Lokalaugenschein

Bahnstreik in Tirol: „Es war fast gespenstisch“

Tirol
28.11.2022 18:00

Trotz beinahe menschenleerer Bahnhöfe und stehender Züge blieb der Verkehrskollaps am Montag in Tirol aus. Nicht alle hatten Verständnis für den Warnstreik der Gewerkschaft, wie sich beim Lokalaugenschein der „Tiroler Krone“ zeigte.

Man wurde am frühen Montagmorgen an die Corona-Lockdowns erinnert – zumindest auf den Verkehrsdrehscheiben des Landes. Am Hauptbahnhof in Innsbruck waren nur wenige Personen anzutreffen, auf den Bahnsteigen herrschte gähnende Leere. Nur vereinzelt trudelten Menschen ein – vorwiegend Touristen, die nichts vom Streik wussten. ÖBB-Mitarbeiter informierten sie über die Zugausfälle.

Keine großen Staus trotz mehr Pkw-Verkehr
Zum und vom Bahnhofsvorplatz verkehrten – wie im gesamten Stadtgebiet – viel weniger Busse und Straßenbahnen als üblich. Die waren klarerweise gut frequentiert. Das befürchtete Verkehrschaos auf den Autobahnen in die Landeshauptstadtblieb aus. Zwar befanden sich spürbar mehr Fahrzeuge auf der A 12 und A 13, gröbere Staus blieben freilich Fehlanzeige. Auch auf den Straßen im Stadtgebiet herrschte nur ein wenig mehr Verkehr als üblich. Dramatische Konsequenzen dadurch gab es keine.

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Ich als Verkäuferin im Einzelhandel würde mir auch 400 Euro im Monat mehr wünschen.

Eine Pendlerin

Streik stieß manchen Pendlern sauer auf
Vor den Bahnhöfen in Kufstein und Wörgl warteten einige wenige Menschen auf Regionalbusse oder Kollegen, um damit an den Arbeitsplatz zu gelangen. „Diese Aktion der Gewerkschaft stellt eine Kampfansage dar, die bei mir sehr schlecht ankommt“, ärgert sich ein Pendler in Kufstein. Und vor dem Bahnhof Wörgl meint eine verhinderte Zugfahrerin: „Ich als Verkäuferin im Einzelhandel würde mir auch 400 Euro im Monat mehr wünschen.“ Sie kam schließlich äußerst umständlich mit dem Bus und im Wagen einer Kollegin an ihren Arbeitsplatz in Innsbruck.

Dort traf am frühen Vormittag nichtsahnend Luise Schmieg ein. Die Deutsche hatte ihren Freund Daniel in Tirol besucht. „Wir wussten nichts von der Situation. Die Fernbusse zurück nach Köln sind alle ausgebucht, jetzt bleibe ich eben noch einen Tag hier“, lachte sie.

So etwas wie Streik kennen Schweizer nicht
Auch erst am Dienstag geht es für zwei Mitarbeiterinnen der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) weiter. „Wir sind gestern gekommen und wollten jetzt hier einen Augenschein nehmen“, erzählt eine. Kein Wunder, denn Streiks gebe es in der Schweiz nicht. „Der leere Bahnhof ist ebenso gespenstisch wie eindrücklich“, staunen sie.

Rätselraten über volle Bahnhofsparkplätze
Wechsel Richtung Westen ins Oberland: Hier von Chaos ebenfalls keine Spur, dafür gähnende Leere auf den Bahnhöfen Telfs-Pfaffenhofen, Imst-Pitztal und Landeck-Zams. „Wir fahren ganz normal, es gibt ja auch andere Fahrgäste“, sagt der Chauffeur des Postbusses und verlässt den Bahnhof Imst-Pitztal mit nur vier Passagieren. Hier und in Landeck fallen die gut besetzten Parkplätze auf. Möglicherweise sind viele, die weiter entfernt arbeiten, schon am Sonntag mit dem Zug dorthin gefahren.

„Ich muss ja sauber machen“
Unaufgeregt ging der Streiktag an den Osttirolern vorüber. Im Frühverkehr war nicht viel mehr los als sonst, allerdings fielen im Raum Lienz mehr Fahrzeuge aus den Kärntner Bezirken Spittal und Hermagor auf. Von dort pendeln zahlreiche Menschen üblicherweise mit dem Zug zur Arbeit nach Osttirol. Die stiegen am Montag gezwungenermaßen auf das Auto um. Die Parkplätze in der Stadt waren ausgelastet wie an „normalen“ Tagen.

Am gähnend leeren, bestreikten Bahnhof, tat sich eine Reinigungskraft dadurch hervor, dass sie arbeitete. Dienst. Angesprochen darauf, warum sie Dienst versehe, während die von der Gewerkschaft vida vertretenen Kollegen streiken, antwortete sie trocken: „Ich muss ja sauber machen!“

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