Di, 14. August 2018

Gerüchte in London

01.04.2011 17:12

Hilft England Gadafi bei der Flucht aus Libyen?

Feilt Gadafi an einem Ausstiegs-Szenario, bei dem England den Steigbügelhalter spielt? Premierminister David Cameron gestand am Freitag zähneknirschend den Geheim-Besuch von Mohammed Ismail, einem Vertrauten des lange Zeit in London beheimateten Gadafi-Sohnes Saif al-Islam. Viel mehr sollte aber offiziell nicht durch die schwarze Tür von Hausnummer 10 dringen. Die Spekulationen schießen allerdings in Kraut.

"Da läuft doch was", schlussfolgerte der "Guardian" am Freitag. Eine andere Interpretation ist auch kaum möglich, sieht man sich die Libyen-Politik der britischen Regierung in den vergangen Tagen an. Erst kommt die halbe Welt zu einer großen Libyen-Konferenz nach London, einen Tag später setzt sich der libysche Außenminister Moussa Koussa in die britische Hauptstadt ab. Wieder einen Tag später wird bekannt, dass die Briten praktisch zeitgleich auch mit einem Gesandten des Gadafi-Regimes verhandelt haben.

Dem Abgesandten sei lediglich gesagt worden, dass es in Libyen umgehend zum Waffenstillstand kommen und Gadafi seine Macht aufgeben müsse. Es habe keinerlei Zusagen oder Deals gegeben, lautet die offizielle Sprachregelung der Downing Street. Ähnliche Worte, wie schon nach der Ankunft von Moussa Koussa. Ihm will man keine Immunität gewähren und die eventuelle Reise nach Den Haag zum Internationalen Strafgerichtshof nicht ersparen.

Geflohener Außenminister soll wegen Lockerbie aussagen
Allein schon wegen der Verwicklung Libyens in den Anschlag über dem schottischen Lockerbie von 1988, als 259 Menschen im Wrack eines Jumbo-Jets der US-Fluggesellschaft PanAm und zusätzlich elf Anwohner starben, verbietet sich den Briten auch jede übertriebene Nachsicht. Die schottischen Regionalbehörden haben schon um eine Vernehmung des Ex-Außenministers Moussa Koussas gebeten, um vielleicht Licht in die noch immer nicht vollends geklärten Umstände zu bringen.

Erfahrenen Diplomaten fehlt der Glaube an solche Beteuerungen der Downing Street. "London will, dass weitere libysche Funktionäre Moussa Koussa folgen - sie werden nicht kommen, wenn sie ihm in eine Zelle folgen", sagte der ehemalige britische Botschafter in Libyen, Oliver Miles. Viel spricht dafür, dass die Drähte beim Londoner Auslandsgeheimdienst MI6 derzeit glühen und ständig Kontakt nach Tripolis gehalten wird.

Koussa-Flucht per Geheimdienst-Shuttle?
Außenminister William Hague räumte ein, er habe noch am vergangenen Freitag mit Moussa Koussa telefoniert - am selben Tag reiste der nach Tunesien aus. Dort bestieg er sein Flugzeug nach Großbritannien und landete in Farnborough bei London - auf einem Flughafen, auf dem es keine Linienflüge gibt. Angeblich soll der britische Geheimdienst die Maschine gechartert haben.

Der grauhaarige Ex-Außenminister ist für die Agenten im Geheimdienst ihrer Majestät kein Unbekannter - er war mehr als 15 Jahre lang Spionage-Chef unter Gadafi. 1979 lebte er für eine Weile als Diplomat in London, wurde allerdings wegen der Verbreitung radikaler Thesen nach kurzer Zeit des Landes verwiesen.

Cameron: "Gadafi-Regime zerbröckelt"
Für Großbritannien sind die Flucht Moussa Koussas und die Gerüchte um weitere prominente Fahnenflüchtige aus Tripolis zunächst einmal ein großer Erfolg. Premier Cameron spricht über die Gadafi-Nomenklatura vorzugsweise von einem Regime, das "zerbröckelt" - auch dank seiner Politik. Von Moussa Kossa und möglichen weiteren Abtrünnigen erhoffen sie sich wichtige Informationen, über das Innenleben der restlichen Führung in Tripolis. Gibt es Frontlinien? Wie sind die Strategien? Wie stark ist die Stellung Gadafis überhaupt noch?

Mossa Kossa, den die Führung in Tripolis nach seiner Flucht kurzerhand zum "alten, kranken Mann" degradierte, dürfte Profi genug sein, diese Informationen nicht ohne Gegenleistung herauszurücken. London darf nicht zu weit gehen, um nicht in den Ruf der Vetternwirtschaft mit dem Regime zu kommen. Eine Gratwanderung. Und schon einmal ein Vorgeschmack darauf, was passieren wird, wenn sich Gadafi selbst für einen Ausstieg entscheiden sollte.

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