Di, 21. August 2018

Digitales Fernsehen

20.12.2005 08:54

Österreich und das neue TV

Es ist ein kleiner Mythos der da durch unsere Köpfe rauscht: Der Traum vom digitalen Fernsehen. Aber was ist das eigentlich und wer steckt dahinter? Was kann’s und ab wann kann es das, was es können soll? Und muss man um es zu sehen eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen oder gar seine Schwiegermutter verkaufen? In Österreich setzen sich viele Organisationen für eine Digitalisierung des Rundfunks ein, arbeiten unentwegt daran, ohne dass wir Notiz davon nehmen. In der Entwicklung stehen wir näher am Ziel, als wir selbst glauben. Und dennoch ist es in vielen Punkten noch sehr unklar, was die Zukunft auf den Bildschirm zaubern kann.

Das Wichtigste ist vorerst, dass es sich bei digitalem terrestrischem Fernsehen nicht um Angebote im Kabelbereich, Pay-TV oder Satellit handelt. Es geht um die gute alte „Antenne“, das Fernsehen, das allgegenwärtig um uns herumschwirrt und in seiner Grundstruktur so schon seit 50 Jahren besteht. Genau das soll neu werden. Digitalisiert eben.

Propagiert wird das digitale TV-Zeitalter von der Elektronik-Industrie häufiger aber mit hochauflösenden Filminhalten (HDTV) oder gestochen scharfen Bildern von neuen Datenträgern, die DVDs ablösen sollen (HD-DVD und BlueRay-Disc). Hier handelt es sich aber vornehmlich um Bezahl-Angebote und vor allem Film, nicht Fernsehen. Nur um Verwechslungen von vornherein auszuschließen...

Digital für alle!
Tatsache ist, das zwei Drittel aller österreichischen TV-Haushalte die genuin heimischen TV-Kanäle (ORF, ATV+ und die übrigen Regional- und Privatsender) über den Hausantennen-Empfang beziehen. Den Rest, vornehmlich deutsche Sender, aus dem Kabelnetz oder vom Satelliten. Von den mehr als drei Millionen TV-Haushalten in Österreich empfangen satte 540.000 ihre bewegten Bilder ausschließlich über die Hausantenne. Hier zeigt sich ein österreichisches Spezifikum: Nicht jeder Haushalt kann bei uns ans Kabelnetz angebunden werden, selbst wenn er wollte. Und Satellitenempfang ist vor allem in Ballungsgebieten selten möglich, weil die klobien Schüsseln die Häuserfronten verschandeln würden. Wie anders sollen also möglichst alle zum digitalen Fernsehgenuss kommen, als über den Weg das terrestrische Signal, das 98% aller Österreicher empfangen können, zu revolutionieren!?

Federführend für den Umstieg auf digitales Fernsehen ist in Österreich ein Konglomerat aus Telekommunikationsunternehmen, Politikern und Rundfunkanstalten, die „Digitale Plattform Austria“. Zusammen mit der österreichischen Kommunikationsbehörde schwor man sich schon 2003 ein gemeinsames Ziel: Österreich in ein neues Fernsehzeitalter zu führen.

Also, was ist digitales terrestrisches Fernsehen?
Kurz DVB-T genannt, ermöglicht digitales Fernsehen eine effizientere und hochwertigere Nutzung der Rundfunkverbreitung, wie wir sie bisher kennen. TV-Kanäle, wie etwa ORF1, wurden schon immer über bestimmte, in ihrer Verfügbarkeit begrenzte Frequenzen übertragen. Dort wo jetzt ein einziger TV-Kanal ins Haus kommt, können mit digitalem Fernsehen vier Kanäle übertragen werden. Die Haus- oder Zimmerantenne, die man bis jetzt auf Millimeter genau ausrichten musste, um dem Schneetreiben auf dem Bildschirm Herr zu werden, entfällt beim DVB-T fast gänzlich. Ein DVB-T Signal kann bei optimaler Empfangslage (und die soll später in 90% der Fläche Österreichs vorherrschen) ohne Antenne und sogar mobil Empfangen werden. Am Besten ist es mit dem Handy-Empfang vergleichbar, sozusagen immer und überall.

Wie sieht’s mit Bild und Ton aus?
Die Bildqualität wird sich verbessern. Garantiert. Schon allein deswegen, weil das Problem mit der Antennenausrichtung beinahe wegfällt. Die digitale Technologie ermöglicht grundsätzlich eine sauberere Übertragung von Bild und Ton. Dazu kommt noch, dass Sendungen im Mehrkanal-Ton (AC3) auch als solche entschlüsselt werden können. Abhängig ist das tolle Bild aber immer noch vom Zustand des Materials, das übertragen wird. Gestochen scharfe Bilder sieht man klarerweise immer nur dann, wenn diese auch als solche aufgezeichnet wurden bzw. eine digitale Runderneuerung durchgemacht haben. Der Wunschgedanke, dass jedes digitale TV-Format in Dolby Surround und hochauflösend bebildert das Wohnzimmer durchdringen wird, kann letztlich nur von den Fernsehmachern erfüllt werden und beginnt in keiner Weise mit einem gut ausgestattetem Fernsehgerät oder sündhaft teuren Tonanlagen. Diese sind nur luxuriöse Voraussetzung dafür und können die optimalen Qualitäten, falls vorhanden, bis ins letzte Detail ausschöpfen.

