Doris Eggl hat beim Eurovision Song Contest 2026 nicht einen einzigen Auftritt gesehen. Dabei war sie die ganze Zeit da – genau wie drei Kollegen, die hinter den Kulissen der Wiener Stadthalle Außergewöhnliches geleistet haben. Jetzt dürfen alle endlich wieder durchatmen. Und auch die Stadthalle durfte noch einmal glänzen.
Doris Eggl schüttelt den Kopf und lacht. „Ich habe tatsächlich nicht einen einzigen Act gesehen.“ Sechs Tage Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle, neun Live-Shows, das größte Musikevent der Welt – und die Leiterin des Publikumsdienstes hat davon nichts mitbekommen. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Dafür alles andere: die 700 Mitarbeiter, die sie koordiniert hat, die Zuschauermassen beim Einlass, das schlechte Wetter draußen. „Ich war eigentlich immer auf der Fläche oder davor im Büro beschäftigt, mich um die Mitarbeiter zu kümmern.“ So war das bei den vielen, die den ESC erst möglich gemacht haben.
Der Technikchef sah ihn zu Hause – und staunte
Robert Janda, technischer Leiter der Stadthalle, hat das Finale im Fernsehen genossen. Er und sein Kollege hatten sich aufgeteilt: einer vor Ort, einer zuhause. „Ich hab’ gestaunt, wie tolle Fernsehbilder da in die Welt hinausgesendet wurden“, sagt er. Was er dabei nicht sah, weiß er nur zu gut: die Aluminiumtraversen, die wochenlang im Dach montiert worden waren. Oder die Reporterkabinen, die man aus Kitzbühel angeliefert hatte – noch schmutzig vom letzten Hahnenkamm-Rennen. „Die haben wir noch putzen müssen“, erinnert sich Janda mit einem Schmunzeln. Oder den Moment, als die Abluftanlage bei den Proben den Bühnennebel zu rasch aus dem TV-Bild sog. Die Lösung: ein paar Zuluftdüsen abkleben. Pragmatisch, wie so vieles beim ESC.
Der ESC in der Wiener Stadthalle hat eindrucksvoll gezeigt, dass Wien internationale Großereignisse auf höchstem Niveau kann.

Barbara Novak
Bild: Mario Urbantschitsch
Sieben Wochen, kaum ein freier Tag dazwischen
Der Aufbau begann am 30. März. Das Finale fand am 16. Mai statt. Dazwischen lagen über sieben Wochen, in denen die Stadthalle einem Rohbau glich, ehe sie zum Weltfernsehstudio wurde. Zu Spitzenzeiten schufteten 300 Menschen in Doppelschichten von je zehn Stunden. Horst Marterbauer, der die ESC-Projektleitung innehatte, fasst es so zusammen: „Viele Zahnräder, die funktionieren müssen. Und was das Ganze erst möglich macht, sieht man von außen nicht.“
Das Ergebnis: über 2000 Quadratmeter Bühnenkonstruktion mit rund 210 Tonnen Gewicht, 130 Tonnen Equipment allein im Dach fixiert. Dazu 2135 Beleuchtungskörper, über 8500 individuell ansteuerbare LEDs und 515 Quadratmeter LED-Fläche – das entspricht zwei Basketballfeldern. 28 Live-Kameras, 365 TV-Monitore. Am Finaltag selbst standen bis zu 1000 Personen gleichzeitig im Einsatz. Freie Tage? Gab es zwischendurch. Aber die Showwoche selbst war hart: von Montag bis Samstagnacht kaum Stunden, in denen man nicht in der Halle war. Marterbauer freut sich jetzt auf einen Kurztrip zum Biken nach Maribor. Janda will mit der Familie zwei Wochen nach Dublin. Eggl auf dem Motorrad nach Salzburg.
Regen, Taschenkontrollen und Ausnahmestimmung
Was Eggl in all der Zeit begeistert: das Publikum. „Es war eines der besten Publikums, das wir je hatten.“ Dabei hatten viele Besucher draußen im Regen auf den Einlass gewartet und sich über rigide Taschenkontrollen gewundert. Doch drinnen herrschte Ausnahmestimmung. Beim Finale saßen Bundespräsident, Bürgermeister und Vizebürgermeisterin in der Ehrenloge – auch sie, so Marterbauer, „sehr beeindruckt“. Leo Roth, zuständig für die Kommunikation, zieht eine persönliche Bilanz: „Wir haben zeigen können, was die Stadthalle kann. Insofern am Ende des Tages sehr positiv.“ Das internationale Medieninteresse sei enorm gewesen – und die Halle habe es mit Bravour gemeistert.
42 Sekunden: Choreografie im Verborgenen
Was die 1,68 Millionen TV-Zuschauer beim Finale nicht zu sehen bekamen: schwarzgekleidete Bühnentechniker, die in 42 Sekunden zwischen den Acts Requisiten umstellten – geführt von LEDs, die Positionen direkt auf die Bühne projizierten. „Das ist eine Choreografie, die nicht nur die Künstler inkludiert, sondern auch die Kameramänner“, schwärmt Marterbauer. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) lobte die kurzen Wege: Pressezentrum, Delegationsräume und Green Room unter einem Dach, der Green Room per Steg mit der Bühne verbunden. „Das macht natürlich was mit der Stimmung für die Künstler“, so Marterbauer.
Waldner seit November im Amt – ESC als Feuerprobe
Thomas Waldner war erst am 1. November Geschäftsführer geworden. Der ESC wartete schon. „Mein Auftrag war es, den Song Contest erfolgreich über die Bühne zu bringen. Das ist uns Gott sei Dank gelungen“, sagt er zur „Krone“. Jetzt denkt er an die nächsten Schritte: Sponsoring ausbauen, Hallen besser vermarkten, die Customer Journey verbessern. Die neue Multifunktionsarena in St. Marx kommt frühestens 2030. Bis dahin sieht er keinen Grund zur Sorge. „Die alte Dame spielt auch noch immer in der Champions League.“ Schon am 30. Mai steht die nächste große Show auf dem Programm. Die Stapler sind jetzt wieder weg, die Halle wieder leer. Und Doris Eggl? Hat inzwischen den ESC-Sieger nachgeschaut. Im Fernsehen.
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