel, am Samstag gegen Russland.

Der Österreich-Pavillon
Der Österreich-Pavillon(Bild: Georg Petermichl)

Überschattet von Todesfällen
Zusätzlich wird die Biennale von zwei Todesfällen überschattet: Die Kuratorin Koyo Kouoh starb im vergangenen Jahr im Alter von 57 Jahren an Krebs. Im Februar verstarb auch die deutsche Künstlerin Henrike Naumann mit nur 41 Jahren. Der deutsche Pavillon wurde dennoch nach ihren Ideen umgesetzt, gemeinsam mit der Künstlerin Sung Tieu.

Der österreichische Pavillon wird heuer von der Performerin Florentina Holzinger gestaltet.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung