„Es gibt keine Geisel mehr im Gazastreifen“, hat Israels Premier Benjamin Netanyahu am Montag im Parlament verkündet. Die sterbilichen Überreste des Polizisten Ran Gvili wurden am Montag auf einem Friedhof entdeckt. Nun ist der Weg frei für die zweite Phase des Waffenruheabkommens zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas.
Gvili sei identifiziert worden und werde zur Bestattung überführt, teilte die Armee am Montag mit. Mehrere israelische Medien meldeten, israelische Einsatzkräfte hätten seit dem Wochenende die sterblichen Überreste von rund 250 Menschen auf dem Friedhof untersucht. Vor wenigen Stunden sei Gvilis Leiche anhand ihrer Zahnstruktur erkannt worden, berichtete die „Times of Israel“. Danach seien weitere Tests durchgeführt worden, um seine Identität zu bestätigen. Alle anderen Leichen würden zurück in ihre Gräber gebracht, der Friedhof gereinigt, hieß es weiter in dem Bericht. Sobald Israel im Gegenzug die Leichen von 15 Palästinensern übergeben hat, sind die Voraussetzungen zum Eintritt in die zweite Phase des von den USA vorangetriebenen Gaza-Friedensplans offiziell erfüllt.
In einem ersten Schritt trat im Rahmen des US-Friedensplans am 10. Oktober 2025 bereits eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas in Kraft. Zudem ließen islamistische Gruppen im Gazastreifen die letzten 20 noch lebenden, aus Israel entführten Geiseln frei, darunter auch der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger Tal Shoham. Im Gegenzug dafür entließ Israel knapp 2000 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen.
Hier verkündet Premier Benjamin Netanyahu die Bergung der letzten israelischen Geisel:
Leichenübergabe verlief sehr schleppend
Die Hamas übergab zudem die letzten 28 Geisel-Leichen – allerdings anders als vereinbart nur sehr schleppend. Unter den Toten waren auch mehrere aus Israel entführte Ausländer. Israel übergab für jede tote israelische Geisel die sterblichen Überreste 15 verstorbener Bewohner Gazas, insgesamt bisher 360. Die genauen Todesumstände der Palästinenser sind nicht bekannt.
Im Rahmen der mühsam errungenen Einigung kommt auch mehr Hilfe in den Gazastreifen. Israelische Soldaten zogen sich in dem Küstenstreifen zudem hinter die sogenannte „gelbe Linie“ zurück. Israels Armee kontrolliert damit noch immer etwas mehr als die Hälfte des Palästinensergebiets.
Die von den USA bereits ausgerufene zweite Phase des Abkommens sieht nun die Entwaffnung der Hamas vor, was die Islamistenorganisation aber bisher ablehnt. Laut Beobachtern ist ein Kompromiss denkbar, so dass die Islamisten etwa auf Raketen verzichten könnten. Hamas-Mitglieder, die sich zu einer friedlichen Koexistenz mit Israel zur Niederlegung ihrer Waffen verpflichten, sollen Amnestie erhalten. Sollte es in dieser schwierigen Frage keine Einigung geben, könnte der Krieg wieder ausbrechen.
Übergangsregierung und internationales Überwachungskomitee
Vor Kurzem wurden als Teil der zweiten Phase bereits die 14 Mitglieder einer palästinensischen Übergangsregierung bekannt gegeben, die den in zwei Kriegsjahren weitgehend zerstörten Gazastreifen verwalten soll. Zur Unterstützung dieser Regierung von Fachleuten, die keine Verbindung zur islamistischen Hamas haben sollen, wurde ein Gremium namens „Gaza Executive Board“ ins Leben gerufen. Diesem gehören unter anderem der US-Sondergesandte Steve Witkoff, der britische Ex-Premier Tony Blair, der türkische Außenminister Hakan Fidan und der ranghohe katarische Diplomat Ali Thawadi an. Die Aufnahme der prominenten Vertreter aus Katar und der Türkei ärgert Israel. Beide Länder gelten als Unterstützer der Hamas.
Ein weiteres neues Gremium, das Exekutivkomitee, soll darüber hinaus die neue palästinensische Übergangsregierung beaufsichtigen und außerdem den Wiederaufbau im zerstörten Gazastreifen steuern. Dem sogenannten „Founding Executive Board“ gehören unter anderem US-Außenminister Marco Rubio, Weltbank-Präsident Ajay Banga, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie Witkoff und Blair an.
Grenzübergang Rafah wird teilweise wieder geöffnet
Als unmittelbare Reaktion auf die Bergung der letzten Hamas-Geisel kündigte Israel die eingeschränkte Öffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen Ägypten und dem Küstengebiet für den Personenverkehr. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) warnte am Montag angesichts einer möglichen Grenzöffnung vor verfrühter Euphorie. Ankündigungen dieser Art würden seit Monaten getätigt: „Wir haben das schon so oft gehört“, sagte Marcus Bachmann im Gespräch mit der APA, von Ost-Jerusalem zugeschaltet.
Der Österreicher Bachmann leitet seit Jahresanfang die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in den palästinensischen Gebieten. Er will erst an die Ankündigungen glauben, wenn Rafah für Hilfslieferungen und in beide Richtungen für medizinische Versorgung und Evakuierungen offen ist. Bachmann verwies auf die Einschränkungen und von Israel gestellten Bedingungen. Die humanitäre Lage im Gazastreifen und die medizinische Versorgung seien nach wie vor höchst fragil, betonte der Einsatzleiter. Der im Oktober geschlossene Waffenstillstand habe daran im Grunde nichts geändert, betonte er.
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