Nach einer nicht bestandenen Nachprüfung und dem Schulabbruch fällt Sude in ein tiefes Loch. Viele Monate kapselt sie sich von der Umwelt ab und verharrt in Passivität. Heute steht sie im Berufsleben und hat klare Ziele. Eine Geschichte über Druck, Zweifel – und eine zweite Chance.
Sude steht vor der Tür ihrer Mittelschule. In der Hand das Ergebnis der Nachprüfung. „Mein Lehrer hat gesagt: Du bist nicht mehr in dieser Schule“, erinnert sie sich. Dann stand sie da, ohne Plan und ohne Perspektive. „Ich hab nur gedacht: Scheiße, was mache ich jetzt?“ Mathematik war schon lange ihr Problemfach. „Ich habe einfach mehr Zeit gebraucht“, sagt sie. Doch statt Unterstützung erlebt sie Druck. Vor der Klasse wird sie zurechtgewiesen und verspottet. „Mein Lehrer hat mich immer wieder bloßgestellt und gesagt: Was kannst du eigentlich?“ Mit der Zeit beginnt auch die Klasse zu spotten. Nach der negativen Nachprüfung muss Sude die Schule verlassen, weil sie schon mal wiederholt hatte – sie ist 15 Jahre und steht nun ohne Pflichtschulabschluss da. Frustriert zieht sie sich zurück.
Frustriert zieht sie sich zurück. „Ich bin monatelang kaum aus meinem Zimmer gegangen – nur zum Essen“. Sie verliert ihren Tagesrhythmus. „Ich bin aufgewacht und war nur am Handy und den ganzen Tag im Bett.“ Kontakte brechen ab. „Ich habe dadurch auch Freunde verloren.“
Klarer Plan für den Weg zurück
Sudes Mutter telefonierte viel in dieser Zeit. Irgendwann kam sie über das AMS in Kontakt mit „Integra“ – dort wird Jugendlichen das Nachholen des Pflichtschulabschlusses ermöglicht. Sude dachte sich: „Ist mir egal, wie schwer es ist. Hauptsache, ich bekomme einen Abschluss. Hauptsache, ich kriege den Sinn am Leben zurück.“
Am ersten Tag in der Einrichtung war sie schüchtern und zurückhaltend. „Die vielen unbekannten Gesichter haben mich nervös gemacht.“ Sude bestand jedoch die Aufnahmeprüfung und durfte zur Klasse stoßen. Nach wenigen Wochen hatte sie bereits neue Freunde gefunden – „sehr gute Freunde“ erzählt sie lächelnd. Plötzlich verbrachte sie viel Zeit mit Büffeln. Ihre Mutter war verblüfft: In der Mittelschule hatte Sude nie gelernt. „Seitdem du bei Integra bist, lernst du fast nur noch“, stellte die Mutter fest. Sude lacht, wenn sie an diese Worte denkt. Sie durfte erfahren: „Wenn du die Themen verstehst, macht Lernen eigentlich Spaß.“
Lernen mit Freude
Was bei „Integra“ anders war, lässt sich vor allem auch an den Lehrern festmachen. „Unsere Klassenlehrerin hat uns das Gefühl gegeben, als wären wir ihr so wichtig wie ihre eigenen Kinder“, erinnert sich Sude. Auch der Mathelehrer war anders als der davor. Er half mit den richtigen Übungen und bestärkte sie: „Ich glaube an dich, du schaffst das.“ Wenn nicht, bot er Einzelcoachings an. Am Ende stand eine 3 im Zeugnis. Sude war stolz. Ihre Lehrer auch. „Viele, die ich kannte, haben abgebrochen, weil sie keine Lust mehr hatten“, schüttelt Sude den Kopf. Für sie gab es kein Abbrechen. „Zum einen hat es mir Spaß gemacht, zum anderen wollte ich nicht noch einmal monatelang zu Hause sitzen. Nicht zuletzt waren auch die Lehrer nett und engagiert.“
Neustart im Berufsleben
Parallel zur schulischen Ausbildung wurde bei „Integra“ mit ihr an ihren beruflichen Zielen gearbeitet, Interessen besprochen, Möglichkeiten ausgelotet. „Ich wollte immer mit Menschen arbeiten“, sagt Sude. Der Zufall kam ihr zu Hilfe: Ihre Mutter entdeckte bei ihrem Zahnarzt-Besuch den Aushang: „Lehrling gesucht“. Sie erwähnte ihre Tochter, der Zahnarzt lud Sude zum Schnuppern ein.
Nach drei Tagen stand fest: Sude will Zahnarztassistentin werden. Ihr Chef meinte, sie könne gleich am Montag anfangen. Schon am ersten Tag durfte sie assistieren. „Das war voll verrückt.“ Heute ist die bald 17-Jährige im zweiten Monat ihrer Lehre: „Ich gehe jeden Tag voll gern hin.“
„Niemals aufgeben“
Was danach kommt, weiß sie noch nicht genau. Vielleicht bleibt sie Zahnarztassistentin. Vielleicht wird sie Flugbegleiterin, denn sie hat eine Vorliebe für Reisen und interessiert sich für andere Kulturen. Mit ihrem Bruder hat sie als Kind einst ausgemacht, dass sie gemeinsam als Pilot und Flugbegleiterin die Welt bereisen.
Wenn Sude heute zurückblickt, spricht sie ruhig und reflektiert. Die Krise habe zwar Spuren hinterlassen, sie aber auch gestärkt. „Ich habe gelernt, dass man an sich glauben muss.“ Auf die Frage, was sie anderen Jugendlichen in ähnlicher Lage mitgeben möchte, denkt sie nur kurz nach. „Niemals aufgeben. Disziplin haben. An sich selbst glauben. Es gibt immer eine Lösung.“
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