Als Beobachter bleibt einem der Mund offen stehen: Beim Training bei "Altis" in Klagenfurt macht Thomas Morgenstern erst Sprungimitationen mit Stützpunkt-Coach Heinz Kuttin, und gleich danach springt er aus dem Stand über eineinhalb Meter hohe Hürden! Dagegen verblasst selbst der Rückwärtssalto, den er ebenfalls jederzeit aus dem Stand machen kann.
Natürlich sind längst alle Nationen auf der Suche nach Morgi's "Geheimnis". Aber die Ernüchterung ist groß, wenn sie merken, dass es in erster Linie die beinharte Arbeit ist, die ihn wieder zur Nummer eins gemacht hat. Abgesehen vom Mentalcoach hütet Thomas keine Geheimnisse: "Ich gehe nach einem ganz exakten Plan bei meinen Trainings vor. Heinz unterstützt mich dabei perfekt."
Ex-Weltmeister Kuttin erklärt: "Thomas und ich haben alles neu aufgesetzt diesen Sommer, viel verändert im Training. Und er setzt auf den Schanzen alles phänomenal um. In Bischofshofen lässt er sich garantiert auch nicht mehr aus der Ruhe bringen." Morgi wurde zum Tüftler. Kuttin: "Wir haben weit über 1.000 Stunden vor dieser Saison ins Material investiert. Und jetzt erntet er den Lohn für diesen riesigen Aufwand."
"Das Wunder ist geschehen"
Exakt vor einem Jahr krähte noch kein Hahn nach ihm. Thomas Morgenstern war bei der Final-Pressekonferenz der ÖSV-Adler nicht einmal dabei, alles drehte sich um Andi Kofler und Gregor Schlierenzauer. Morgenstern flüchtete nach zwei schlechten Springen in Garmisch und Innsbruck sogar in die Ramsau, um in einem kurzerhand eingeschobenen Geheimtraining irgendwie die Form wiederzufinden. "Ich hab damals auf ein kleines Wunder gehofft. Und es ist geschehen." Der Seebodener fand plötzlich seine Form wieder und feierte nach zweijähriger Sieglosigkeit in Bischofshofen endlich wieder einen erlösenden Weltcuperfolg.
"Fühle mich wie der Bundespräsident"
Am Dienstag war freilich alles anders. Dutzende Kamerateams belagerten das ÖSV-Quartier nahe Bischofshofen, kein Mäuschen hätte bei der Pressekonferenz mehr Platz gehabt. Und diesmal saß nur Morgi auf dem Podium: "Ich fühle mich wie der Bundespräsident", scherzte er in die Mikros, "ich genieße es, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen." Sein Nachsatz: "Aber es wäre schön, wenn das auch so wäre, wenn’s einmal nicht ganz so perfekt läuft."
Mit seinen 24 Jahren ist Morgi zuletzt unheimlich gereift: "Die schwierigen Phasen haben mir diese Leistungen heuer erst ermöglicht", ist sich Thomas bewusst. "Deswegen würde für mich auch keine Welt untergehen, sollte es mit dem Tourneesieg letztlich doch nicht klappen. Aber normalerweise liegt mir Bischofshofen eigentlich sehr gut, die Form stimmt auch – und der Vorsprung ist komfortabel."
27,3 Punkte liegt er vor dem Schweizer Simon Ammann, der am Dienstag erneut betonte: "Thomas hat die Tournee schon in der Tasche." Ob er den Österreicher damit nur in Sicherheit wiegen will? "Also mich macht diese Aussage von Simon nur noch stärker", schmunzelte Morgenstern.
von Max Mahdalik, "Kärntner Krone"
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