28.10.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

„Cringe“ & Co.: Wo kommt die Körperscham her?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über die Geburt der Peinlichkeit aus dem Geiste der Körperscham.

In Österreich haben wir es schon 2010 gewusst. „Fremdschämen“ war damals das Wort des Jahres. Nun, elf Jahre später, soll mit „cringe“ angeblich erst ein Gefühl des Fremdschämens bei der deutschsprachigen Jugend angekommen sein. Neu ist dabei allerdings nur das Wort.

Dass unter allen denkmöglichen Wörtern eines Jahres immer wieder das Peinliche solche Prominenz erlangt, ist kein Zufall. Die Pubertät ist bekanntermaßen jene Zeit, in der das Gefühl der Scham mehr als ernst genommen wird. Jeder und alles wird im Jugendalter als peinlich erlebt. Am meisten die eigenen Eltern, trotzdem - oder gerade weil - sie sich um Anpassung an die Jugendkultur bemühen. Es hilft eh nichts. Im jugendlichen Freundeskreis will jeder die heiße Kartoffel möglichst schnell weitergeben: Wer gerade selbst noch als peinlich beschämt wurde, ist froh, wenn endlich jemand anderes dran ist. Die Scham-Abwehr setzt einen Teufelskreis in Gang.

Bei manchen hört die peinigende Peinlichkeit auch im Erwachsenenalter nicht auf. Wo kommt etwa die Körperscham her, die bei manchen Erwachsenen dazu führt, dass sie FKK und Sauna meiden wie andere die Corona-Impfung?

Vor rund 20 Jahren hat die deutsche Psychologin Bettina Schuhrke eine Studie zur Entwicklung kindlicher Schamgefühle durchgeführt. Sie und ihr Forschungsteam wollten herausfinden, wie Familien mit Nacktheit, körperlicher Intimität und Scham umgehen. Dabei fanden sie heraus, dass fast alle Kinder bis zum Volksschulalter lernen, sich zu schämen, zum Beispiel für das Klogehen oder ihre Nacktheit. Eltern schämen sich umgekehrt auch, vor allem für ihre Sexualität, und verbergen diese (zurecht) vor den Kindern.

Scham ist auch etwas Positives. Es ist ein Gefühl, das die Grenzen der Privatssphäre schützt. Kinder sollten früh diese Grenzen auch selbstbewusst abstecken und nicht als „gschamig“ dafür kritisiert werden, wenn sie die Badezimmertür zusperren oder sich vor anderen nicht umziehen möchten. Im Gegensatz zur Selbstscham ist Fremdscham bei kleinen Kindern kaum entwickelt. Deshalb können sie die Intimitätsgrenzen anderer Menschen noch nicht wahren.

Auch für Eltern ist es unangenehm, wenn Kinder ihre Schamgefühle verletzen. Dabei können und sollen erwachsene Betreuungspersonen eigene Intimitätsgrenzen liebevoll, aber bestimmt setzen. Problematisch ist es allerdings, wenn Kinder absichtlich gedemütigt oder bloßgestellt werden. Kein Kind sollte für seinen Körper, seine Sexualität oder seine Gefühle beschämt werden. Nicht in der Familie und auch nicht von anderen Kindern oder Jugendlichen. Während Mädchen lange dazu erzogen wurden, sich für ihren Körper zu schämen, waren es bei Buben eher Gefühle, für die sie beschämt wurden. Die Folgen können wir heute noch bei Erwachsenen beobachten.

Den Teufelskreis aus Scham und Scham-Abwehr zu unterbrechen, ist der Auftrag des Jahres an die Erwachsenen. Und er beginnt damit, sich nicht dafür zu schämen, das Jugendwort des Jahres nicht aussprechen zu können.

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Barbara Rothmüller
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