"Sie töten uns alle"
Syrien: Blutbad mit über 300 Toten in Stadt Homs
Allein im Viertel al-Khalidiya hätten Sicherheitskräfte 138 Menschen durch Mörserfeuer getötet, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in der Nacht auf Samstag. Dutzende Menschen seien in anderen Vierteln der zentralsyrischen Stadt getötet worden.
"Sie sind bereit, uns alle zu töten"
Die arabischen Nachrichtensender Al-Arabiya und Al-Jazeera berichteten von "schweren Kämpfen" zwischen Soldaten der regulären Armee und Deserteuren. Sie zeigten Bilder von Dutzenden Leichen am Boden. "Wir sehen uns einer Tötungsmaschine gegenüber, Menschen sterben", sagte ein Arzt dem Sender Al-Jazeera. "Es sind so viele Menschen auf den Straßen, die verletzt sind und sie brauchen Hilfe, aber wir können sie nicht erreichen, um ihnen zu helfen", sagte der Stadtbewohner Abu Abdo Alhomsy dem US-Nachrichtensender CNN. Scharfschützen seien im Einsatz. "Sie sind bereit, uns alle zu töten. Sie haben kein Problem damit, es zu tun. Bitte, wir rufen die internationale Gemeinschaft zur Hilfe auf." Unter den Opfern seien auch Frauen und Kinder, berichtete CNN.
Nach Informationen einer Al-Jazeera-Korrespondentin im Libanon attackierten vor dem Gewaltexzess Mitglieder der aus Deserteuren bestehenden "Freien Syrischen Armee" Kontrollpunkte der regulären Truppen. Dabei seien etwa zehn Soldaten ums Leben gekommen. Danach sei offensichtlich ein Stadtteil von Homs ständig beschossen worden. Mehrere Häuser seien zerstört worden.
Syrische Führung: "Medienkampagne wegen UNO-Sitzung"
Die syrische Führung dementierte Samstag früh Berichte, wonach die Armee in Homs ein Blutbad verübt hat. Vielmehr seien die Zivilisten von bewaffneten Männern getötet worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Sana. Auch das syrische Staatsfernsehen bestritt Berichte über den Beschuss von Stadtvierteln in Homs durch die Streitkräfte. Das sei eine "Medienkampagne", die Lügenmärchen und Unwahrheiten benutze, um die Entscheidung des UNO-Sicherheitsrates zu beeinflussen und um Verbrechen und Angriffe zu verschleiern, die von bewaffneten terroristischen Gruppen begangen worden seien, berichtete CNN weiter.
Landesweit hatte es am Freitag Demonstrationen in Erinnerung an das Massaker von Hama im Jahr 1982 gegeben, als Hafez al-Assad, der Vater des jetzigen Präsidenten Bashar al-Assad, einen Aufstand der islamistischen Muslimbrüder brutal niederschlagen ließ. Die Sicherheitskräfte schossen der Beobachtungsstelle zufolge auf zahlreiche Demonstrationszüge, etwa in der Hauptstadt Damaskus, wo Tausende Menschen auf die Straße gegangen seien. Demnach nahmen zahlreiche Syrer an Protesten in den Provinzen Damaskus, Daraa und Dael im Süden, Idleb (Bild) im Nordwesten, Lattakia im Westen und Hama selbst teil. Auch dabei soll es Tote gegeben haben.
Botschaften in Kairo, London und Berlin gestürmt
Der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abderrahman, sagte, in Homs habe ein "regelrechtes Massaker" stattgefunden. Er forderte eine "sofortige Intervention" der Arabischen Liga. Die in London ansässige Beobachtungsstelle rief die syrische Bevölkerung "in allen Regionen" auf, angesichts des "Massakers" in Homs auf die Straße zu gehen und sich gegen die Führung zu erheben.
