Die Linzer Sängerin Neiyla verwandelt ihre Erfahrung mit Sexismus in Selbstliebe und zeigt, was Female Empowerment ist. Mit ihrer neuen Single „YES“ sagt sie laut Ja – zu sich selbst, zu ihrer Stimme und zu jeder Frau, die ihren Weg geht. Im Gespräch mit der „Krone“ erzählt sie, warum Musik für sie Befreiung bedeutet – und welche Sätze sie in der Musikindustrie bereits gehört hat.
Was würden Sie sagen, wenn Ihnen jemand sagt: „Wenn ich deine Bilder sehe, kann ich nur Brüste sehen.“ Wahrscheinlich gar nichts – weil einem in so einem Moment erst einmal die Kinnlade runterfällt. Sängerin Lena Hoffelner, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Neiyla, hat solche und ähnliche Sätze schon öfter in der Musikindustrie gehört. Die Linzerin ist seit Jahren in dieser Branche aktiv, hat sich mit ihrer souligen Stimme und ehrlichen Texten eine eigene kleine, aber treue Fangemeinde aufgebaut.
Musik begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Mit 14 stand sie das erste Mal auf einer Bühne, sang in Chören und schrieb ihre ersten Songs. „Ich habe damals CDs gebrannt, bin durch Linz gelaufen und habe Barbesitzern gesagt, dass ich in einer Woche wieder komme – ob sie mich buchen wollen. Ein paar haben’s tatsächlich gemacht“, erinnert sie sich. Seitdem macht Neiyla hauptberuflich Musik in englischer Sprache. Es folgten Auftritte in London, Berlin, Edinburgh und Tschechien – heute kann sie sich ein anderes Leben kaum mehr vorstellen. Vor wenigen Wochen kam ihre Single „YES“ heraus – und sie ist genau das, was ihr Name verspricht: ein klares Ja zu sich selbst, zu ihrer Stimme und zu ihrer Haltung. In dem Song verarbeitet Neiyla ihre Erfahrung mit Sexismus und Sexualisierung in der Musikbranche – ein Thema, das sie schon lange beschäftigt. Der Song ist dabei keine wütende Abrechnung, sondern eine selbstbewusste Antwort: positiv und befreiend.
Von Popikonen und schockierenden Aussagen
Stilistisch bewegt sich die Künstlerin zwischen Pop, Soul und Indie. Hört man ihre Stimme und die Einflüsse, die sie geprägt haben, erkennt man diesen Mix sofort in ihren Songs wieder. „Ich bin Fan von Alicia Keys, Sabrina Carpenter, aber auch von Beyoncé und Amber Mark“, erzählt sie. Was bei Neiyla sofort auffällt: Sie hat keine Angst, ihre Stimme zu nutzen – nicht nur gesanglich, sondern auch emotional. „Meine Songs sind wie Tagebucheinträge“, sagt sie mit fester Überzeugung. „Ich könnte gar nicht über etwas schreiben, das mich nicht berührt oder mir nicht passiert ist.“
Deshalb ist auch ihre neue Single „YES“ ein großes Thema für sie.
„Als Frau in der Musikbranche hört man viel – und das hat sich über die Jahre angestaut.“ Bei diesem Satz wird die sonst so offene Sängerin kurz ernst. Viele hätten ihr gegenüber geäußert, sie schreibe ihre Songs bestimmt nicht selbst. „Ich fand das schockierend – dass manche nicht glauben können, dass eine junge Frau ihre Songs selbst schreibt“, erzählt sie. Dazu kamen sexistische Kommentare, Kritik an ihrem Outfit oder an ihrem Selbstbewusstsein. „Deswegen ist der Song so befreiend für mich“, sagt sie. „Es ist kein wütender Song, sondern ein Abwerfen von dem Mist, der von außen kommt.“
Sexismus in der Musikindustrie
Der schlimmste Satz, den Neiyla je gehört hat, sitzt bis heute tief.
