Ulli Lust, geboren in Niederösterreich, zählt zu den besten Comiczeichnerinnen und -zeichnern Österreichs. In ihrem jüngsten Band „Die Frau als Mensch“ widmet sie sich Heilerinnen. Sie legt ein Sachbuch mit Sprechblasen vor und erzählt ein Stück Menschheitsgeschichte neu – radikal, witzig und faktenbasiert.
Die österreichische Comic-Künstlerin Ulli Lust, die heute in Berlin lebt, legt in ihren Büchern „Die Frau als Mensch“ die blinden Flecken der Geschichte offen. Klug, präzise und mit radikalem Witz zeichnet sie nach, wie Frauen aus dem Bild des Menschseins verdrängt wurden – und rückt sie endlich ins Zentrum ihrer wunderbar gezeichneten und getexteten Erzählungen.
Der jüngste Band ist Schamaninnen gewidmet. Ihr gelingt dabei keine trockene Wissensansammlung oder esoterische Kitschromanze, vielmehr verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus Archäologie, Anthropologie und Ethnologie mit erzählerischen Passagen, persönlichen Reflexionen und klaren, oft überraschenden Thesen.
In ihren enorm gekonnten Zeichnungen und in knappen, aber guten Dialogen entwirft Ulli Lust das Bild früher Gesellschaften, in denen Kooperation wichtiger war als Hierarchie, Fürsorge wichtiger als Heldentum und Geschlecht weniger trennend, als es die Geschichtsschreibung oft nahelegt. Im „Krone“-Talk grenzt sie sich zudem klar von Esoterik und sogenannten „Wochenend-Schamanen“ ab.
„Krone“: Heutzutage gibt es ja viel Missbrauch und Betrug mit dem Etikett „Schamane“. Welche Schamaninnen meinen Sie denn – da ist doch ein Unterschied, oder?
Ulli Lust: Gemeint sind Frauen, die Heilkunst ausübten und nicht nur Pflanzenheilkunde nutzten. In der Forschung gibt es außerdem handfeste Kriterien, um Schamanismus zu identifizieren. Die zitiere ich im Buch.
Schamanen in indigenen Gesellschaften dienten ja vor allem der Gemeinschaft und nicht dem eigenen Geldbörsel. Wie wichtig waren weibliche Schamaninnen für frühe Gemeinschaften, für das Zusammenleben?
Die Frage zielt auch auf unsere Besessenheit von Führungsfiguren ab. Man kann davon ausgehen, dass es immer wichtige einzelne Personen in Gemeinschaften gab. Aber es gibt keine Anzeichen für Hierarchien in eiszeitlichen Gesellschaften. Traditionelle Jägerinnen und Sammlerinnen leben auch später in der Regel egalitär organisiert.
Wer kam an die Spitze, was glauben Sie?
Männer und Frauen können Respekt verdienen, wenn sie besondere Fähigkeiten oder eine besondere Expertise haben. Führungspositionen werden je nach Notwendigkeit immer wieder neu verhandelt. Möglicherweise wurden alle Frauen als mit „der Macht“ begabt angesehen – manche weniger, manche mehr. Und es war sicher beruhigend, Menschen mit besonderen Heilkräften in der Gemeinschaft zu wissen, die als Vermittler zur Geisterwelt auftreten konnten.
Es gibt jetzt schon die Bände „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“ und „Die Frau als Mensch. Schamaninnen“, beide sind im Reprodukt-Verlag erschienen. Wie lange zeichnen Sie an so einem Buch?
Teil eins und zwei haben gemeinsam sieben Jahre benötigt.
Verraten Sie uns noch Ihre nächsten Pläne?
Die nächsten fünf Jahre zeichne ich an Teil drei, der nach dem Ende der Eiszeit spielen wird.