06.07.2007 17:30 |

Prozess vertagt

Marco bleibt in Untersuchungshaft

Nach drei Monaten Untersuchungshaft in der Türkei bleibt der deutsche Schüler Marco weiter hinter Gittern. Der Prozess gegen den 17-Jährigen aus Uelzen wegen sexuellen Missbrauchs einer 13 Jahre alten Engländerin wurde am Freitag in Antalya vertagt. Einem Antrag auf vorläufige Haftverschonung entsprachen die Richter erneut nicht. "Die Eltern sind schwer getroffen", sagte sein deutscher Anwalt Nikolaus Walther nach der anderthalbstündigen Verhandlung.

Der Prozess werde voraussichtlich am 8. August fortgesetzt, solange bleibe Marco in Haft. Nach türkischen Medienberichten wiederholte er seine Aussagen bei der Polizei, es sei lediglich zum Austausch von gemeinsamen Zärtlichkeiten gekommen. Offiziell gab es keine Stellungnahme der Richter oder der Staatsanwaltschaft.

Vor Gericht verteidigte Marco ein türkischer Anwalt. Bereits Anfang Juni hatte er die vorläufige Freilassung gegen Kaution beantragt. Auch damals lehnten die Richter ab. Seit April sitzt Marco zusammen mit 30 anderen Gefangenen in Untersuchungshaft, nachdem die Eltern der Britin Anzeige erstattet hatten. Das Mädchen selbst war als Hauptbelastungszeugin nicht zur Verhandlung erschienen.

Die Verhandlung hatte unter starkem Medieninteresse begonnen. Marcos Eltern betraten am Freitag gegen 09.45 Uhr den Gerichtssaal im Justizpalast. Der deutsche Anwalt und eine Vertreterin des Auswärtigen Amtes durften der Verhandlung nicht beiwohnen und mussten im Flur warten. Der Gefangenenbus mit Marco war eine Stunde vorher am Gericht eingetroffen. Der 17-Jährige wurde über den Gefangenengang in den Saal gebracht. Auf dem Gerichtsgelände waren während der Verhandlung Foto- und Filmaufnahmen verboten. Wortberichterstatter durften sich aber im Flur vor dem Gerichtssaal aufhalten.

Marcos Anwalt Walther appellierte an die Journalisten, den Eltern des Buben nicht nachzustellen. "Die Eltern sind psychisch nicht in der Lage, Auskünfte zu geben", sagte er. Kamerateams und Fotografen hatten zur Abfahrt der Eltern den Parkplatz des Gerichtes gestürmt, ohne dass die Polizei eingriff.

Zeitgleich zum Prozess in der Türkei versammelten sich in einer Uelzener Realschule Marcos Mitschüler, um ihre Abschlusszeugnisse entgegenzunehmen. Dabei sprach die Schulleitung das Fehlen Marcos an und rief dazu auf, an den Schüler zu denken. Zu dem Zeitpunkt wusste noch niemand in der Schule, dass der Prozess vertagt wurde. Wie in Antalya wurden auch in Uelzen die Medien auf Abstand gehalten, um die Schulfeier nicht zu stören. Die Stadt Uelzen wollte sich zum Schicksal ihres jugendlichen Einwohners nicht mehr äußern. Am Vorabend waren 120 Menschen zu einem Fürbittengottesdienst in der Uelzener St. Petri-Kirche zusammen gekommen.

Der Fall Marco hatte hohe Wellen geschlagen, nachdem in Deutschland die Haftbedingungen in der Türkei kritisiert und Politiker auf eine Freilassung des Buben gedrängt hatten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten sich in den Fall eingeschaltet, wobei die Kanzlerin zuletzt zu "Behutsamkeit und Ruhe" aufgerufen hatte. Die Türkei hatte empfindlich auf Kritik an ihrer Justiz reagiert und betont, der Paragraf, der sexuelle Kontakte mit Kindern unter Strafe stellt, sei bereits 2005 an EU-Normen angepasst worden.

Ebenfalls mit großer Aufmerksamkeit verfolgen türkische Zeitungen das Verfahren gegen den Buben. Im Zentrum stand am Freitag die Kritik an deutschen Medien. Der Rechtsanwalt der britischen Familie, Ömer Aycan, sagte der Zeitung "Milliyet", deutsche Medien hätten versucht, Einfluss auf die Justiz der Türkei zu nehmen. "Die Türkei ist ein Rechtsstaat und die Justiz ist unabhängig", betonte er. In der Berichterstattung sei keine Rücksicht auf die Familie oder die emotionale Verfassung des Mädchens genommen worden. "Es ist eine Tragikomödie, dass der Fall von deutschen Politikern sogar im Zusammenhang mit den EU- Beitrittsverhandlungen mit der Türkei diskutiert wurde."

Bereits am Vortag waren Vorwürfe gegen die deutschen Medien laut geworden. "Sie messen mit zweierlei Maß!", zitierte "Hürriyet" einen empörten türkischstämmigen Vater aus Berlin. Dessen siebenjähriger Sohn war für eine Woche vom Unterricht suspendiert worden, weil er eine Mitschülerin sexuell belästigt haben soll.

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