In Kairo, London und Berlin stürmten aufgebrachte Syrer daraufhin ihre Botschaften. In Kairo wurde der Eingang des Botschaftsgebäudes demoliert, Mobiliar und Computer zerstört, der erste Stock war teilweise ausgebrannt, wie ein Reuters-Korrespondent berichtete. Rund 150 Menschen hatten sich in in London zu Protesten versammelt. Dabei gelang es fünf Männern, in das Gebäude im Zentrum der britischen Hauptstadt einzudringen, wie Scotland Yard mitteilte. Die Männer seien festgenommen worden. Laut dem Rundfunksender BBC sollen Fenster eingeschmissen worden sein.
In Berlin zerstörten zwei Dutzend Regimekritiker in der syrischen Botschaft Bilder von Präsident Bashar al-Assad und dessen Vater Hafez al-Assad, außerdem wurden eine Fahne des syrischen Widerstands und eine Fahne der syrischen Kurden aus Fenstern im ersten Stock gehängt. An das Hauptportal sprühten sie die Parole "Nieder mit Baschar". Die Polizei nahm die Randalierer fest, ein Sprecher des deutschen Außenministeriums verurteilte den Vorfall "auf das Schärfste".
UNO-Sondersitzung am Nachmittag in New York
Am Freitagabend kündigte ein Diplomat in New York an, dass der UNO-Sicherheitsrat am Samstag in der Früh (15 Uhr MEZ) zusammenkommen werde, um über den jüngsten Resolutionsentwurf zur Syrien-Krise abzustimmen. Den 15 Mitgliedern des Gremiums werde der am Donnerstag überarbeitete Text vorliegen, der Bedenken Russlands Rechnung trägt, sagte der Diplomat am Freitag in New York. Noch vor der Abstimmung in New York wollte US-Außenministerin Hillary Clinton mit ihrem russischen Kollegen Sergej Lawrow zu einem Gespräch am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz zusammenkommen, sagte ein ranghoher Vertreter des US-Außenamtes auf dem Flug Clintons nach München in der Nacht auf Samstag. Die Arabische Liga hatte am Dienstag einen Hilferuf an den UNO-Sicherheitsrat gerichtet, die Gewalt in Syrien zu stoppen.
Der russische Vize-Außenminister Gennadi Gatilow hatte laut der Nachrichtenagentur Interfax den Resolutionsentwurf "in seiner jetzigen Form" abgelehnt. Die Zugeständnisse reichten nicht aus, damit Moskau die Resolution mittragen könne. Gatilow kündigte aber nicht explizit ein Veto gegen die Entschließung an. Im neuen Resolutionstext wurde jeder Hinweis auf Sanktionen oder ein Waffenembargo als Zugeständnis an Moskau gestrichen. Auch die Forderung nach einem Rücktritt Assads wurde fallengelassen. Im Entwurf steht aber, der Sicherheitsrat unterstütze die "Entscheidung der Arabischen Liga vom 22. Jänner", mit der ein "von den Syrern selbst gestalteter politischer Übergang" angestrebt wird.
Die Vetomächte Russland und China hatten vor vier Monaten schon eine Resolution zu Syrien scheitern lassen. Ein anderer Resolutionsentwurf kam im Sommer wegen des zu erwartenden Widerstandes gar nicht erst zur Abstimmung. Konkrete Sanktionen enthielt keiner der mittlerweile drei Entwürfe.
Bisher etwa 6.000 Tote bei Protesten gegen das Regime
In Syrien gibt es seit fast elf Monaten massive Oppositionsproteste gegen das Assad-Regime, auf die dessen Sicherheitskräfte mit aller Gewalt reagieren. Die Führung in Damaskus macht immer wieder "Terroristen" für die anhaltende Gewalt im Land verantwortlich. Seit vergangenem März kamen nach UNO-Angaben mit Stand vor dem Massaker in Homs mehr als 5.400 Menschen ums Leben, Menschenrechtler gingen von mindestens 6.000 Todesopfern aus.







Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.