Obwohl die Saison noch nicht zu Ende ist, liegt die Zahl der Lawinentoten in diesem Jahr schon weit über dem langjährigen Schnitt. Österreichweit verloren bereits 33 Alpinisten ihr Leben. Die Lage bleibt heimtückisch.
Knapp 20 Lawinentote gab es laut Statistik des Kuratoriums für Alpine Sicherheit pro Winter in den vergangenen 20 Jahren in Österreich. Diese Marke wurde 2025/2026 mit 33 freilich schon längst übertroffen. Nur in den Wintern 2009/2010 mit 39 Toten und 2014/2015 (34 Tote) waren es noch mehr Opfer.
Das vorherrschende Altschneeproblem war in weiten Teilen der Ostalpen verbreitet. Die Gefahr ist nicht vorbei.

Matthias Walcher, Lawinenwarndienst Tirol
Bild: Lawinenwarndienst Tirol
Für diese fürchterliche (Zwischen-)Bilanz – die Skitourensaison geht wohl bis Anfang Mai – gibt es eine sehr schlüssige Erklärung. „Wir haben seit Winterbeginn ein massives Altschneeproblem“, sagt Experte Matthias Walcher vom Lawinenwarndienst Tirol.
Das war auch am Mittwoch ursächlich für den Lawinenunfall im Tiroler Kühtai (Bezirk Imst), bei dem ein deutscher Variantenfahrer (49) ums Leben kam. Er war der 18. Lawinentote in Tirol 2025/2026 – 20 wären Negativrekord.
Dieses Erlebnis kann er nicht vergessen, selbst wenn es bereits 30 Jahre zurückliegt. Kein Wunder: Eine Skitour zum Rostizkogel (3394 m) im Pitztal (Bezirk Imst) wäre dem erfahrenen Alpinisten Ossi Klieber aus Telfs (Innsbruck-Land) am 5. Jänner 1996 fast zum tödlichen Verhängnis geworden. Die Erinnerung daran ist wach wie eh und je.
„Nachdem ein anderer Tourengeher die steile Gipfelflanke befahren hatte, wollte ich es ihm gleichtun“, erzählt Klieber im Gespräch mit der „Krone“. Die ersten Schwünge zeigten, dass der Schnee steinhart war.
„Vor einer Felsrippe mit einem Durchlass blieb ich stehen. Da hörte ich auf einmal oberhalb von mir einen lauten Knall“, erzählt er. Klieber sah, wie große Eis- bzw. Schneeschollen auf ihn zurasten. „Der ganze Hang war geplatzt.“
Die Lawine spülte ihn über die Felsrippe in einen Hang aus Pulverschnee unterhalb. „Es überschlug mich mehrmals, ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist“, schildert er. Der Telfer „ruderte“ mit den Armen, um auf der Oberfläche zu bleiben – vergeblich.
„Plötzlich stand die Lawine. Ich versuchte verzweifelt, Luft zu bekommen, war jedoch chancenlos. Ich lag da wie einbetoniert, konnte nicht einmal einen Finger bewegen, hatte am ganzen Körper Schmerzen.“
Nach einiger Zeit wurde es ruhig. „Die Schmerzen fielen ab, es war, als schwebte ich und sah einen Tunnel, der heller wurde.“
Die Nahtoderfahrung endete jäh. Klieber erlangte wieder das Bewusstsein und verspürte erneut enorme Schmerzen. Seinen Kameraden war es gelungen, ihn mit dem LVS-Gerät rechtzeitig zu orten und auszugraben.
Der Notarzthubschrauber flog den Alpinisten ins Krankenhaus, erst dort kam er endgültig wieder zu sich. Der Telfer hatte riesiges Glück: Nach einer Nacht im Spital durfte er schon nach Hause. Nur einen Finger hatte er sich leicht verletzt.
Außergewöhnlich: Heute noch, mit 85 Jahren, ist er aktiver Bergsteiger.
„Wir hatten im Frühwinter wenig Schnee, dann folgte eine Schönwetterphase mit großer Kälte, sodass sich die Schneedecke aufbauend umwandelte“, erklärt Experte Walcher. Das heißt: An der Oberfläche der Schneedecke bildeten sich große Kristalle. Diese lose Schicht lässt sich mit einem Kartenhaus vergleichen. Als darauf im Jänner und in der zweiten Februarhälfte Neuschnee abgelagert wurde, folgte eine gefährliche Situation mit vielen Unfällen.
„Die derzeit hohen Temperaturen lassen die Schneedecke durchfeuchten, die Schwachschicht wird wieder aktiviert“, warnt Matthias Walcher.
Ein Drittel der Opfer war ohne „Pieps“ unterwegs
Expertin Susanna Mitterer vom Kuratorium für Alpine Sicherheit zeigt sich über einen speziellen Aspekt bei den Unfällen schockiert. „Elf Lawinentote – ein Drittel aller 33 Opfer – trugen kein LVS-Gerät“, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Kein Wunder: Dieses landläufig als „Pieps“ bekannte Gerät gehört zur absoluten Standardsicherheitsausrüstung im Gelände. Der „Pieps“ allein würde aber nicht reichen. „Man braucht Kameraden, die den Umgang damit beherrschen.“
Bei den Tourengehern fruchten die angebotenen Lawinenkurse. Die meisten machen eine ordentliche Tourenvorbereitung.

Gregor Franke, Tiroler Berg- und Flugretter
Bild: Bergrettung Tirol
DSrei Viertel der Lawinentoten Alpinskifahrer oder Snowboarder
Drei Viertel der Lawinentoten entfallen auf Alpinskifahrer oder Snowboarder .„Variantenfahrer lassen sich leichter dazu verleiten, in einen vermeintlich sicheren Hang direkt neben einer Piste einzufahren“, meint der Tiroler Berg- und Flugretter Gregor Franke. Im Gegensatz zu Tourengehern würden sie in der Regel keine Planung machen, wenn sie sich abseits des gesicherten Skiraums bewegen.
Unwahrscheinlich, dass es bei den bisher 33 Toten und 62 Verletzten bleibt. „Wir müssen weiter mit großen und sehr großen Lawinen rechnen“, betont Matthias Walcher.
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