Selfies, Smileys, Dauerlächeln: In sozialen Medien ist das Gesicht allgegenwärtig. Doch was zeigen diese Bilder eigentlich noch? Und was geht dabei verloren? In der AK-Reihe „Wissen fürs Leben“ lieferte die Philosophin Cornelia Klinger eine überraschende Analyse dieser Frage.
„Ich muss ihnen gleich zu Beginn etwas gestehen“, begann die Philosophin Cornelia Klinger ihren Vortrag in der AK in Feldkirch. „Ich habe noch nie einen Vortrag zu diesem Thema gehalten.“ Die Professorin (apl.) der Universität Tübingen, die sich seit Jahrzehnten mit politischer Philosophie, Gesellschaftstheorie, Kulturphilosophie und feministischer Theorie beschäftigt, erzählte, wie es dazu kam: Als der Veranstalte im Vorfeld des Vortrags wie üblich um ein Foto bat, lehnte Klinger ab. „Die erkennungsdienstlichen Maßnahmen unserer Digitalkultur gehen mir so auf die Nerven, dass ich mich entschlossen habe, Fotos nicht mehr zu liefern.“ Ihr Argument: „Ich bin kein Fahrzeugreifen und habe also kein Profil.“ Und weiter: „Einen Zusammenhang zwischen meinem Passbild und Auskünften zu meinen Themen und Tätigkeiten kann ich nicht entdecken.“ Und so wurde aus dieser Verweigerungshaltung heraus das Thema des Abends geboren.
Das Gesicht, das niemand wirklich kennt
Klingers zentrale These klingt einfach, hat aber weitreichende Konsequenzen: „Niemand, kein Mensch sieht jemals sein eigenes Gesicht.“ Wir sind auf Spiegel angewiesen, auf andere Menschen, auf Apparate – und all diese Vermittler verfälschen das Bild. Und ihr eigenes Uni-Foto, das schließlich doch für die Veranstaltungswerbung verwendet worden ist? „Es ist im räumlichen Sinne Fake, außerdem viele Jahre alt – Fake also auch in zeitlicher Hinsicht.“ Ihr Fazit: „Ich wage zu behaupten, auf dem wirklichen Foto sehe ich mir kaum ähnlicher als auf einer Karikatur.“
Was nach einem Scherz klingt, ist in Wahrheit ein kulturkritischer Befund. Bilder lügen – das war schon immer so. Aber die Geschwindigkeit, mit der sie sich heute verbreiten und vervielfältigen, hat eine neue Qualität erreicht. Klinger führt ihr Publikum durch die Geschichte des Gesichts als Bild: Vom Porträt über Marie-Antoinette-Miniaturen, bis hin zu modernen Werbeplakaten. Das Muster ist stets dasselbe: „Das Gesicht ist Werbeträger. Und das nicht erst seit heute und nicht erst im digitalen Zeitalter.“
Das Gesicht ist Werbeträger. Und das nicht erst seit heute und nicht erst im digitalen Zeitalter.
Cornelia Klinger
Besonders aufschlussreich ist ihr Blick auf das Lächeln. Der französische Arzt Duchenne de Boulogne reizte im 19. Jahrhundert Gesichtsmuskeln mit elektrischem Strom, um das „echte“ Lächeln zu definieren – jenes, das auch die Augen einbezieht. Heute weiß man: Das sogenannte Duchenne-Lächeln unterscheidet sich vom aufgesetzten „Pan Am-Lächeln“ – benannt nach der Fluggesellschaft, deren Stewardessen jahrzehntelang als Inbegriff des dienstleistenden Dauerlächelns galten. Solche Gesichter, so Klinger, seien „meistens weiblich“. Der brisanteste Teil des Abends gilt der Gegenwart. Klinger zeigt ihrem Publikum eine Bildergalerie freundlich lächelnder Menschen – und enthüllt: „Das ist alles KI-generiert. Es gibt kein echtes Gesicht in dieser schönen Galerie.“
Zwei amerikanische Wissenschaftler hätten dazu die entscheidende Frage formuliert: „What happens when seeing is no longer believing?“ – Was passiert, wenn das Sehen nicht mehr mit Glauben gleichzusetzen ist? Dass diese Frage inzwischen sogar Atomwissenschaftler beschäftigt, zeigt ihre Bedeutung. Im „Bulletin of Atomic Scientists“ wurde laut Klinger untersucht, was es bedeutet, wenn KI unsere Fähigkeit untergräbt, sich auf ein Gesichtsbild zu verlassen. Der Wirbelsturm, so Klinger, „ist in die Gesichtserkennung hineingefahren unter dem großen Digital, unter den Algorithmen, Big Data und eben Generativer Künstlicher Intelligenz.“ Mit diesem Problem müssen wir uns nicht nur in der Werbung oder in sozialen Medien auseinandersetzen. Besonders relevant wird es bei politischer Propaganda, bei Identitätsnachweisen und Überwachung. Klinger liefert keine technischen Lösungen. Aber sie plädiert für etwas, das in Zeiten von Selfie-Kultur und biometrischen Pässen geradezu rebellisch klingt: das Recht auf Undurchsichtigkeit.
Neugier und Gelassenheit im alltäglichen Umgang
Den Philosophen und Psychoanalytiker Donald Winnicott zitierend, erinnert sie daran, dass „im Zentrum jeder Person ein Incommunicado“ stecke – etwas Unübermittelbares, das „höchst bewahrenswert“ sei. Ihr Rat, indirekt, aber klar: Skeptisch bleiben gegenüber Bildern, auch und gerade den eigenen gegenüber. Das Foto auf dem Profil, das Lächeln in der Werbung, das Gesicht auf dem Bildschirm – all das ist Inszenierung, Artefakt, Oberfläche. „Die Bilder lügen“, sagt Klinger – das sei das Wesen aller Abbildungen. Und vielleicht, so legt sie nahe, liegt gerade darin eine Chance: Wer sich bewusst ist, dass kein Bild die Wahrheit zeigt, kann Bildern mit mehr Gelassenheit begegnen – und dem Menschen dahinter mit mehr Neugier.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.