03.11.2021 09:00 |

„Krone“-Kolumne

Der Umgang mit Nacktheit und Körperscham

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zu unterschiedlichen Intimitätsgrenzen in der Sauna.

Was dem Sommer der FKK-Strand ist, ist dem Winter die Saunalandschaft. Dort wird offensichtlich, was sonst nur bei gemeinsamen Urlauben mit Freunden erahnbar ist: Der Umgang mit Nacktheit und Körperscham ist in jeder Familie anders.

In der Sauna begegnet man Liebhabern des Schweißes und maximaler Temperaturunterschiede ebenso wie Menschen, die in der Wellness-Ruhe-Oase ihre Pediküre verrichten, seelenruhig, als wären sie auf ihrem Privatklo und hätten doppelt hinter sich zugesperrt. Manche Saunierer haben tatsächlich keinen Genierer. Ihre Liegepositionen lassen von der Intimhaarfrisur bis zum Tamponfaden keine Äußerlichkeit ungesehen.

Andere können gar nicht schnell genug wieder ihre Badesachen unter dem Mantel anziehen. Trotzdem grübeln sie vor jedem Saunabesuch, ob sie ihre Intimhaare diesmal rasieren, stutzen oder doch, mit ihren Haaren, lieber zu Hause bleiben sollen - Ist die Hitze der Sauna nicht ohnehin viel zu heiß? Meistens entscheiden sie sich für letzteres.

Wie ein Fisch im Wasser bewegen sich manche ältere Männer durch die Sauna. Sie taxieren die nackten Körper mit ihrem Kennerblick, recken die Bäuche in den kalten Wasserstrahl und verschnarchen eine Runde Aufguss bei 90 Grad. Im wachen Zustand, und bei besonders eng besetzter Sauna, unterhalten langlebige Sauna-Unikate die Runde schon mal mit Witzen über sexualisierte Übergriffe. Wer gekommen ist, um seine eigene Tiefenatmung zu hören, kann ja in die Frauensauna gehen.

Und das tun auch einige. In der Saunawelt der Frauen müssen sie auch nicht jede unerwünschte Kontaktaufnahme durch hartnäckige Bodenblicke kompensieren. Und sich dem Glück der glücklichen heterosexuellen Paarbeziehung aussetzen. Jene Paare, die sonst den ganzen Tag streiten, aber just in der Wärme des Thermalwassers, und inmitten der Dämpfe im Dampfbad, intime Zärtlichkeiten neu entdecken.

Es gehört zum guten Benehmen, die verliebten Paare genauso demonstrativ zu ignorieren wie die Haare, die sich in der immer größer werdenden Wasserlache am Boden sammeln. Ohnehin ist man in der Hauptsaunazeit damit beschäftigt, den Bademantel und zugehörige Adiletten nicht zu vertauschen und seine körperlichen Bedürfnisse am nächsten Aufguss auszurichten. Trinken nicht vergessen! Für die Liebhaber der entspannten Nacktheit beginnt mit dem kalten Wetter die Hitzezeit. Wer Nacktheit mit Erotik verbindet, wird in der Sauna enttäuscht. Und das soll auch so sein. Denn (die meisten) Saunas sind für zu viel Erotik nicht ausgerüstet. Die Fantasien können Sie mit nach Hause nehmen. Und dafür den Fußpilz da lassen.

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Barbara Rothmüller
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