03.09.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Dinosaurier-Küsse und andere Kindergartenspiele

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über Kindheitsforschung und Kuss-Spiele im Kindergarten.

Vor einigen Jahren haben Kindheits-Forscherinnen in England Kinder im Alter von 5-6 Jahren systematisch im Kindergarten beim Spielen beobachtet. Dabei haben sie festgestellt, dass Kinder regelmäßig Kuss-Spiele spielen, am häufigsten mit verteilten Familienrollen oder beim Heiraten-Spielen. Manchmal wurden auch Bussis von Tieren wie zum Beispiel Plastikdinosauriern anderen Kindern mit lauten Schmatzgeräuschen übermittelt. In anderen Fällen setzten Mädchen, die von Buben zum Küssen in eine Kuss-Hütte gejagt wurden (oder umgekehrt), ihre magischen Superkräfte zur Verteidigung ein.

Wer mit Kindergruppen zu tun hat, kann regelmäßig beobachten, wie Kinder untereinander Nähe und Distanz in solchen Beziehungsspielen aushandeln. Am bekanntesten sind sicherlich Familien- und Doktorspiele, in denen Mutter-Vater-Kind oder medizinische Körperuntersuchungen und -behandlungen nachgestellt werden. Das Interessante an den wissenschaftlichen Beobachtungen der Kinder war, dass sich nicht so eindeutig sagen ließ, ob die manchmal liebevollen, manchmal aggressiven Kuss-Spiele eine sexualisierte Komponente hatten oder nicht. Aus Erwachsenenperspektive ist das auch tatsächlich schwierig zu beurteilen, nicht zuletzt deswegen, weil sich die psychosexuelle Entwicklung von Kindern so stark von der Erwachsenen-Sexualität unterscheidet. So kann es passieren, dass sexuelle Verhaltensweisen von Kindern übersehen werden, oder umgekehrt Kinderspiele von Erwachsenen als sexuell gedeutet werden, die eigentlich für die Kinder nichts Sexuelles an sich haben.

Weil die meisten Erwachsenen wenig sexualpädagogisches Wissen haben, rufen sexualisierte Spiele von Kindern vor allem Sorgen bei Betreuungspersonen hervor. Hat das Kind vielleicht etwas Sexuelles gesehen oder erlebt, das das sexualisierte Verhalten ausgelöst hat? Sexualpädagoginnen erhalten immer wieder verunsicherte Anfragen von Eltern oder Kindergärtnern, ob ein bestimmtes Verhalten „eh normal“ oder schon besorgniserregend sei. Und prinzipiell ist es eine wichtige Entwicklung, dass im Umgang mit Kindern der Kinderschutz großgeschrieben wird. Erwachsene müssen Verantwortung übernehmen und intervenieren, wenn ein Kind sexuelle Gewalt erlebt, oder (meist vermittelt über Pornos) in Kontakt mit Erwachsenensexualität kommt. Auch vor der teilweise unerträglichen Sexualisierung von Kindern in den Medien muss man Kinder schützen.

Vor lauter Sorge wird jedoch manchmal übersehen, dass die sexuelle Entwicklung nicht erst mit der Pubertät, sondern bereits viel früher beginnt. Wenn Kinder ihren eigenen Körper und die Körper anderer Kinder genau unter die Lupe nehmen, ist das erst einmal nichts Ungewöhnliches. Kussspiele, Familienspiele und Doktorspiele wären eine gute Gelegenheit, mit Kindern darüber zu sprechen, dass die kindliche Freude an Intimität etwas Schönes ist, solange sich Berührungen unter den mitspielenden Kindern gut anfühlen. Niemand sollte aus Neugier oder im Überschwang zum Mitspielen gezwungen werden, der das nicht will. Und man kann Kindern auch sagen, dass sie beim Spielen nichts in Körperöffnungen stecken sollen. Vorsichtshalber. Solche Gelegenheiten bleiben jedoch oft ungenutzt, wenn Erwachsene die Kinderspiele eindeutiger machen - und sie deswegen verbieten oder ignorieren - als sie vielleicht sind.

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Barbara Rothmüller
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