Wie schon zu Beginn erwähnt, lautete er: „Wenn ich deine Bilder sehe, kann ich nur Brüste sehen.“ Gesagt hat das kein betrunkener Besucher aus dem Publikum, sondern ein bekannter Manager aus Österreich – jemand aus der Szene. „Ich war total baff“, erinnert sie sich. „Ich habe zwar gekontert, aber diesen Moment werde ich nie vergessen.“ Den Namen will sie bewusst nicht nennen. „Ich will keine Rufschädigung betreiben – vielleicht dachten sie sogar, sie geben mir ,Tipps‘. Aber genau das ist das Problem: Diese Denkmuster sitzen tief. Ich will einfach Bewusstsein schaffen.“
Aber nicht nur Neiyla macht solche Erfahrungen. Auch viele andere Musikerinnen greifen das Thema Sexismus in der Branche auf und verarbeiten es in ihren Songs. So zeigte etwa Rapperin Shirin David 2021 mit „Lächel doch mal“, wie selbstverständlich Frauen im öffentlichen Leben sexualisiert und bewertet werden. Dieses Thema ist weit verbreitet – auch ihrer Meinung nach. „Dieses Unterschätztwerden ist einfach irre. Dass man Erfolg immer noch anderen Umständen zuschreibt. Ich habe oft das Gefühl, Frauen werden total schnell entwertet“, sagt Neiyla. „Man sieht das auch bei großartigen internationalen Künstlerinnen wie Sabrina Carpenter oder Dua Lipa. Das sind tolle Songwriterinnen, aber man redet ihnen trotzdem ihr Können ab. Und ich denke, Sexismus und die Sexualisierung von Frauen sind allgegenwärtig. Das betrifft nicht nur uns Künstlerinnen, sondern Frauen generell.“
Soziales Engagement
Trotz der Schattenseiten der Branche verliert Neiyla ihren Glauben an Veränderung nicht. Wenn sie über die Zukunft spricht, klingt sie überzeugt – und hoffnungsvoll: „Ich wünsche mir, dass Frauen den Mut haben, sich künstlerisch frei auszudrücken, ohne sich in Schubladen pressen zu lassen. Ich glaube, da passiert gerade viel. Frauen wissen heute klarer, was sie wollen – und gottseidank trauen sich manche, es auch zu leben.“
Demnächst steht bei ihr einiges an: Die Linzerin arbeitet an neuer Musik, und auch ein Album „spukt“ bereits in ihrem Kopf herum. Außerdem ist sie derzeit mit der Kindernothilfe in Chile unterwegs. Sie liebt es, sich sozial zu engagieren – und mit ihrer Kunst eine Stimme für Kinder- und Frauenrechte zu sein. Nicht ohne Grund ist sie hier auch Botschafterin – eine Rolle, die sie mit ebenso viel Leidenschaft erfüllt wie die als Sängerin. Doch ihr größter Traum bleibt das Auftreten vor internationalem Publikum. In der Vergangenheit hatte sie bereits einige Auftritte in London – eine Stadt, die sie inspiriert. Auf die Frage, wie sich das Londoner Publikum von dem österreichischen unterscheidet, antwortet sie mit einem Lächeln: „Die Engländer sind viel lauter. Sie geben mehr Zwischenrufe, bei uns ist das Publikum zurückhaltender – da wird brav geklatscht, aber weniger dazwischen geredet. Beides hat Charme, irgendwie.“
Ob London, Edinburgh, Linz oder Wien – man merkt ihr an, dass sie überall mit ganzem Herzen dabei ist. Wenn Neiyla über ihre Zukunft spricht, tut sie das mit leuchtenden Augen. Die wunderbare Welt der Tonkunst ist für sie kein Job, sondern Berufung – etwas, das sie antreibt, seit sie denken kann.
Wo sie sich in fünf Jahren sieht? „Auf jeden Fall noch immer als Sängerin. Ich hoffe, dass ich mich selbst überraschen kann mit dem, was ich bis dahin erreicht habe. Ich habe diesem Beruf mein Leben gewidmet – und bin sicher, dass ich in fünf Jahren glücklich auf diese Zeit zurückblicken werde.“ Wer die sympathische 26-Jährige heuer noch live erleben möchte: Am 12. Dezember spielt sie im Rahmen einer Adventveranstaltung am Linzer Domplatz – kostenlos und für alle zugänglich.
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