Der autobiographische Roman „Radio Sarajevo“ des Bachmann-Preisträgers Tijan Sila wird zum Theaterstück. Sara Ostertag inszeniert es in den Linzer Kammerspielen. Das Thema – Leben und Überleben in einer belagerten Stadt – ist leider topaktuell. Die „Krone“ bat den Autor zum Interview.
Ein Radio, zerstörte Normalität und die Frage, wie man zwischen Scharfschützen und Sirenen erwachsen wird: Heute, Freitag, hat „Radio Sarajevo“ Premiere in den Linzer Kammerspielen.
Wie berichtet, inszeniert Sara Ostertag das Stück nach dem Roman von Tijan Sila (45), der darin von seiner Kindheit und Jugend in der belagerten Stadt während des Bosnienkriegs (1992 bis 1995) berichtet. Heute lebt der Bachmann-Preisträger in Deutschland. Die „Krone“ bat ihn zum Interview.
„Krone“: Herr Sila, Sie stammen aus Sarajevo und haben den Bosnienkrieg als Kind erlebt. Welche Bilder und Erlebnisse lassen Sie bis heute nicht los?
Tijan Sila: Von solchen Momenten gibt es viele. Heute erst musste ich daran denken, wie meine Freunde und ich eine Weile zum Zeitvertreib Patronenhülsen verschiedener Kaliber gesammelt haben, als wären sie Panini-Sticker.
Wieso heißt der Titel Ihres Romans „Radio Sarajevo“?
Das Radio war während der Belagerung unsere hauptsächliche Verbindung zur Außenwelt, die Möglichkeit, Musik zu hören und sich damit zu vergegenwärtigen, dass woanders Frieden herrschte – und es somit noch Hoffnung gab.
Gab es da einen Moment, an den Sie heute oft denken?
Ich werde nie vergessen, wie der Radiosender „Radio Sarajevo“ während eines Tages, an dem es Bomben hagelte, Kurt Cobains Tod meldete.
In Ihren Texten spürt man Wut, aber auch eine Zärtlichkeit. Was treibt Sie an? Der Wunsch, Zusammenhänge aufzudecken, oder der Versuch, Ihre eigene Geschichte zu bändigen?
Mit „Radio Sarajevo“ wollte ich einerseits versuchen zu erfassen, was der Krieg für meinen Lebenslauf bedeutet. Ich hatte zuvor nur das vage Gefühl, eine außerordentliche Katastrophe überlebt zu haben. Das reichte mir nicht. Ich wollte genauer bestimmen, was mit meinem Leben eigentlich passiert ist. Andererseits wollte ich auch an den Bosnienkrieg erinnern – ich hatte das Gefühl, dass er in Vergessenheit gerät.
Was macht der Krieg mit den Menschen? Sie haben unmittelbar Krieg erlebt und darum auch die Erfahrung.
Er versehrt sie für ihr ganzes Leben. Es ist in der Tat leichter, einen Krieg körperlich zu überleben als seelisch. Ich habe meine Eltern mit Verspätung an ihn verloren. Beide wurden seinetwegen psychisch krank, bis zur Unkenntlichkeit.
Sarajevo galt lange als Ort, an dem unterschiedliche Religionen und Kulturen – muslimisch, orthodox, katholisch, jüdisch – eng zusammenlebten. Wofür ist „Sarajevo“ in Ihren Augen heute Sinnbild?
Für die Zerbrechlichkeit des Friedens. Sarajevo ist eine multikulturelle Stadt, in der Osten und Westen lange als liebevolle Zwillinge lebten. Die Bevölkerung hatte zum allergrößten Teil kein Interesse an einem Krieg und wurde doch in einen gestürzt. Und zwar von jenen, die all das hassten, wofür Sarajevo steht.
Regisseurin Sara Ostertag dramatisierte nun Ihren Roman. Haben Sie am Stück mitgearbeitet?
Ich wirke daran nicht aktiv mit. Ich finde, dass man anderen die Freiheit lassen muss, das eigene Werk so zu interpretieren, wie sie es empfinden.
Haben Sie die Entstehung des Stücks verfolgt?
Ich verfolge die Entstehung aus der Ferne, ohne mich einzumischen. Sara Ostertag und ich haben uns einmal kurz bei einem Literaturfestival in Wiesbaden getroffen, das aber vor allem zum Kennenlernen. Ich möchte mir die Theaterproduktion aber auf jeden Fall anschauen!
Wie ist die Stimmung derzeit in Sarajevo, das ja wieder als Zentrum der aktuellen politischen Krise Bosnien-Herzegowinas gilt?
Das Wesen der Krise hat sich seit den späten Achtzigerjahren leider nicht allzu sehr verändert. Nationalisten bestimmen nach wie vor die Politik des Landes, das wiederum vollkommen dysfunktional und gespalten ist. Dass sich dies nicht ändert, ist sowohl Ergebnis wie Ursache der Hoffnungslosigkeit und Auswanderung der Bevölkerung.
Wann und wo erscheint Ihr nächstes Buch?
Es erscheint im Frühling 2027, bei meinem Verlag Hanser Berlin, wo auch „Radio Sarajevo“ verlegt wurde. Der Titel steht noch nicht fest.
Die Österreichische Erstaufführung von „Radio Sarajevo“ findet in den Kammerspielen des Landestheaters Linz am 20. März statt. Das Stück steht bis 27. Mai am Spielplan; es wird ab Herbst 2026 dann im TEATA in der Gumpendorfer Straße in Wien wieder aufgenommen.