Ursuppe des Folk-Rock

Musik-Legende Bob Dylan feiert 85. Geburtstag

Musik
24.05.2026 05:00
Porträt von Wien Krone
Von Wien Krone

Es gibt eine Sache, die Bob Dylan trotz aller Anstrengungen nie gelungen ist: nicht als Ikone verehrt zu werden. Ob Folk, Rock, Country oder Gospel – das Gesamtwerk des Ausnahmemusikers gilt als Meilenstein der Musikgeschichte. Sogenannte Dylanologen sezieren seine Texte bis heute. Mit seinen einzigartigen, aber für jene, die nur Hits in gewohnten Versionen hören wollen, bizarr anmutenden Konzerten begeistert der am Sonntag 85 Jahre alt werdende Dylan seine Fans weiter.

kmm

Am 24. Mai 1941 wird Bob Dylan in der Hafenstadt Duluth im US-Bundesstaat Minnesota als Robert Allen Zimmerman geboren. Seine Kindheit verbringt er in der vom Bergbau geprägten Stadt Hibbing. Dylans Eltern sind Nachfahren von ukrainisch-jüdischen Einwanderern und gar nicht davon angetan, dass ihr Sohn Musiker werden will. Der früh vom Folk begeisterte Dylan bringt sich selbst das Gitarre- und Klavierspielen bei und schreibt schon als Jugendlicher eigene Songs.

Dylans rasanter Aufstieg in New York
Mit 19 Jahren zieht er nach New York City und spielt in kleineren Clubs im Greenwich Village, einem Zentrum der Gegenkultur der 60-Jahre. Innerhalb weniger Monate unterzeichnet er bei einem Label und bringt noch im selben Jahr sein erstes Album heraus. Um die Zeit nimmt er auch seinen Künstlernamen an, den er sich beim walisischen Dichter Dylan Thomas geliehen hat. Er habe sich nie als Robert Allen Zimmerman verstanden, sagte Dylan. Seine Vorbilder zu der Zeit sind der linke Folk-Sänger Woody Guthrie und Blues-Musiker wie Robert Johnson oder Leadbelly.

Der Durchbruch kommt 1963 mit dem Song „Blowin‘ In The Wind“, den das lyrische Ausnahmetalent in zehn Minuten geschrieben haben soll. Im August desselben Jahres tritt er gemeinsam mit Joan Baez beim „Marsch auf Washington“ der Bürgerrechtler um Martin Luther King auf. Vor mehr als 100.000 Menschen singt er das Lied „When The Ship Comes In“ – kurz bevor King seine Rede mit dem berühmten Zitat „I have a dream“ hält.

Dylan gilt als eine Stimme der Bürgerrechtsbewegung, wenn auch nicht als unumstrittene: Er war ein weißer Folksänger aus Minnesota, der sich stark aus schwarzen Musiktraditionen wie Blues oder Gospel bediente, was einigen bitter aufstieß. An seinem Erfolg ändert das und auch der Fakt, dass Dylan nie als besonders guter Sänger galt, nichts: Der Wortkünstler wird zu einer Galionsfigur des gesellschaftlichen Umbruchs in den USA. Die Rolle des Akustik-Folk-Idols mag er aber ebenso wenig annehmen wie die des politischen Vorkämpfers.

Dylan wird ungewollt zur Ikone
Im Laufe seiner Karriere wechselt Dylan mehrfach seine Stilrichtung von Folk zu Rock, Country, Gospel bis Blues. Als er 1965 beginnt, elektrisch zu spielen, fühlen sich viele Folk-Fans verraten. Bei einem Konzert in Manchester etwa wird Dylan zunächst als „Judas“ bezeichnet. Titel wie „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ werden dennoch zu Folk-Rock-Schlüsselwerken, die bis heute in kaum einer Liste der besten Alben aller Zeiten fehlen.

