Flüchtlingsstrom
Totales Chaos an libysch-tunesischer Grenze
Gastarbeiter aus Ägypten, Bangladesch, viele Schwarzafrikaner, erschöpft und schockiert von der Gewalt der vergangenen Tage, sehen nur noch den rettenden Grenzübergang und mobilisieren ihre letzten Kräfte.
Per Megaphon ruft Mohammed Aslam, Gastarbeiter aus Bangladesch, seine Landsleute am Grenzübergang zur Ruhe und Geduld auf. Sie hätten für eine Baufirma in Tripolis gearbeitet, berichtet er. Mit Beginn der Gewalt seien er und seine Kollegen aber mit einem Male auf sich alleine gestellt gewesen. "Wir wollen zurück nach Bangladesch, aber wir haben von unserer Regierung noch nichts gehört", sagt Aslam.
"Die Tunesier tun alles, was sie können"
Eine Gruppe Ägypter, die es auf die tunesische Seite geschafft hat, empört sich ebenfalls über die Regierung ihres Landes: "Wo ist die ägyptische Botschaft?", rufen sie. "Die Tunesier tun alles, was sie können", sagt Tamer Mohammed, einer von ihnen. "Wir bekommen zu essen und zu trinken, aber wir können uns nicht waschen. Ich habe seit einer Woche nicht geduscht." Ein Vertreter des ägyptischen Außenministeriums versichert, sein Land tue alles Menschenmögliche. In den vergangenen drei Tagen seien etwa 20.000 Ägyptern in ihre Heimat gebracht worden.
Der tunesische Rettungsarzt Samir Abdelmoumen wiederum, der in dem Lager im Einsatz ist, hält Ägypten vor, zu wenig für seine gestrandeten Bürger zu unternehmen: "Vor allem Tunesien stellt Schiffe und Flugzeuge. Ich habe den Eindruck, Ägypten will diese Leute nicht." Noch sei die Lage einigermaßen unter Kontrolle, sagt Abdelmoumen. "Aber wir sind nicht auf 10.000 oder 15.000 weitere Flüchtlinge vorbereitet."
Bisher über 180.000 Menschen geflohen
Laut dem UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) flohen seit Beginn der blutigen Gewalt von Muammar al-Gadafis Sicherheitskräften gegen Regierungsgegner und Aufständische mehr als 180.000 Menschen aus Libyen. Die Sorge um die Flüchtlinge wächst - und die internationale Staatengemeinschaft kämpft bei ihren Hilfsbemühungen gegen die Zeit.
Das UNHCR hat die Staaten der Welt zur Entsendung Hunderter Flugzeuge zur Rettung von Flüchtlingen an der tunesischen Grenze aufgerufen, das UNO-Ernährungsprogramm (WFP) hat Soforthilfen für die insgesamt rund 2,7 Millionen von der Krise betroffenen Menschen angekündigt und schickt Schiffsladungen mit Nahrung. Frankreich und Großbritannien wollen Tausende ägyptische Flüchtlinge mit Schiffen und Flugzeugen in ihre Heimat bringen, mehrere Staaten haben Hilfsmissionen in das Grenzgebiet geschickt.
In Choucha, sieben Kilometer vom Grenzposten Ras Jedir entfernt, stehen bereits Hunderte weiße Zelte der Vereinten Nationen. Doch die Menschen wollen weg, so schnell wie möglich. Hunderte warten am Straßenrand auf Busse, die sie zum Flughafen von Djerba oder zum Hafen von Zarzis bringen sollen.
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