Ein Literatur-Wettstreit zum Thema Liebe in den Wiener Häusern zum Leben überraschte mit starkem Echo – und noch stärkeren Worten.
Wenn Hänschen – so muss man das alte Sprichwort wohl abwandeln – etwas lernen will, sollte es Hans zuhören. Das gilt auch für die Liebe, wie sich nach einem Schreibwettbewerb zu diesem Thema in Wiens Häusern zum Leben zeigt. Schon einmal hatte es dort einen Schreibwettbewerb mit „Geschichten aus Wien“ gegeben, nun gab es mit „Texte zur Liebe“ eine Neuauflage, die alle Beteiligten überraschte. Das begann schon beim unerwarteten Andrang.
Gedichte, Einbrecher, ein Hundeherz und noch mehr
Dass Seniorinnen – vor allem Damen beteiligten sich am Wettbewerb – so viel zum Thema Liebe zu sagen haben, überraschte auch die Organisatoren. Die Einreichfrist wurde auf Wunsch vieler verlängert, die dafür erstmals in ihrem Leben etwas zu Papier bringen wollten. Es hat sich ausgezahlt.
Nicht umsonst gab es am Ende von der Jury zwei erste Preise und noch drei weitere Auszeichnungen. Die Autorin und Jury-Vorsitzende Ilse Kilic staunte über die „vielfältige und zugleich jeweils einzigartige Umgangsweise mit dem Thema Liebe“, die sie manchmal lächeln habe lassen, manchmal aber auch nachdenklich oder traurig gemacht habe.
Hand in Hand
so viele Jahre
gemeinsam gelebt
gemeinsam gelacht
gemeinsam gelitten
gemeinsam gewartet
gemeinsam gehofft
Hand in Hand
so viele Wege
in Schatten und Sonne
über Gras und Asphalt
in Hitze und Schnee
bei Tag und bei Nacht
beschwingt und mit Lasten
und nun ist
die Ernte eingefahren
nur noch
beieinander sitzen
einander anlächeln
einander zuhören und
sich gedulden
Bandbreite an Einreichungen
Die Texte reichten von Lyrik – wie das Siegergedicht „Philemon und Baucis“ oben – über Dialoge und Gedankenströme bis zu Kurzgeschichten. Karin Leroch etwa lässt in „Der Eindringling“ einen Einbrecher in einem traumartig-absurden Szenario zum Fürsprecher einer liebevollen Versöhnung mit der Vergangenheit des eigenen Elternhauses und dessen zwiespältiger Vorbildwirkung werden, und Stefanie Dell berührt in „Ein Hundeherz spricht“ mit der Geschichte eines Abschieds, der zugleich ganz allgemein für die Bedingungslosigkeit von wahrer Liebe steht.
Die Siegertexte wurden nicht nur bei der großen Abschlussfeier zum Wettbewerb im Haus Wieden – unter anderem von TV-Star Susi Stach – vorgetragen, sondern werden auch in einer Sonderausgabe der Pensionistenklub-Zeitung „Trara“ veröffentlicht, die ab Mitte April auch online – unter dieklubs.at – nachzulesen sein wird.
Wissen, das ein Leben lang wachsen konnte
So unterschiedlich in Form und Sprache die eingereichten Texte auch waren, eines eint sie alle: ein tiefes, jüngeren Menschen gar nicht zugängliches Wissen um das Wesen der Liebe, weil es in jedem einzelnen Fall schon ein ganzes Leben lang mit vielen Aufs und Abs wachsen konnte.
Die schon 92-jährige Siegerin Traude Veran kommt nach einem Lebensweg, der locker drei Biografien füllen könnte, etwa zum Schluss; „Es sind nicht die außergewöhnlichen Momente, die eine Beziehung tragen.“ Vielmehr gehe es um da Sein, Zuhören, geduldiges Nebeneinandersitzen: „Diese Form der Liebe wird oft übersehen, dabei ist sie vielleicht die stärkste von allen.“
Ein Leben lang lernen
Man dürfe Liebe nicht mit Verliebtheit verwechseln, meint auch Anneliese Urban. Gefühle kämen ohnehin von selbst, Liebe müsse hingegen gelernt werden und sei „eine Reise, die das ganze Leben lang andauert.“ Wenn man das verstanden habe, dann werde die Liebe zur „treuen Seele“, die „immer in irgendeiner Art und Weise zu dir zurückkommt, um dich glücklich zu machen.“
Nicht nur Texte des „Häuser zum Leben“-Wettbewerbs (siehe rechts) wurden diese Woche am österreichweiten Vorlesetag in Seniorenheimen vorgetragen – auch in Büchereien, Buchhandlungen, Schulen und anderen Orten wurde Wiens Rang als Stadt des Lesens untermauert. Denn trotz aller Unkenrufe, dass „alle nur am Handy kleben“, wird in der Stadt so viel gelesen wie nie zuvor.
Lesen boomt wie nie
Laut der Wiener Wirtschaftskammer lesen Wienerinnen im Schnitt täglich 30 Minuten und Wiener zumindest 24 Minuten. Mit rund 400 Buchhandlungen ist Wien, gemessen an der Größe, auch eine der Städte mit der weltweit besten Bücherversorgung: 117 Euro für Gedrucktes, 75 Euro für E-Books und 17 Euro für Hörbücher geben Wiener dort im Jahr im Schnitt aus – und wollen ihre Leidenschaft weitertragen: Ebenfalls am Vorlesetag zogen die Volkshilfe und die Buchkette Thalia Bilanz über ihre Lesezeichen-Spendenaktion: 8300 Euro kamen dabei für Bücher für armutsbetroffene Kinder zusammen.
Gerade für alle bis 18 Jahre gibt es aber über die Gratis-Büchereikarte auch so endlos viel Lesestoff. Auch dieses Angebot wird wahrgenommen: Mit 6,7 Millionen Ausleihen haben die Wiener Büchereien letztes Jahr einen neuen Allzeitrekord erreicht.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.