„Krone“-Kolumne

Der Tanz mit den Toten

Kolumnen
30.10.2025 06:50

Bei den Azteken galt es als respektlos, die Verstorbenen zu betrauern. Der Tod war schließlich nicht viel mehr als ein weiterer Schritt im Zyklus unseres Daseins. Und die Erinnerungen, so glaubten sie, hielten die Toten ohnehin am Leben, zu einem immerwährenden Teil der Gesellschaft.

Der Dia de los Muertos ist längst so wie Halloween zu uns geschwappt. Als eine buntere, weniger gruselige Version der vielen Kostümfeste rund um den 31. Oktober. Ob man sich im Partyrausch allerdings auf den bedeutsamen Grundgedanken dieses Tags der Toten besinnt, sei dahingestellt.

Die Vergänglichkeit hat ja ohnehin keinen Platz in unserer Leistungsgesellschaft. Trauer soll möglichst nicht sichtbar sein, am besten nur zu Allerheiligen und Allerseelen. Mächtige wie Putin, Xi Jinping oder der Milliardär Peter Thiel träumen gar vom ewigen Leben durch neue Technologien.

Der Glaube an das (sinnbildliche) ewige Leben nach dem Tod rettete übrigens den Dia des los Muertos vor den spanischen Eroberern – auch wenn diese den heidnischen Brauch ausmerzen wollten. Dieser gemeinsame Nenner der indigenen und christlichen Kultur ist einer der Gründe, warum die Mexikaner bis heute noch zu Allerseelen, meist sogar über mehrere Tage voller Hingabe feiern.

Den metaphorischen Tanz mit den Toten zu zelebrieren, um durch Liebe und Erinnerung den Tod zu besiegen, ist einer der Leitgedanken der Festlichkeiten. Die Verstorbenen nicht nur zu betrauern, sondern vor allem ihr Leben zu feiern.

Es muss ja nicht gleich ein Partyrausch sein, aber es klingt nach einem großen Trost, sich in den stillen Tagen von dieser melancholischen Freude anstecken zu lassen.

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