"Krone"-Interview

Wolfgang Kulterer: Der reiche Banker als armer Landwirt

Kärnten
27.11.2010 17:49
Vom Reitergut in die Untersuchungshaft: Ex-Hypo-Boss Wolfgang Kulterer über Absturz, Ehrgeiz, prominente Freunde und verschwundene Milliarden im Gespräch mit "Krone"-Redakteurin Waltraud Dengel.

"Krone": Sie sind den Österreichern zwar nicht lieb, aber teuer. Die Hypo-Pleite hat die Steuerzahler Milliarden Euro gekostet.
Wolfgang Kulterer: Das ist sehr unfair. Die Öffentlichkeit hat nicht registriert, dass ich bereits seit vier Jahren, einem Monat und 26 Tagen nicht mehr Vorstand dieser Bank bin. 

"Krone": Sie waren 15 Jahre der oberste Chef, und jetzt sollen alle anderen schuld sein?
Kulterer: Ich stehe zu meiner Verantwortung bis zu meinem Ausscheiden. Ich möchte aber wissen: Wo sind die Milliarden, die danach verloren gegangen sind? 

"Krone": Das interessiert uns auch. Wer hat die Milliarden?
Kulterer: Die Milliarden hat überhaupt niemand, weil alles buchmäßig abgewickelt wurde. Die Projekte wurden wegen der Wirtschaftskrise nach unten abgewertet. Das heißt aber noch lange nicht, dass das Geld weg ist.

"Krone": Die Verluste sind virtuell, aber die Steuerzahler müssen real brennen.
Kulterer: Der Steuerzahler hat bisher wegen der Wirtschaftskrise 1,5 Milliarden für die Hypo bezahlt. Auch Großbanken in Wien haben diese Hilfe aufgrund der Wirtschaftskrise beansprucht.

"Krone": Sie sehen viele Schuldige. Warum stehen dann nur Sie im Kreuzfeuer?
Kulterer: Die Namen Hypo und Kulterer sind so eng verbunden, dass es bei allem, was die Hypo betrifft, heißt: Das war der Kulterer. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Weder in guten noch in schlechten Zeiten.

"Krone": Zuletzt waren die Zeiten für Sie eher schlecht. Vom Landhaus in England in die Untersuchungshaft – wie steckt man das weg?
Kulterer: Zuerst: Das Landhaus war nur gepachtet. Jetzt gibt es das überhaupt nicht mehr. Dort waren vier Rennpferde untergebracht, die sind verkauft. Es ist alles weg. Ich muss neu beginnen. Das ist ein Faktum.

"Krone": Und die Untersuchungshaft, aus der Sie vor Kurzem entlassen wurden?
Kulterer: Die ersten 48 Stunden waren ein Schock. Es ist einfach nicht menschenwürdig, was da abläuft. Nach der Überstellung in die Justizanstalt war die Behandlung professionell. Die Leute helfen einem über die ersten Tage. Aber die 90 Tage waren eine brutale Zäsur. Der Kulterer, der aus der Haft entlassen wurde, ist nicht mehr derselbe, der hineingegangen ist.

"Krone": Was hat sich geändert?
Kulterer: Mein maßloser Ehrgeiz ist weg. Etwas Gutes haben die 90 Tage der U-Haft gebracht: Man ist total abgekoppelt, ohne Informationen, ohne Termine. Da hat man Zeit zum Nachdenken.

"Krone": Was würden Sie heute anders machen?
Kulterer: Ich habe mein Leben zu 110 Prozent der Hypo gewidmet, Familie und Freunde vernachlässigt. Das war ein Riesenfehler. Heute will ich nur noch das tun, was mir innerlich Freude macht. Ich wollte und ich habe auch große Dinge erreicht. Ich wollte den Beifall der Öffentlichkeit, die Bewunderung. Heute weiß ich, dass jene, die mich am meisten bewundert haben, nicht meine Freunde waren. Wenn man von der hohen Leiter von ganz oben herunterfällt, sind diese Leute dann die ärgsten Feinde.

"Krone": Offenbar haben Sie aber immer noch genug Freunde. Diese haben jetzt angeblich die Kaution von 500.000 Euro gestellt.
Kulterer: Egal, ob man mir das glaubt oder nicht: Es waren nicht die großen Geschäftspartner von früher, sondern Nachbarn und entfernte Verwandte. Es ist unfair, dass Namen wie Ingrid Flick, Gaston Glock oder Herbert Koch genannt und immer wieder mit der Hypo in einen negativen Zusammenhang gebracht werden.

"Krone": Zumindest Flick und Koch haben mit der Hypo aber gut verdient.
Kulterer: Das ist eigentlich das Komische: Diese Leute investieren in Österreich sehr viel Geld und schaffen Arbeitsplätze. Und jetzt werden sie angeprangert, weil sie bei einem Risikogeschäft mitgemacht haben.

"Krone": Allzu risikoreich stellen sich diese Geschäfte jedoch nicht dar.
Kulterer: Sie hätten ihr Geld auch verlieren können, wenn die Hypo nicht an die BayernLB verkauft worden wäre.

"Krone": Wie sieht denn Ihre Zukunft aus? Angeblich sind Sie fast mittellos. Der reiche Banker als armer Schlucker sozusagen.
Kulterer: Mein Gut in Kärnten habe ich verkauft, um die Kredite zurückzuzahlen. Meine Geschäftsbasis ist durch die ständige Berichterstattung rund um die Hypo-Geschichte zerstört worden. Aber die Kosten bleiben dennoch. Allein für Gutachten und Rechtsanwälte habe ich in den vergangenen Jahren 1,5 Millionen Euro ausgegeben.

"Krone": Sie sind 56 Jahre alt. Sie werden wieder einen Job brauchen.
Kulterer: Aufstehen werde ich immer wieder, so oft man mich auch niederknüppelt. Das wird dann aber etwas komplett anderes sein. Ich kann mir vorstellen, an der Adria ein Boot zu mieten und als Fischer zu arbeiten. Vermutlich werde ich aber eine Landwirtschaft betreiben. Einen Wunsch habe ich aber schon: Ich möchte wieder ein gutes Pferd haben. Sie waren meine Lieblinge. Die Freundschaft, die ich gegenüber den Menschen zu pflegen vergessen habe, haben meine Pferde besessen. 

Interview von Waltraud Dengel, "Kärntner Krone"

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Kärnten
27.11.2010 17:49
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung