Eine Erfolggeschichte

Lautlose Bartgeier: Rückkehr der Knochenbrecher

Bergkrone
07.05.2026 06:49

Nationalpark Hohe Tauern. Plötzlich ein Schatten. Lautlos. Gewaltig. Ein Bartgeier. Fast drei Meter Spannweite. Und ein Comeback, das noch vor wenigen Jahrzehnten unmöglich schien.

Der Südtiroler Biologe Michael Knollseisen begleitet das Bartgeier-Wiederansiedlungsprojekt seit Jahrzehnten und Michi kennt jedes Paar, jeden Horst, jede Geschichte.

Und heuer? Ein Ausnahmejahr. „So viel Arbeit hatte ich schon lange nicht mehr“, sagt der „Bartgeier-Papa“ und lacht, während er mit der „Bergkrone“ in Richtung eines Horstes wandert: „Aber genau das willst du ja sehen.“ Nach dem Überklettern einiger Felsstufen bleibt Michi stehen und blickt hinauf in die Felswand. „Dort oben sitzt ,Ambo‘.“

Bartgeier-Papa Michael Knollseisen kennt jeden Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern.
Bartgeier-Papa Michael Knollseisen kennt jeden Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern.(Bild: Hannes Wallner)

Das Bartgeier-Weibchen wurde 2002 im Salzburger Gasteinertal freigelassen. Schon im ersten Herbst zog sie weiter – ins abgelegene Kärntner Liesertal. Baute ein Revier auf und brütete 2010 erstmals. Erfolgreich 2012. Doch dann kam ein zweites Weibchen dazu.

„Zwischen den beiden hat es richtig gekracht“, erinnert sich der Biologe. Kämpfe. Stress – bis „Ambo“ verschwand. „Wir haben damals sogar die Gräben abgesucht und waren überzeugt, das Bartgeier-Weibchen liegt irgendwo.“ Doch Jahre später ist „Ambo“ jetzt wieder aufgetaucht und hat Nachwuchs.

Ein Projekt, das in den 1980ern begann
Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Bartgeier aus den Alpen komplett verschwunden. Erst in den 1980ern begann die Wiederansiedlung, und der Nationalpark Hohe Tauern war der erste Freilassungsort. 1986 wurden hier erstmals vier Jungvögel freigelassen. Danach folgen weitere Auswilderungen in Frankreich, Schweiz, Italien. Und der Erfolg kann sich sehen lassen: Aktuell kreisen alleine in Österreichs Bergen 40 bis 50 Tiere, sechs Brutpaare gibt es in den Hohen Tauern und vier davon haben heuer Nachwuchs.

Für den Bartgeier-Experten bedeutet die Forschung Knochenarbeit. „Um Weihnachten legen Bartgeier ihre Eier“, erklärt er. „Ende Februar schlüpfen die Jungen und die Horste sind dort, wo man nicht hinwill“, schildert mir der Biologe. In schattigen Nordwänden. „Kälte macht den Vögeln nichts.“

Michael Knollseisen auf dem Weg zu einem seiner Plätze, wo er den Horst beobachten kann.
Michael Knollseisen auf dem Weg zu einem seiner Plätze, wo er den Horst beobachten kann.(Bild: Hannes Wallner)

Beobachtet wird das Brutgeschehen von Michi aus der Distanz. Und auch wir stehen fast einen Kilometer vom Horst entfernt auf der anderen Talseite – und trotzdem reagiert der Bartgeier. Michi: „Die größten Vögel Europas sehen alles.“ Erst später, wenn der Jungvogel flügge wird, geht Michi näher ran und klettert unter den Horst oder seilt sich von oben ab. Nicht für Fotos, sondern für DNA-Proben.

Der Bartgeier selbst ist ein außergewöhnliches Tier und ernährt sich hauptsächlich von gefundenen Knochen. Diese werfen die Vögel aus der Luft auf Felsen, bis sie brechen. Bartgeier sind deshalb auch immer sauber.

„Keine blutverschmierten Aasfresser“, erklärt Michi: „Für einen Geier ist ein Bartgeier fast zu schön.“ Und dann das Fliegen. „Bartgeier sind für ihre Größe unglaublich wendig.“

Neugierig – und plötzlich ganz nah
Und plötzlich zieht ein Schatten über uns. Michi blickt hoch. „Jetzt kommt einer.“ Ein Bartgeier dreht eine Schleife. Kommt näher. Noch näher. Vielleicht 20 Meter über uns. Er schaut. „Bartgeier sind extrem neugierig“, so Michi: „Sie kennen den Menschen seit Jahrtausenden und wissen: Wo Menschen sind, gibt es Nahrung.“

Bartgeier-Papa verlässt den Horst, Mama Bartgeier bleibt beim Jungtier.
Bartgeier-Papa verlässt den Horst, Mama Bartgeier bleibt beim Jungtier.(Bild: Hannes Wallner)
Bartgeier-Jungvogel
Bartgeier-Jungvogel(Bild: Hannes Wallner)

So spektakulär die Bartgeier aber auch sind – ihre Standorte werden vom Nationalpark Hohe Tauern so gut wie möglich geheim gehalten. Zu groß ist die Gefahr durch Störungen. „Es gibt zwar Ranger-Touren, wo man Bartgeier beobachten kann, aber der Horst ist auch dann weit entfernt“, so Michi: „Das Problem ist, dass viele glauben, sie müssen nah ran, aber das ist das Problem während der Brut. Ein falscher Moment, und der Vogel fliegt auf und die Brut ist verloren. Denn Bartgeier-Jungtiere werden oft von Kolkraben attackiert, deshalb bleibt auch immer ein Altvogel beim Jungen.“

Die Wiederansiedlung der Bartgeier in den Alpen ist jedenfalls eines der großen Erfolgsprojekte des Nationalparks Hohe Tauern und es ist einfach eindrucksvoll, diese Knochenbrecher beim Ziehen ihrer Kreise zu beobachten.

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