13.04.2021 10:09 |

„Krone“-Kommentar

Anschobers Rücktritt: „Ist doch ein armer Hund!“

„Der ist ein armer Hund.“ Das habe ich nicht nur einmal in den vergangenen Monaten über Rudolf Anschober reden gehört. Durchaus von Leuten, die in ihrem Leben mutmaßlich noch nie Grün gewählt haben. Rudolf Anschober war vor wenig mehr als einem Jahr in ihr, in unser Leben getreten wie kein Zweiter. Als unsere Welt mit dem Ausbruch dieser fürchterlichen Pandemie zu wackeln begann, da gelang ihm wie keinem Zweiten, es ein wenig zu stabilisieren. Mit Ruhe, ja Bedächtigkeit, überzeugend zur Schau gestellter Souveränität und Nachdenklichkeit.

Burn-out
Rudolf Anschober, Berufspolitiker seit Jahrzehnten, erster grüner Landesrat in einem Bundesland in der ersten ÖVP-Grün-Koalition (ab 2003) in Oberösterreich. Auch dort ein jahrzehntelanger wackerer Kämpfer für Umwelt und Menschlichkeit. Aber auch einer, der dort, niedergestreckt von einem schweren Burn-out, 2012 monatelang ausgefallen war. Er erholte sich, fand neue Kraft und Ruhe. Viele überraschte dennoch, dass er sich bei der Bildung der ersten türkis-grünen Bundesregierung zum Jahreswechsel 19/20 in die Bundesregierung locken ließ. Doch das Sozial- und Gesundheitsministerium galt zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als das arbeitsmäßig herausforderndste.

„Bella figura“ 
Und dann das! Plötzlich wurde das Ressort zum Anspruchsvollsten und Belastendsten, was die Politik seit vielen Jahren zu bieten hat. Doch Anschober machte, siehe oben, „bella figura“. Katapultiere sich in der Gunst der Österreicher in schwindelerregende Höhen. Höhen über dem Bundeskanzler. Seither, so heißt es hinter den Kulissen, sei die Chemie zwischen den beiden durchaus publikumsbewussten Politikern schwerst getrübt gewesen.

Die „bella figura“ bekam rasch heftige Risse, nicht selten geschürt aus der Ecke des Koalitionspartners, meist aber tatsächlich verursacht durch echte, schwere Missstände im Gesundheitsministerium und an dessen Spitze. Dieses Ministerium, ewig von Sozialdemokraten geprägt und danach zwei Jahre lang von den Blauen teils rüde umgefärbt - ein nicht zu dirigierendes Kakophonieorchester.

Beschimpfungen
Das, was anfangs als Bedächtigkeit des „Dirigenten“ erschienen war, galt rasch als Zögerlichkeit. Im Herbst folgten Konflikte zwischen dem damaligen Corona-Maßnahmen-Scharfmacher Sebastian Kurz und dem damaligen Abwiegler Rudolf Anschober. Was sich im neuen Jahr ins Gegenteil verkehrte. Aus dem allseits beliebten Wunderwuzzi wurde ein Mann, der in den Augen so vieler anderer plötzlich alles falsch macht. In den Augen des Koalitionspartners, in den Augen vieler beinharter, übler Kritiker, die den Minister mit unflätigsten Beschimpfungen in den sozialen Medien überschütteten.

Und doch: Nicht wenige meinen, dass in diesem Amt in dieser Zeit jeder hätte zerbrechen müssen. Erst recht ein sensibler, auf die Außenwirkung so sehr Wert legender anständiger Politiker wie Rudolf Anschober.

Fertiggemacht von den Kritikern, fertiggemacht vom Amt. Und von sich selbst: Nun schleicht sich der Hundeliebhaber davon. Ein armer Hund!

Klaus Herrmann
Klaus Herrmann
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