Familiäres Album

Marteria: Vergebliche Suche nach einer heilen Welt

Musik
22.04.2026 05:00
Porträt von Wien Krone
Von Wien Krone

Aktuell Krisen, Kriege und Desinformation lassen mitunter an einer glücklichen Zukunft zweifeln. Rapper Marteria hat das nicht davon abgehalten, sein neues Album „Zum Glück in die Zukunft III“ zu nennen, als dritten Teil einer Reihe gleichnamiger Alben, die vor 16 Jahren ihren Anfang nahm. „Es geht wieder um sehr viel eigentlich, um das große Ganze, wie man sich durch das Leben kämpft und am Ende irgendwie das Glück finden will“, so der 43-Jährige.

kmm

„Ich glaube, es ist gerade hart für viele Leute, ihr Glück zu finden oder einfach Dinge klar einzuordnen. Das ist sehr, sehr schwierig geworden“, sagte Marteria im dpa-Interview. So sucht man auch auf dem Album vergeblich nach einer heilen Welt. In „Babylonia“ rappt Marten Laciny, wie Marteria mit bürgerlichem Namen heißt: „Kilometerhohes Jenga. Wer zieht den letzten Stein?“ und weiter: „Diese Welt schreit Mayday.“ Ein dunkler Jengaturm mit fehlenden Steinen bewirbt als Bild auch das neue Album.

Rückzug in die Bubble
Aber bei aller Dystopie geht es Laciny nach eigener Aussage stets auch darum, am Ende etwas Positives herauszukitzeln. „Man merkt, es wird immer schwieriger“, sagt er. In „Babylonia“ springt Marteria dazu „von Bubble zu Bubble“ und fragt: „kann ich kurz für immer bleiben?“. Gemeint sei der Rückzug zu Menschen, bei denen man sich sicher und weniger Weltschmerz fühlt.

Nachdem Marterias letztes Album („5. Dimension“, 2021) eine Ode ans Feierngehen war, sei das jetzige Album zunächst auch nicht als Fortsetzung der „Zum Glück in die Zukunft“-Reihe gedacht gewesen. Die beiden vorhergehenden Teile (2010 und 2014) seien stets auch Rückblicke auf die Jahre davor gewesen und hätten diese verarbeitet. „Ich habe gemerkt bei der Produktion der Platte, dass es wieder so in diese Richtung geht.“

Sehr persönliche Platte
So geht es auf dem Album teils sehr persönlich zu, etwa mit dem Song „Platz für uns beide“. Neben Laciny ist hier sein Sohn Louis, Künstlername Luzey, zu hören. Zu Soul-Samples kritisiert er seinen „Good-Time-Daddy“, der häufig abwesend war, während die Mutter den Alltag regelte. „Danke Papa, ich hab“ Luft nach oben, wenn ich Kinder hab‘.“ Wie er selbst in dem Alter verfolge nun sein Sohn den Traum vom Musikmachen, sagt Laciny. So rappt Luzey auch Versöhnliches: „Doch ich versteh‘ Dich. Ja ich versteh‘ Dich langsam.“

Auf dem ersten Teil der Trilogie war der Song „Louis“ dem da noch kleinen Sohn gewidmet. „Das war damals auch, das weiß ich noch beim Schreiben, mit das Schwierigste, was ich je geschrieben habe, oder das Emotionalste.“ Auf dem dritten Teil rappt der inzwischen 18-jährige Louis nun selbst. Das sei „die krasseste Klammer“, sagt Laciny.

Familienbande
Luzey feierte 2023 seine Premiere vor großem Publikum als ihn sein Vater bei zwei Konzerten im Rostocker Ostseestadion vor Zehntausenden Zuschauern auf die Bühne holte und mit ihm einen Song rappte. Später nahm er seinen Sohn als Support-Künstler mit auf die Abschiedstour seines Alter Egos, Marsimoto. Als Vater wisse er selbst noch nicht genau, wie er mit der Situation umgehen soll. „Ich will ja nicht, dass er der Sohn von irgendwem ist. Er soll seinen eigenen Weg gehen.“

Sehr privat wird es auch beim Track „Sad Holiday“. Begleitend zum Song veröffentlichte Marteria persönliche Audionachrichten, die nach Spannungen in einer Partnerschaft klingen. „Ich glaube, das hätte ich jetzt mit 23 oder so nicht gemacht“, sagt Laciny. Mittlerweile sei er aber an einem Punkt, an dem er mache, worauf er Bock habe. „Ich glaube, man muss einfach real sein.“ Im Song selbst geht es um Trennung im Urlaub, beziehungsweise den Versuch, eine Beziehung im Urlaub zu retten. „Ich habe das selbst erlebt, und viele Freunde von mir haben es erlebt.“

Privates bleibt privat
Im Video zu dem Song erscheint Tasha Kimberly, die mit ihren Videos auf Social Media viele Menschen erreicht, an der Seite Marterias. Nach einem Post auf Instagram, auf dem sie einen Ring in die Kamera zeigt und den Marteria mit „Herzensmensch“ und einem Herzen kommentiert hat, wurde über eine Verlobung mit ihm spekuliert. „Kein Kommentar“, sagt er dazu. „Wenn es da was zu vermelden gibt oder so, wie es da weitergeht, dann kriegt man das schon mit.“

Neben Persönlichem gibt es auch Politik auf der Platte. Der Track „Captain Europa“ beschreibt Europa als einen Superhelden, der seinen Zenit überschritten hat. „Schon leicht mit Bierbauch und grauen Haaren“, wie Laciny sagt. „Der merkt halt so langsam, dass so ein paar Leute ihn überholen.“ Er denke da beispielsweise an China. „Aber es ist so ein bisschen auch der Gedanke, dass jeder auch mal so seine Zeit hat. Und das ist ja ein Gedanke, der irgendwie okay ist.“

Opernsängerinnen und Jazzmusiker mit dabei
Die elf Titel laden teils mindestens zum Kopfnicken ein, sind aber insgesamt weniger Club-orientiert als Marterias vorhergehendes Album „5. Dimension“. Die Geschichten stehen stärker im Vordergrund. Die Tracks setzen sich eher mit der Zeit im Ohr fest. Produziert wurden sie wieder von The Krauts, die etwa durch ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit Peter Fox bekannt sind.

„Wir sind jetzt auch nicht die, die da jetzt draußen sitzen und die ganze Zeit so nach dem nächsten großen Hit irgendwie suchen“, sagt Laciny. Es gehe darum, „Musik vor allem künstlerisch zu denken“. Der entstandene Klang ist vielseitig. „Wir hatten alles da, auch Opernsängerinnen, diverse Jazzmusiker, Streicher.“

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