Mitte der 60er lernt Dylan seine spätere Frau Sara kennen. Das Paar hat mittlerweile vier gemeinsame Kinder. 1967 zieht die Familie nach Woodstock im Bundesstaat New York. Vater zu werden, habe ihn und seinen Blick auf die Welt grundlegend verändert, schreibt er in seiner 2004 erschienenen Biografie „Chronicles Volume One“. „Außer meiner Familie war nichts wirklich von Interesse für mich“. Die Presse aber habe ihn ständig als Sprachrohr, Sprecher oder Gewissen einer Generation porträtiert. „Dabei war ich eher ein Viehtreiber als eine Führungsfigur.“ Vielleicht gibt er auch deshalb seither kaum Interviews.

Überrannt von Fans in Woodstock
Für den Kultstatus zahlt die Familie einen hohen Preis. Immer wieder belagern Leute den Musiker. In der Zeit habe er sich danach gesehnt, in einem ganz normalen Leben versinken zu können, mit Job und Haus „mit einem weißen Zaun und pinken Rosen im Garten“. Kreativ habe ihn das in eine Krise gestürzt. Wesentlicher Teil seiner Inspiration sei das Beobachten gewesen. „Aber nun konnte ich nichts mehr beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden“, schreibt er in „Chronicles Volume One“. Dylan macht absichtlich „schlechte Musik“, um das Image abzustreifen. Es hilft wenig.

Die Ehe mit Frau Sara zerbricht Ende der 70er-Jahre. Das großartige Album „Blood On The Tracks“ wird oft als Verarbeitung der Ehekrise interpretiert. Kurz darauf tritt der jüdische Dylan zum Christentum über und schockt damit viele seiner Fans. Drei der folgenden Alben stehen ganz im Zeichen des christlichen Rocks. Auf Konzerten predigt Dylan christliche Botschaften.

Künstlerischer Wiederaufstieg in den 90ern
In den 1990er-Jahren begeht Dylan einen künstlerischen Wiederaufstieg. Mit dem ersten Alterswerk „Time Out Of Mind“ von 1997 gewinnt der Songpoet einen seiner insgesamt zehn Grammys als Solokünstler. Danach wird er seinem Ikonenstatus noch alle paar Jahre mit starken Platten gerecht, etwa „Modern Times“ (2006), „Tempest“ (2012) oder „Rough And Rowdy Ways“ (2020). Weit mehr als 100 Millionen Tonträger soll Dylan verkauft haben.

Von Mai 2006 bis April 2009 moderiert und gestaltet Dylan die wöchentliche Radioshow „Theme Time Radio Hour“. Auch als Bildhauer und Maler ist er tätig. Über den Ausnahmestar wurden auch mehrere Filme gedreht – zuletzt „A Complete Unknown“ mit Timothée Chalamet (30) in der Hauptrolle.

Dylan, der nie das Sprachrohr einer Generation sein wollte, steht mit Mitte 80 weiter auf der Bühne und hat in den vergangenen 20 Jahren Tausende Konzerte gespielt. Wer dort eine Show mit den besten Hits zum Mitsingen erwartet, wird bitter enttäuscht. Dylan ist bekannt dafür, Lieder immer wieder zu arrangieren, teilweise bis zur Unkenntlichkeit.

Dylan als Plagiator?
In vielen Songs von Bob Dylan sind Reverenzen auf Personen der amerikanischen und europäischen Musik- und Literaturgeschichte wie auch „verarbeitete“ Textzeilen aus anderen Werken zu finden. Im Laufe seiner Karriere wird ihm deshalb immer mal wieder der Vorwurf gemacht, sich zu sehr und vor allem ohne Verweise am Werk anderer zu bedienen. Seine Dankesrede für den Literaturnobelpreis 2017, die er erst lange nach der ursprünglichen und von ihm geschwänzten Preisverleihung hielt, soll er aus einer Interpretationshilfe für Schüler abgepaust haben.

Dem Vermächtnis des teilweise als „Shakespeare seiner Generation“ genannten Musikers hat das nie geschadet. „Dylan war ein Revolutionär. So wie Elvis deinen Körper befreite, befreite Bob deinen Geist“, sagte einmal Bruce Springsteen. In der Rock And Roll Hall Of Fame in Cleveland heißt es über ihn: „Bob Dylans Einfluss auf die Musik ist unermesslich“.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung