31.10.2021 06:00 |

Filzmaier analysiert

Was Allerheiligen mit Politik zu tun hat

Am Montag ist Allerheiligen. Da feiern wir gleich alle Heiligen auf einmal. Es ist wirklich so, dass man irgendwann nicht mehr jeden Heiliggesprochenen einzeln ehren konnte und wollte. Also wurde ein Sammelfeiertag eingeführt. Dieser sollte auch für die Politik eine besonders ruhige Zeit sein. Jede Menge politische Bezüge hat der Tag trotzdem.

1. In den USA steht in der Verfassung, dass Präsident und Kongress – das sind die Volksvertreter im Parlament – immer am „Dienstag nach dem ersten Montag im November“ gewählt werden müssen. Der Wahlmonat wurde im 18. Jahrhundert ausgesucht, weil das sowohl nach der Erntezeit als auch vor dem Winter war. Was das mit Allerheiligen, einem einzigen von 30 Novembertagen, zu tun hat? Sehr viel.

2. Am Sonntag als Tag des Herrn wollten die Amerikaner nämlich aus religiösen Gründen nicht wählen. Zudem brauchten in der damaligen Zeit der Pferde und Kutschen viele Wähler bis zu zwei Tage, um zu ihrem Wahllokal zu reisen. Sie hätten daher bei einer montägigen Wahl am heiligen Ruhetag aufbrechen müssen, was keiner wollte. Am ersten Dienstag im November wählen ging nicht, weil dieser Tag alle sieben Jahre auf Allerheiligen fällt. Um das zu vermeiden, wurde zur Festlegung des Wahltags eine so sperrig klingende Formulierung gewählt.

3. In Österreich haben wir uns hingegen für Wahlsonntage entschieden. Obwohl das nirgendwo direkt vorgeschrieben ist. Daher wäre es möglich, den Allerheiligentag zum Wahltag zu machen. Egal, ob das nun ein Sonntag, Montag, Dienstag und so weiter ist. Was freilich bisher niemals passierte. Irgendwie wäre eine Wahl zu Allerheiligen ein Tabubruch, den kein Politiker und keine Partei auch nur vorzuschlagen wagt.

4. Herrscht daher rund um Allerheiligen zwischen politischen Streithansln sozusagen eine Art unausgesprochene Friedhofsruhe? Na ja. In gewisser Hinsicht schon: Während die ÖVP früher am Dreikönigstag kurz nach dem Jahreswechsel ein traditionelles Treffen abhielt – bei dem einst ebenso gewohnheitsmäßig immer wieder mal der Parteiobmann abgesägt wurde –, hält man zu Allerheiligen und fast noch mehr zu Allerseelen als Tag des Totengedenkens lieber mal den Mund. Nicht nur nach dem Kanzlerrücktritt.

5. Ein Blick auf die verschiedenen Schlagzeilen dieser Tage beweist, dass die klassische Allerheiligenruhe nicht nur unter Christdemokraten weitgehend eingehalten wird. In der modernen Mediendemokratie mit einem Kampf um Aufmerksamkeit im Sekundentakt ist der 1. November neben den Weihnachts- und Osterfeiertagen die letzte verbliebene Ausnahme, dass keine Partei unbedingt in Fernsehen, Radio oder Zeitungen sein will. Sogar im Internet ist es zurzeit vergleichsweise friedlich.

6. Allerheiligen muss schließlich echt nicht den Parteien und ihrem zweifelhaften Ruf vorbehalten sein. Wie wäre es mit der Kirche als altehrwürdige Institution? Statt Politikern könnten uns ja zu Allerheiligen die Kirchenvertreter an gesellschaftliche Werte erinnern. Na ja. Der Haken daran ist, dass nicht nur die Politik ein Negativimage hat. Nach den Daten des APA/OGM-Vertrauensindex misstrauen mehr Österreicher der Kirche, als ihr vertrauen.

7. Die aktuellen und früheren Skandalfälle bei politischen Parteien sind wohlbekannt. Doch hat das Image der Kirche gleichfalls massiv unter Skandalen und sogar sexuellem Missbrauch durch Kirchenobere gelitten. Die Kirche gehört zudem im Empfinden vieler „zu denen da oben“ und ist von der allgemeinen Elitenverdrossenheit betroffen, anstatt als Hüter der Moral zu gelten.

8. Kirchgänger sind für Parteien ein zunehmend an Bedeutung verlierender Faktor im Hinblick auf das Wahlergebnis. Weil sie ständig weniger werden. Statistiker haben halb ernste Rechenspielchen angestellt, dass beim fortgesetzten Schrumpfen der Zahl der Gottesdienstbesucher 2040 der Pfarrer allein in der Kirche wäre und zu sich selbst predigen würde.

9. Natürlich hat die ÖVP speziell im ländlichen Raum die höchsten Stimmanteile unter den auf Kirche und Religion bezogenen Wählern. Doch das liegt auch daran, dass sie ihre besten Wahlergebnisse bei den über 60-Jährigen erzielt, die am ehesten eine Kirche besuchen. Es gibt in Österreich mehr Muslime, mehr Homosexuelle und mehr Grünwähler als Menschen, die regelmäßig in die Kirche gehen.

10. Im geschichtlichen Vergleich kann man die schwindende Bedeutung der Kirche positiv sehen: Als es keine allgemeinen, gleichen und freien Wahlen gab, saßen im „Herrenhaus“ des Reichsrats – unser Parlament seit 1867 – Bischöfe, denen ein fürstlicher Rang zukam.

In den Landtagen dominierten neben Adeligen vor allem Kirchenfürsten. Während Frauen bis 1919 nicht mitstimmen durften, entschieden diese Herren ohne demokratische Rechtfertigung über das Volk.

So gesehen dürften sich in einer Demokratie zu Allerheiligen ruhig mehr gewählte Parteipolitiker zu Wort melden.

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