Mehr als nur Gucken!
Die interessanteste Möglichkeit die digitales Fernsehen aber schlussendlich bietet, ist die Option mit dem TV-Inhalt auch Dateninhalte bereitzustellen. Interaktive elektronische Programmzeitschriften, lautet hier die große Hoffnung, die auch von allen Phantasien die am meisten praktisch vorstellbare ist. Was läuft gerade, was kommt im Hauptabendprogramm und wo beginnt der absolute Film-Knaller dieser Woche. Per Knopfdruck wird auf einer grafischen Oberfläche, ähnlich einer Internetseite die gewünschte Informationen visualisiert.

Ein Beispiel: Auf dem digitalen ATV+ der nahen Zukunft läuft im Nachtprogramm ein Film. Der Titel sagt wenig aus, macht aber neugierig. Im elektronischen Programmführer, der mit dem TV-Inhalt über die digitale Frequenz mitgeliefert wird, kann man alle Details des Films aufrufen, den Inhalt und Details zu den Protagonisten erfahren, sich einen Trailer dazu ansehen und schlussendlich entscheiden, ob es sich lohnt wach zu bleiben.

Das klingt natürlich im Ansatz relativ unspektakulär und verdammt nach dem guten alten Teletext. Beim digitalen Satellitenempfang, oder in elektronischen Programmführern (genannt EPG) diverser Festplattenrekorder sind ähnliche Funktionen außerdem bereits seit Jahren implementiert. Dort werden karge Basis-Informationen auf einer reinen Text-Oberfläche angezeigt. Ein erweiterter Teletext, sozusagen. Bisher. Die digitale Übertragung implementiert aber die Möglichkeit eines Rückkanals. Das heißt, man sowohl kann Information anfordern, als auch selbst Information übertragen. Ein Voting wäre direkt über den Fernsehkanal realisierbar, sprich Starmania ohne 50-Cent-per-SMS-Wucher.

TV mit Charakterzügen des WWW
Grundsätzlich wäre es möglich schon aus der digitalen Programmzeitschrift am Fernsehbildschirm eine interaktive Plattform zu machen. Filmbewertung durch das Publikum, kleine Kommentare schreiben; Und damit nicht genug: Die Phantasien reichen bis hin zum interaktiven Film, wo der User einem Strang von unterschiedlichen Handlungsverläufen per Fernbedienung folgen kann. Nicht demokratisch durch SMS-Votings, sondern individuell und frei wählbar.

Die große Interaktivität lockt auch die Homeshopping-Sender, die ihre Kundschaft erstens zum Zuschauen bewegen und zweitens, zum Telefonieren animieren müssen. Im digitalen Fernsehen könnte sich der Kunde den Griff zum Hörer sparen und einfach eine Taste auf der Fernbedienung drücken. Ob er’s tut und ob man das überhaupt will, ist wohl die Gretchenfrage bei all diesen „Traum-Angeboten“.

Der Fahrplan der „Digitalen Plattform Austria“
Genug der Zukunftsmusik. Allen ungeahnten Möglichkeiten zum Trotz muss man am Boden bleiben. Der Fahrplan des Digitalen Fernsehens in Österreich ist immer noch abhängig von bereit gestelltem Geld und den Tücken der alpenländischen Infrastruktur. Ein in Graz gestartetes Pilotprojekt mit 150 Testhaushalten, die knapp zwei Jahre lang digitales TV empfangen durften ist fast ausgewertet. Grundsätzlich sieht man eine gänzliche digitale Abdeckung (genau genommen sind es 95% weil unbewohnbares Gebiet keinerlei TV-Empfang braucht, und weil manch bewohntes Gebiet TV-mäßig unerreichbar ist) erst mit 2010 abgeschlossen. Beginnen wird’s schon im kommenden Jahr. Als erstes werden Ballungsräume mit den digitalen Frequenzen versorgt. Analoge Signalwege müssen in dieser Phase natürlich noch aufrecht erhalten werden. Am Land gestaltet sich die Sache aber schon schwieriger: Häufig lässt es die dichte Belegung der Frequenzen nicht zu, die analogen Signale gleichzeitig mit den neuen digitalen auszustrahlen, weil man sich gegenseitig die Übertragungsfreq gelegt und müssen nur von den österreichischen Fernsehzusehern aufgenommen werden. Danach wird sich’s ohnehin zeigen ob eine digitaler Programmführer Anklang findet, oder jeder wissen möchte, was der andere von einem Spielfilm hält.

PS: Brauche ich dann einen neuen Fernseher?
NEIN! Der Empfang von digitalem Fernsehen hat nichts mit der Beschaffenheit einer Bildröhre oder eines nicht-HD-fähigen Fernsehers zu tun. Neue Fernseher der Digitalgeneration werden mit integrierten Digital-TV-Empfängern ausgerüstet sein. Bei älteren Flimmerkisten muss einfach nur ein Gerät vorgeschaltet werden. Die so genannte „Set-Top-Box“ ist das Fernsehpendant zum Satellitenreceiver, sie nimmt das Fernsehsignal auf und entschlüsselt es zu einem, für jedes x-beliebige TV-Gerät darstellbarem Bild- und Tonsignal. Wenn das digitale Fernsehen kommt, muss keiner seine geliebte Glotze auf den Müll werfen. Ohne die Set-Top-Box (geschätzte Preise von 50 bis 150 Euro und mehr für die Luxuskategorien) wird man aber nur Schneetreiben erkennen.


Von Christoph Andert

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