Auf ihrem neuen Werk „E.G.O.“ wagt das Wiener Funk- und Soul-Quintett Spitting Ibex den Sprung richtig Rockgitarre und dystopischer Düsternis. Warum es an der Zeit für selbstreflektive und tiefergehende Musik und Texte war, erzählten uns Sängerin Tanja Peinsipp und Bandchef Florian Kittner im „Krone“-Talk. Live kann man sich in Wien und Graz überzeugen.
Was machen, wenn sich die Türen zur Freiheit im anbrechenden Frühling verschließen, ein Virus wütet und rundum immer mehr Despoten an den Strippen der Macht ziehen? Manche Künstler verfielen in kreative Lethargie, andere setzten der dystopischen Grundstimmung bewusst Erhellendes entgegen und wiederum andere arbeiteten ihr fragiles Seelenleben auf, vermischten die intimen Texte mit düsteren Gitarren und ließen dem angestauten Frust freien Lauf. Letzteres trifft auf die fabelhaften Spitting Ibex zu, deren neuestes Machwerk „E.G.O.“ gleich in mehrfacher Hinsicht an gewohnten Grundfesten rüttelt und sich nicht den Vorwurf der Redundanz gefallen lassen muss. Gitarrist, Produzent und Mastermind Florian Kittner hat sich von der Pandemie leiten lassen und statt den bekannt soulig angehauchten Up-Tempo-Funk-Nummern ein Manifest des elektrischen Stromruders gezimmert.
Auf zu neuen Ufern
Vor allem die erste Albumhälfte ist unerwartet hart und direkt, im weiteren Verlauf löst sich die Spannung zunehmend in Wohlgefallen auf. Mit einher schwingen die vom Persönlichen ins Universelle übersetzbaren Texte der Hartberger Frontfrau Tanja Peinsipp, die aus der einst im Hip-Hop gestarteten Band ein Funk-Monster geschaffen hat und es nun performativ in eine neue Richtung drängt. Richtung, nicht Ära, denn „E.G.O.“ könnte in seiner kompromisslosen Tonierung auch ein Ausrutscher sein, der die Band schnell wieder in gewohnte Sphären einpendeln lässt, wie uns das Kollektiv im gemütlichen Gespräch im Proberaum erklärt. „Die Vielseitigkeit der Stile war bei uns schon immer da“, so Kittner, „wir sind schwer verwaltbar und das gefällt uns gut. Wir hatten für das neue Album auch Electro-Funk-Ideen, aber das wäre zu viel gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal.“
Mit „E.G.O.“ gibt man Fans und Neuentdeckern aber ohnehin genug Hausaufgaben mit auf den Weg. Musikalisch und inhaltlich ist der Spannungsbogen voller Details und Finten. Und wann hat man das letzte Mal in Österreich ein Album gehört, das Zitate von Audioslave, Prince und Alice In Chains gleichermaßen verwurstet? „Der Sound ist härter und die Texte wurden intensiver“, erklärt Kittner, „alles geht in Hand in Hand.“ Als Frontfrau und Texterin Peinsipp die ersten musikalischen Ideen Kittners hörte, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als auch lyrisch neue Bereiche zu erforschen. „Es geht mir um präsente Themen wie die Vorherrschaft alter weißer Männer, Empowerment für Frauen und Sozialkritik.“ Im Schlüsselsong „Mamagodoh“ etwa stellt sich die Steirerin vor, wie eine Welt mit einem weiblichen Gott aussehen würde. „Eine Ära des Matriarchats wäre schon einmal ganz gut.“
Tiefgründige Highlights
Peinsipp sieht „E.G.O.“ weniger als negativ konnotiertes, sondern mehr als emotionales und selbstreflektierendes Album. „Den Albumtitel habe ich stark auf mich selbst bezogen. In der Coronazeit habe ich viel reflektiert und diese Reflexion hat nie aufgehört. Es geht um das persönliche Ego und solche von Despoten wie Trump oder Putin. Wir alle wissen, dass hinter jedem großen Ego ein kleines verletztes Kind steckt, das innerlich schreit und von der Mama getröstet werden möchte.“ Die eigene Mama und ein ambivalentes Verhältnis zu ihr sind ein elementarer Teil im tiefgründigen Song „Surface“, einem definitiven Album-Highlight. „Momentan habe ich ein tolles Verhältnis zu ihr und der Song hat mich einen großen Schritt weitergebracht und mir neue Türen geöffnet. Dezidiert vorgespielt habe ich ihr den Song aber nicht“, lacht die Sängerin.
Um mit derart intimen Gedanken überhaupt in die Öffentlichkeit gehen zu können, bedurfte es zuerst dem Vertrauen der vier männlichen Bandmitglieder. Kittner zeigte sich von Peinsipps Gedanken begeistert. „Als ich Tanjas Texte zuhause erstmals hörte, war ich sehr ergriffen. Sie singt sehr gefühlvoll und intensiv und gerade bei einem Lied wie ,Surface‘ spüre ich selbst den Schmerz und das Leid, das mitschwingt.“ Neue Wege beschritt man auch mit dem Cover-Artwork, das mithilfe einer künstlichen Intelligenz kreiert wurde und damit nicht nur auf Anklang in der Szene stieß. „Natürlich kann man uns vorwerfen, wir würden den Wert echter Künstler nicht mehr wertschätzen, das ist uns bewusst“, so Kittner, „projiziert man das auf die Musik würde das bedeuten, dass eine KI unsere Songs schreibt. Aber wir haben dafür einen Grafikdesigner engagiert, eine zweite Person war auch am Layout beteiligt. Das Ergebnis ist jedenfalls sehr gelungen.“
Musik für die Orgelpfeifen
Die extrem rockige Ausrichtung eröffnet Spitting Ibex nun auch im Livekontext neue Formen und Farben. „Ein paar Songblöcke haben auf ,E.G.O.‘ einen fließenden Übergang und werden auch live zusammenbleiben“, so Kittner, „aber auf der Bühne ist sowieso alles ganz anders. Da vermischen sich Rock, Funk und Soul. Es werden Arrangements geändert und plötzlich taucht ein neues Solo auf. Wir spielen gerne mit Songs und Übergängen.“ Peinsipp freut sich vor allem auf die Fans. „Bei rockigen Songs gehen die Leute deutlich mit ab, wenn wir sozialkritischer und langsamer ans Werk gehen, stehen sie aufgereiht wie die Orgelpfeifen und fühlen die Emotionen dahinter. Wir sind nicht die neuen Bilderbuch, sondern gehen unseren eigenen Weg weiter. Das hört man und das wird auch geschätzt.“
Live in Wien und Graz
Spitting Ibex präsentieren ihr neues Album „E.G.O.“ und die etwas flotteren Funk-Songs der letzten Jahre heuer auch noch zweimal live. Am 15. Dezember, dem Release-Datum, stellt das Quintett sein Album in der Wiener Arena vor, am 17. Dezember spielen sie am Dom im Berg in Graz. Unter www.oeticket.com gibt es Karten und alle weiteren Infos zu den Konzerten. 2023 geht es dann quer durchs Land munter weiter.
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